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Taiwan : Die andere Kulturrevolution

Die freieste, reichste und vielfältigste Stadt in der chinesischsprachigen Welt: Taipeh Bild: picture-alliance/ dpa

Wo liegt das echte China? Für Taiwan, die 1949 abgespaltene Inselrepublik, ist die Sache klar: Hier pflegt man das authentische Erbe. Aber für die eigene Identität ist auch die Abgrenzung wichtig.

          Bei China als diesjährigem Ehrengast der Frankfurter Buchmesse geht es offenkundig nicht bloß um einzelne Schriftsteller und nicht nur darum, wie sich die Pekinger Regierung auf einer internationalen Kulturbühne präsentiert. Es wird auch darum gehen, was im gegenwärtigen Stadium der Globalisierung „China“ für die Welt überhaupt bedeuten mag. Und da hat eine Region ein Wörtchen mitzureden, die im chinesischen Pavillon gar nicht vertreten sein wird: Taiwan.

          Mark Siemons

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Der Kampf um die eigene, chinesische und nichtchinesische Identität, der seit dem Ende der Diktatur 1987 auf der Insel tobt, erreicht in diesen Tagen einen neuen Höhepunkt. Als fast nirgendwo mehr anerkannter Staat, der diplomatisch zwischen allen Stühlen sitzt, ist Taiwan in einem viel existentielleren, grundlegenderen Verständnis eine „Zivilgesellschaft“ und ein „Kulturstaat“ als andere Weltgegenden: Kulturelle Debatten sind hier ganz unmittelbar politisch, da sie den Boden dessen betreffen, von dem her eine Politik überhaupt möglich ist.

          Was ist überhaupt „China“?

          In Ermangelung eines souveränen, voll handlungsfähigen Staats stellt sich den Taiwanern seit mehr als zwanzig Jahren die Frage: Wie können wir unsere mühsam errungene Demokratie und Eigenständigkeit gegenüber der Volksrepublik, die auf uns Anspruch erhebt, behaupten? In welchem Sinn gehören wir, wenn überhaupt, zu China, und was gehört außerdem noch zu uns? Was ist überhaupt „China“, abgesehen von der das Land zurzeit regierenden Kommunistischen Partei? So wird Taiwan für die Diskussion, was die chinesische Kultur zur Gegenwart beitragen kann, unentbehrlich.

          Die Publizistin Lung Ying-tai, die spätestens seit ihrer Amtszeit als Kulturbeauftragte der Stadt Taipeh Ende der neunziger Jahre eine der bekanntesten und umstrittensten Intellektuellen Taiwans ist, veröffentlicht gerade ein Buch mit dem Titel „1949“, das sich zum Ziel setzt, alle nur oberflächlich verkrusteten Wunden dieser vielfach zusammengesetzten Gesellschaft aufzureißen. Wir treffen sie in den Räumen einer Stiftung, die ihren Namen trägt und die seit fünf Jahren der durch die diplomatische Isolation drohenden Provinzialisierung Taiwans wehren will; hier finden Diskussionen zu internationalen Fragen mit internationalen Teilnehmern statt. Frau Lung ist eine energische Person, die nicht gern Zeit verliert, aber dabei doch immer charmant und verbindlich bleibt. Während wir mit ihr am Tisch sitzen, schreibt sie die chinesischen Schriftzeichen für die Danksagung ihres Buchs auf ein Papier; erst am Tag zuvor ist das Manuskript fertig geworden.

          Schweigen über doppelte Scham

          1949 stießen Tschiang Kai-scheks Truppen und die anderen Flüchtlinge vom Festland, insgesamt etwa 1,2 Millionen Menschen, in Taiwan auf die schon lange dort lebenden chinesischen Emigranten und Ureinwohner der Insel. Tschiangs nationalistische Partei, die Kuomintang, errichtete ein diktatorisches Regime, das mit volltönender Rhetorik für sich in Anspruch nahm, das wahre China zu repräsentieren und so rasch wie möglich auch wieder die Macht auf dem Festland zu übernehmen. Doch hinter diesem Triumphalismus verbarg sich laut Lung Ying-tai das Schweigen über eine doppelte Scham: Sowohl die Alteingesessenen als auch die Zugezogenen hatten gerade einen Krieg verloren - die Kuomintang den Bürgerkrieg gegen die Kommunisten, die Taiwaner als Untertanen und Soldaten einer japanischen Kolonie den Weltkrieg im Pazifik. Lungs Buch erzählt von den Traumata, die seither verdrängt wurden, von der Belagerung der Stadt Changchun durch die Rote Armee etwa, die nur 170.000 von 1,2 Millionen Einwohnern überlebten, oder von den Kriegsverbrechen, an denen auch Taiwaner in japanischen Diensten ihren Anteil hatten.

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