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Dienstag, 18. Juni 2013
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Im Kino: „Take Shelter“ Ein Jedermann im Sturmbunker

 ·  Stimmige Nuancen, mächtiges Ende: In „Take Shelter“ befragt Jeff Nichols den Mythos der Männlichkeit. Befreiendes Kino, das zeigt, wie aus Milieustudien Katastrophen werden.

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Ein Job, ein Haus, eine Frau, ein Kind - das ist es, was das Leben eines ganz normalen, weißen amerikanischen Mannes wie Curtis LaForche ausmacht. Ein „perfektes“ Leben, wie ein Arbeitskollege zu Beginn des Films „Take Shelter - Ein Sturm zieht auf“ von Jeff Nichols sagt. Ein Leben, das in den folgenden zwei Stunden in die Brüche geht, und es sind nicht notwendigerweise äußere Ereignisse, die dies bewirken. Es beginnt vielmehr von innen heraus zu zerfallen, und in der genauen Schilderung dieses Prozesses schafft Jeff Nichols ein Krisenszenario, das für das amerikanische Kino so untypisch wie befreiend ist.

Denn die männliche Handlungskompetenz ist so ziemlich der stärkste Mythos, auf dem das Mainstreamkino beruht. Ein Film wie „Take Shelter“ hat auch die prekäre Freiheit, diesen Mythos auseinanderzunehmen. Curtis LaForche lebt in Ohio, also in jenem Staat im Mittleren Westen, der auch in der politischen Landschaft der Vereinigten Staaten eine Schlüsselrolle einnimmt. Hier entscheiden sich häufig die Präsidentenwahlen, und auch in dieser Hinsicht kann man „Take Shelter“ als einen repräsentativen Film nehmen. Die Schwierigkeiten der weißen, hart arbeitenden, rechtschaffenen Mittelklasse nehmen hier Gestalt an, allerdings auf eine überraschende Weise. Denn Jeff Nichols, der zuvor schon mit dem großartigen „Shotgun Stories“ auf äußerst traditionsbewusste Weise von den Abgründen des Provinzlebens erzählt hatte, setzt das Mentale vor das Reale. Er begibt sich mit seinem beeindruckenden Hauptdarsteller Michael Shannon auf eine Reise in das Innenleben eines starken Mannes, der sich plötzlich als schwach erlebt.

Koste es, was es wolle

Curtis hat Visionen. Er sieht Stürme aufziehen, er sieht, wie die Elemente an den Dingen zerren, er fürchtet um sein Haus, seine Familie, seine Existenz. Dabei ist in der Welt, die wir sehen, alles in Ordnung. Er geht jeden Tag zur Arbeit bei einer Bohrfirma, seine Familie ist intakt, in der Gesellschaft der kleinen Stadt mit ihren typisch amerikanischen Gemeinschaftsformen ist er respektiert. Und doch muss er eines Tages mit Entsetzen feststellen, dass er einen so intensiven Albtraum gehabt hat, dass er ins Bett gemacht hat - ist eine größere Demütigung für einen Mann in den besten Jahren denkbar?

Immerhin ist Curtis klug genug, dass er zum Arzt geht. Dort wird bald klar, dass seine Familiengeschichte ihn anfällig für psychotische Krisen macht. Er ist ein man under the influence, so könnte man in Anspielung auf den kanonischen Film von John Cassavetes zuspitzen, der hier durchaus Pate gestanden haben mag. Dieses Wissen um seinen Zustand macht Curtis nur noch einsamer, er vertraut sich seiner Frau nicht an, sondern folgt seiner inneren Rationalität, die darauf abzielt, sich vor einem bevorstehenden Unglück in Sicherheit zu bringen.

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Kämpft mit Angstzuständen: Curtis (Michael Shannon) baut einen Sturmbunker © dapd Kämpft mit Angstzuständen: Curtis (Michael Shannon) baut einen Sturmbunker

Der Sturmbunker, der in diesen Gegenden Amerikas zu vielen Eigenheimen gehört und durch zahlreiche Filme zum Inbegriff des Rückzugsorts in großer Bedrängnis geworden ist, wird für ihn zur Obsession. Er lässt die Wiese hinter dem Haus aufreißen, baut Lüftungsschächte ein und verwendet alle Energie und irgendwann auch mehr als nur das ersparte Geld auf diesen Bunker, in den sein perfektes Leben passen soll: die Frau, das Kind. Das Eigenheim wäre dann unterirdisch, und sein Job wäre der letzte, auf den es für einen amerikanischen Mann eben hinausläuft: die Familie zu schützen, koste es, was es wolle.

In mancherlei Hinsicht kann man bei „Take Shelter“ Vergleiche zu Terrence Malicks „The Tree of Life“ ziehen - nicht nur, weil Jessica Chastain auch hier die weibliche Hauptrolle spielt. Was dort die ebenso transzendente wie unheimliche Durchwirkung alltäglichen Familienlebens mit Ewigkeitsmotiven war, ist hier der Himmel in seinen vielfachen Erscheinungen. Die Welt kündet von etwas anderem - darin kommen diese beiden Filme überein, die aus ihren Erschütterungen auch durchaus ähnliche Schlüsse ziehen. Denn Jeff Nichols verändert gegen Ende seines Films die Beobachterposition noch einmal beträchtlich. Er lässt das Unterscheidungsvermögen zwischen Wahn und Wirklichkeit brüchig werden, aus einer Milieustudie wird ein Katastrophenfilm, aus Psychopathologie wird Apokalyptik. Das ist ein mächtiges, aber auch problematisches Finale eines davor gerade in den Details und Nuancen überzeugenden Films über jenes „small town America“, das vielfach als das genuine beschworen wird.

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