Home
http://www.faz.net/-gqz-6x1dy
Mehr Angebote
| Abo|Hilfe
Donnerstag, 23. Februar 2012
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Tagung im Literaturhaus Frankfurt Arabischer Textfrühling

22.01.2012 ·  Revolutionäre Autorinnen und Autoren in Frankfurt: die Arabellion verhalf den „Tagen der arabischen Literatur“ zu großem Echo. An der Politik führte auch im literarischen Gespräch kein Weg vorbei.

Von Lena Bopp
Artikel Bilder (3) Lesermeinungen (0)

Noch vor anderthalb Jahren wäre nicht denkbar gewesen, was sich am Wochenende in Frankfurt ereignete: Die Gesellschaft zur Förderung der Literatur aus Afrika, Asien und Lateinamerika hatte zu den „Tagen der arabischen Literatur“ geladen - und es kamen so viele, dass sich die Schlange vor der Kasse im Literaturhaus in einem großen Bogen durch das gesamte Foyer zog und den Letzten im Glied schließlich mitgeteilt werden musste, dass sie leider zu spät gekommen waren. Niemals wäre das Interesse an arabischer und nordafrikanischer Literatur so groß gewesen, hätten die Länder in der Region nicht in den vergangenen Monaten einen Umsturz erlebt, der in ihrer Geschichte einzigartig ist. Die politischen Ereignisse haben den Weg hin zur Literatur, den so viele Besucher nun beschreiten wollten, erst geebnet, und so war im Grunde vorhersehbar, dass man auch in Frankfurt nicht über Literatur würde sprechen können, ohne die Politik stets im Blick zu behalten.

Für die vielen angereisten Fachleute, die als Arabisten und Orientalisten seit Jahren die literarischen Felder in Syrien, Ägypten, Tunesien, Bahrein und dem Libanon beackern, mag dies ernüchternd gewesen sein. Doch was sollte man einer Frau wie der Syrerin Rosa Yassin Hassan entgegnen, der es nach wochenlangem Ringen mit den Behörden in ihrem Land erst in letzter Minute gelungen war, ein Visum zu ergattern, und die nun freimütig erklärte, sie wäre gar nicht gekommen, hätte sie den Eindruck gehabt, dass man in Frankfurt nur über Literatur sprechen wollte.

Denn natürlich war, was sie über die Lage in ihrem Land zu berichten hatte, schockierend: Den von den Vereinten Nationen geschätzten sechstausend Menschen, die im Kampf mit dem Regime ihr Leben verloren hätten, stellte die resolute junge Frau eine weitaus höhere Dunkelziffer entgegen. Alle Menschen lebten in Angst, viele im Untergrund, die Verletzten mit Medikamenten und Nahrung zu versorgen sei schwierig und gefährlich. Internet und Telefon würden überwacht, die Kommunikation unter den Aufständischen aufrechtzuerhalten sei nur unter größten Vorsichtsmaßnahmen möglich. Repression und Zensur, jene Faktoren, die die Revolutionen in den arabischen Ländern maßgeblich verursacht haben, hat Rosa Yassin Hassan selbst erlebt. Wegen ihrer Texte ist die Journalistin und Autorin Dutzende Male verhört und zudem mit einem sechs Jahre dauernden Reiseverbot bestraft worden. Von den vier Büchern, die sie bisher geschrieben hat, durfte nur der Roman „Ebenholz“ in Syrien in einer zensierten Version erscheinen; die anderen konnten nur in Ägypten und im Libanon veröffentlicht werden.

Die literarische Stimme gelangt selten ans Ziel

Vor diesem Erfahrungshintergrund, den Rosa Yassin Hassan mit ihren Kollegen, etwa dem aus Bahrein stammenden Dichter Ali Al-Jallawi und dem Ägypter Magdy El-Shafee, die ebenfalls beide Opfer der Zensur geworden sind, teilt, war zu verstehen, warum sie weniger über ihre Texte und mehr über politische Forderungen sprechen wollte. Den realpolitisch motivierten, aber auch etwas naiven Einwand mancher Zuhörer, von Diskursen über große gesellschaftliche Veränderungen, die ohnehin Generationen dauern würden, vorerst abzusehen und sich stattdessen lieber der Frage zu widmen, wie die schon vorhandene kritische (Text-)Substanz unterstützt werden könnte, parierten nahezu alle angereisten Autoren sinngemäß mit dem Argument: Wir brauchen nicht mehr kritische Texte, wir brauchen Meinungsfreiheit! Und natürlich ist nachvollziehbar und richtig, dass man von niemandem erwartet, im Aufstand sein Leben zu riskieren und sich gleichzeitig mit weniger als allem zufriedenzugeben. Wer eine Revolution anzettelt, will eine Revolution.

