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Tagträumen : Geist, wo bist du?

  • -Aktualisiert am

Fast die Hälfte unserer wachen Stunden ist unser Geist nicht bei der Sache. Auf dem ersten Blick hat das gedankliche Abschweifen nur Nachteile. Ist ein wandernder Geist tatsächlich ein unglücklicher Geist?

          Meist geschieht es beim Lesen: Die Augen folgen dem Text Zeile für Zeile, aber die Gedanken sind bei der abendlichen Verabredung, beim nächsten Urlaub, bei der bevorstehenden Prüfung. „Situt“ heißt dieses Phänomen: „stimulus-independent and task-unrelated thought“, zu deutsch: Tagträumerei. Und die passiert nicht nur beim Lesen: Forscher haben Probanden mit Kameras zur Verfolgung des Blickverlaufs und iPhone-Applikationen ausgestattet und festgestellt, dass unser Geist ein Drittel bis die Hälfte unserer wachen Stunden nicht bei der Sache ist (Jonathan W. Schooler, Jonathan Smallwood et al.: „Meta-awareness, perceptual decoupling and the wandering mind“, in: Trends in Cognitive Sciences, Band 15, 2011).

          Auf den ersten Blick hat die Tagträumerei nur Nachteile: Der gedankenlose Leser, so haben Erik D. Reichle und Kollegen gemessen, folgt den Zeilen langsam und gleichmäßig, seine Augenbewegungen werden nicht von den inhaltlichen und formalen Anforderungen des Textes bestimmt, er versteht kein Wort („Eye movements during mindless reading“, in: Psychological Science, Band 21, 2010). Bei anderen Aufgaben verhält es sich ähnlich: erst schweift der Geist ab, dann macht der Mensch Fehler. Zudem verursacht Tagträumerei schlechte Laune: Menschen sind nachweislich unglücklicher, wenn sie nicht bei der Sache sind, das gilt selbst dann, wenn sie von etwas Erfreulichem träumen. Viele Religionen lehren, Glück sei allein in einem ruhigen Geist zu finden, der im Hier und Jetzt verharrt. Sie haben recht, meinen Matthew Killingsworth und Daniel Gilbert: Ein wandernder Geist ist ein unglücklicher Geist („A wandering mind is an unhappy mind“, in: Science, Band 330, 2010).

          Die Genialität des abschweifenden Geistes

          Doch die Tagträumerei hat auch Vorteile. Die Fähigkeit, den eigenen Geist in flagranti zu erwischen, ist ein Fenster, durch das Forscher Einblick in die Zusammenhänge von Wahrnehmen und Denken, die Natur des Bewusstseins und die Fähigkeit, die eigenen Bewusstseinsinhalte zu regulieren, gewinnen können. Reichle etwa hofft darauf, Lesestörungen besser zu verstehen. Andere bemühen sich, die Tagträumerei mit Biofeedback oder Aufmerksamkeitstraining besser zu nutzen, denn Anekdoten über geniale Einfälle des abschweifenden Geistes sind Legion.

          Die Fähigkeit, zwischen verschiedenen Aufmerksamkeitsbereichen zu wechseln, dürfte in der Evolutionsgeschichte von Vorteil gewesen sein, und auch als Moment der mentalen Erholung, der Regulation von Emotionen und des Wachbleibens in langweiligen Situationen ist das Tagträumen im Gespräch. Seine wichtigste Aufgabe aber bestehe darin, zu planen, zu entscheiden und die Zukunft durchzuspielen, denn der wandernde Geist befasst sich in den allermeisten Fällen mit der Zukunft und der Selbstreflexion, so David Stawarczyk und Kollegen („Mind-wandering: Phenomenology and function as assed with a novel experience sampling method“, in: Acta Psychologica, Band 136, 2011).

          Der wandernde Geist ist demnach Segen und Plage zugleich: Er beansprucht genau die Hirnregionen, die nötig wären, um bei der Sache zu bleiben. Doch er ist nicht einfach abgelenkt, er nimmt sich viel Zeit, jenseits der alltäglichen Beschäftigungen über die wirklich wichtigen Dinge nachzudenken. Wer weiß, ob wir das freiwillig täten.

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