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Taj Mahal zum Siebzigsten : Dem Blues schlägt keine Stunde

Taj Mahal im Jahr 1999 während eines Konzerts in Hamburg Bild: picture-alliance

Der amerikanisch-karibische Rockmusiker Taj Mahal beherrscht fünf Sprachen und zehn Instrumente. Zum Geburtstag eines musikalischen Pioniers mit archaischer Grundierung.

          Die eigene Herkunft zu betonen, ist in der bluesorientierten Rockmusik weder falsche Bescheidenheit noch Koketterie. Der frühverstorbene Thin-Lizzy-Chef Philip Lynott machte den Genauigkeitsgrad, mit dem er darauf zu sprechen kam, davon abhängig, wo er sich gerade befand: „Wenn ich in England bin, sage ich, ich komme aus Irland; wenn ich in Irland bin, sage ich, ich komme aus Dublin; wenn ich in Dublin bin, sage ich, ich komme aus Crumlin; wenn ich in Crumlin bin, sage ich, ich komme aus der Leighlin-Straße; und wenn ich in der Leighlin-Straße bin, sage ich, ich bin ein Lynott.“

          Edo Reents

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.

          Diese bis zur Feineinstellung heranzoomende Perspektive war Taj Mahal, der in Harlem, New York, geboren wurde, immer fremd; das merkt man schon am Namen: Wer sich so nennt, der ist in der Welt als solcher zu Hause. Tatsächlich hat der Sohn eines jamaikanischen Jazzmusikers und einer Gospelsängerin aus South Carolina schon Weltmusik gemacht, bevor es den Begriff überhaupt gab, hat Blues, Rock, Country, Gospel, Jazz, Calypso, Reggae und Hawaii, also praktisch alles miteinander verschmolzen und in ganz grundsätzlicher Weise das amerikanisch-karibische Erbe mit dem afrikanischen kurzgeschlossen. Dass er darunter nicht verschwand und sich nie ins Beliebig-Opportunistische verlor, liegt nicht nur an seiner hünenhaften Gestalt, sondern an der wirklich nur archaisch zu nennenden Grundierung seiner musikalischen Persönlichkeit. Bei jedem anderen wäre diese Zuschreibung eine Tautologie, aber Taj Mahals Blues kommt von weiter her als der Eric Claptons, sogar als der B. B. Kings; er wäre allenfalls mit John Lee Hooker oder Robert Johnson zu vergleichen.

          Vom Murmeln bis hin zum Brunftschrei

          Ethnizität, der Lieblingsbegriff globaler Kultur, hat bei ihm darum ganz andere Relevanz als bei den Musikern, denen es vor allem um eine Starkarriere geht, die ja in der Regel Zugeständnisse an den Markt verlangt und die Taj Mahal deswegen, ungeachtet selbst seines Woodstock-Auftritts, auch nur sehr bedingt erreicht hat. Dafür war er zu sehr immer auch Forscher und hierin Alan Lomax, dem größten Archivar amerikanischer Folklore, ähnlich. Obwohl es längst zu Tode zitiert ist, bleibt richtig, was Taj Mahal in den sechziger Jahren, nach seinem durch Farmarbeit ermöglichten Landwirtschaftsstudium über sich selbst sagte: „In erster Linie bin ich Afrikaner, in zweiter ein schwarzer Jamaikaner und erst in dritter ein schwarzer Amerikaner.“ Deswegen legte Henry Saint Clair Fredericks, wie er eigentlich hieß, seinen Sklavennamen ab, noch bevor er 1964 mit dem damals minderjährigen Ry Cooder, der später sein weltmusikalischer Rock-Antipode wurde, das hochinteressante Folk-Blues-Projekt The Rising Sons schmiedete.

          Taj Mahal beherrscht fünf Sprachen und zehn Instrumente. Sein Gitarrenspiel ist technisch nicht weiter bemerkenswert, aber ausdrucksstark und hat es nicht nötig, mit virtuosen Mätzchen zu imponieren, genauso wenig wie seine ungehobelte Stimme, die vom beiläufigen Murmeln bis hin zum Brunftschrei alle Schattierungen beherrscht. Obwohl er sie jederzeit hätte haben können, kam er in seinen zahlreichen Ensembles meistens ohne prominente Mitspieler aus. In der Interpretation unterschiedlichster Klassiker, vom „Statesboro Blues“ bis hin zu „Stagger Lee“, war er genauso ein Meister wie mit seinen eigenen Liedern, von denen „Corrina“ wohl immer noch das beste ist.

          Dass seine Aufnahmen trotz ihrer stilistischen Vielfalt einen bemerkenswert homogenen Eindruck machen und bis heute ausgesprochen hochwertig sind, ist einem Interesse an Traditionen zu verdanken, das jeder Art von Musik auf den Grund gehen will und zuletzt einen Aspekt von Zeitlosigkeit berührt, der das Geheimnis seines tief geerdeten, sich absolut zwanglos äußernden Künstlertums ist. Etwas in ihm, so meinte er früh, sei mehr als tausend Jahre alt. Was den Rest betrifft, so sind es vom heutigen Himmelfahrtstag an siebzig.

          Quelle: F.A.Z.

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