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Tardi lehnt Ehrung ab Bleibt mir vom Hals mit euren Orden!

 ·  Vom Staat und dessen Privilegien will er nichts wissen: Der Pariser Comiczeichner Jacques Tardi verweigert die Aufnahme in die Ehrenlegion.

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Der Pariser Comiczeichner Jacques Tardi ist ein scheuer Mensch. Fernsehkameras geht er aus dem Weg, Wortmeldungen in den französischen Zeitungen vermeidet er. Journalisten, die ihn ausnahmsweise im Bistro oder gar am Telefon erwischen, weist er meist darauf hin, dass sein umfangreiches Werk ausreichend Stellungnahmen enthalte zu allen Fragen, die die Gesellschaft und die jüngere Geschichte des Landes betreffen.

Seine Comicbände, besonders die zum Ersten Weltkrieg und jene zum kurzen Leben und Sterben der Pariser Kommune, zuletzt auch sein Band „Stalag II B“, geben in der Tat Auskunft, wo der Künstler politisch einzuordnen wäre, wenn er denn überhaupt eingeordnet werden wollte: eher links als rechts, eher staatsfern als staatstragend, möglicherweise anarchistisch im Sinne des Wortes.

Diese eigentlich hinlänglich bekannte Einschätzung des Bürgers Tardi außer Acht lassend, ist der Künstler vor wenigen Tagen von Staats wegen auf die Liste jener wenigen Auserwählten gesetzt worden, die der Präsident der Republik demnächst in den „Nationalen Orden der Ehrenlegion“ (Ordre national de la Légion d’honneur) aufzunehmen gedenkt.

Die Berufung in die von Napoleon Bonaparte am 19. Mai 1802 gegründete Legion gilt als höchste Ehrenbezeugung des französischen Staates gegenüber Militärs oder Zivilisten, die sich „um die Nation verdient gemacht haben“, der Orden selbst genießt Verfassungsrang. Großmeister ist von Amts wegen der jeweils regierende Präsident des Landes, in diesen Tagen also der Sozialist François Hollande. Er hat letztlich zu unterschreiben, was in Sachen Legion beschlossen werden soll.

Im Kreis illustrer Verweigerer

Wie Tardi auf die Liste gekommen ist, weiß er bis zur Stunde nicht. Klar und sicher ist nur, dass ihm die angetragene Ehre nicht behagt, ja „zuwider“ ist, wie er am Donnerstagabend sagte; er lehnt sie ab. In einem handgeschriebenen Brief, den er der französischen Presseagentur AFP mit der Post zuschickte, ließ der international hochgeschätzte Comiczeichner die Verantwortlichen wissen (er verdächtigt die von ihm nicht besonders geschätzte Kultusministerin Aurélie Filippetti): „Unbeugsam mit meiner Freiheit des Denkens und der Kreativität verbunden, will ich (von staatlicher Seite) nichts entgegennehmen - vor allem keine Macht, sei sie politisch oder wie sonst auch immer begründet. Ich lehne mit größter Entschiedenheit den Empfang dieser Medaille ab.“

Tardi ist nicht der Erste, dem sich die Ehre der Legion nicht erschlossen hat. Vor ihm verweigerten sich so bekannte Schriftsteller- und Künstlerkollegen wie Honoré Daumier, Jean-Paul Sartre oder Simone de Beauvoir der Aufnahme.

Die berüchtigte Pariser Satirezeitung „Le Canard enchaîné“ entließ gar einen Mitarbeiter, weil der die Aufnahme nicht abgelehnt hatte. Tardi hält, wie er dieser Zeitung sagt, schon im Allgemeinen nicht viel von Orden und Ehrenzeichen. Sie sind für ihn Werkzeuge der „Instrumentalisierung und Manipulation“, in gewissen Situationen sogar der „Korruption“. Den an rotem Band getragenen blau-weiß-grünen Stern der Legion aber verbinde er im Besonderen mit den Namen jener, die im Mai 1871 der Pariser Kommune ein blutiges Ende bereiteten.

Tardi hat die Geschichte dieses revolutionären Gemeinwesens, das er für den „ersten ernsthaften Versuch einer Demokratie“ hält, in seinem vierbändigen Meisterwerk „Le cri du peuple“ (auf Deutsch: „Die Macht des Volkes“) verewigt. Der Marschall Patrice de Mac-Mahon, in jenem bösen Mai vom damaligen Präfekten Adolphe Thiers an die Spitze der Versailles-Armee kommandiert, ließ die Kommune in wenigen Tagen mit Kanonen zusammenschießen. Am Ende der bitteren Schlacht lagen 30.000 Tote auf dem Pflaster, 38.000 Aufständische gingen in Gefangenschaft, siebentausend von ihnen in die berüchtigten überseeischen Strafkolonien. Beide, Marschall Mac-Mahon und sein ziviler Befehlsgeber Thiers, trugen die Medaille der Legion, beide starben später als Großmeister des Ordens.

„Wie kann man im Ministerium oder gar im Elysée glauben, dass ich ausgerechnet diese ,Ehre’ haben will?“, fragt Tardi. „Wie kann man es wagen, mich auf diese Liste zu setzen, ohne vorher auch nur gefragt zu haben? Wir Künstler brauchen Freiheit. Wir brauchen keine Nähe zum Staat.“ Ob er sich, um der Auszeichnung auch ganz sicher zu entgehen, direkt an den Präsidenten der Republik wenden muss, weiß er nicht. Ein Schreiben an Hollande womöglich? „Warum nicht“, sagt uns Jacques Tardi, „wenn es der Wahrheit dient.“

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