Die Frage, wie Forderungen nach Meinungsfreiheit, Rechtssicherheit, Gleichheit der Geschlechter und so fort in den sich im Umbruch befindenden Ländern durchgesetzt werden könnten, ließ sich indes nur unzureichend beantworten. Die ägyptische Schriftstellerin Mansura Eseddin verwies auf die Gefahren der im Gang befindlichen „Konterrevolution“ religiöser Kräfte in ihrem Land. Der algerische Autor Boualem Sansal, letzter Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels, zeigte sich mit Blick auf die Erfahrungen in seinem Land provokativ-pessimistisch: „Die Freiheit macht naiv.“ Wenn islamistische Parteien die Wahlen gewinnen, wie in Tunesien und Ägypten geschehen, würde schon bald wieder der Ruf nach dem Militär aufkommen. Auch die Möglichkeiten der Literatur schätzte er in diesem Zusammenhang als schlecht ein. „Die Literatur kann nicht viel ausrichten. Meine Bücher gelangen ja gar nicht in mein Land.“

Vor allem die Frauen stoßen den Diskurs an

Dabei zeigte sich in jenen Texten, die auf dem Frankfurter Podium dann doch noch gelesen wurden, deutlich, dass die Literatur sehr wohl in der Lage ist, die künftigen wichtigsten Konfliktfelder aufzureißen: Die Bücher von Mansura Eseddin und der Libanesin Alawiyya Sobh lassen sich jedenfalls nur als engagierte Literatur bezeichnen, denn beide widmen sich einem der großen Tabuthemen in ihren Ländern: der weiblichen Sexualität. Eseddin erzählt in ihrem Roman „Hinter dem Paradies“ von jungen Ägypterinnen, die versuchen, aus der Enge der ländlichen konservativen Welt, aus der sie stammen, herauszutreten und ein Leben zu führen, über das sie frei bestimmen können. Für Mansura Eseddin bedeutet dies vor allem, dass sich die Frauen ihres Körpers und seiner Bedürfnisse bewusst werden - ein Gedanke, den sie im Roman in einer scheuen Sexszene auszudrücken suchte, für die sie in Ägypten von Männern, kurioserweise aber auch von Frauen kritisiert worden ist.

Auch Alawiyya Sobh, die im Libanon als Chefredakteurin einer Frauenzeitschrift arbeitet, begibt sich in ihrem Buch „Marjams Geschichten“ auf die Suche nach einer Sprache, in der sie über die Wünsche und Begierden der Frauen schreiben kann. „Wir Frauen sind relativ neu in dem Business der Schriftstellerei, aber wir sollten versuchen, die Beziehung zwischen der Sprache und unseren Körpern wiederherzustellen, ihn so darzustellen, wie wir ihn empfinden und nicht, wie Männer ihn sehen.“ Dieser Versuch führte im Literaturhaus nicht nur dazu, dass man eine unglaublich lustige Passage über eine rabiat sich der Männer bedienenden Frau hören konnte. Er führte auch zu der seltsam anmutenden Erkenntnis, dass sich die emanzipatorischen Gedanken mancher arabischer Frauen von jenen ihrer westlichen Kolleginnen gar nicht so sehr unterscheiden.

Weil die Frage nach der Rolle und den Rechten der Frauen in der arabischen Welt aber aufs engste mit der Stellung der Religion in jenen Gesellschaften verbunden ist, wurde man schnell auf ein weiteres künftiges Konfliktfeld gestoßen. An einer Diskussion mit den so starken religiösen Kräften in den Ländern wird künftig kein Weg vorbeiführen. Und ganz gleich, wie wenig Chancen Alawiyya Sobh oder auch Boualem Sansal solchen Gesprächen in der Wirklichkeit beimessen wollen - in der Literatur, dies war das hoffnungsvolle Zeichen, das von Frankfurt ausging, hat der Diskurs längst begonnen.

Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Wart’ nur, Europa!

Von Mark Siemons

China werde ständig von Europa beleidigt, schreibt „Global Times“, der publizistische Beißhund der Kommunistischen Partei, und fragt sich, weshalb das Land den Europäern in der Schuldenkrise helfen sollte. Mehr 1