Home
http://www.faz.net/-gqz-2e2g
Mehr Angebote
| Abo|Hilfe
Sonntag, 19. Februar 2012
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Tagkritik Vergnügen für Insider: Haußmanns „Paul und Paula“ langweilt die Wessis

22.12.2000 ·  Leander Haußmanns „Paul und Paula“ in der Berliner Volksbühne zeigt eine Trennlinie zwischen Ost und West: Wo die einen jubeln, reagieren die anderen mit Unverständnis.

Von Waltraud Schwab
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Die DDR ist der bessere Stoff fürs Theater. Immerhin handelte es sich um eine Gesellschaft, in der jeder wusste, was erlaubt und was verboten ist. Sich von solch paradiesischem Zustand zu verabschieden, ist selten leicht. Offen allerdings ist, ob die historische Sache heute eher zur Tragödie oder Komödie taugt.

Leander Haußmann, dem vor zwei Jahren mit dem Film „Sonnenallee“ schon einmal die Zurschaustellung des DDR-Alltags gelang, versucht sein Glück mit dem Stoff nun im Theater. In der Volksbühne hat er „Paul und Paula. Die Legende vom Glück ohne Ende“ inszeniert und dafür ein zwiespältiges Echo erhalten. Von „grauenhaft“ bis „toll“ reichen die Reaktionen des Premierenpublikums.

Die Liebesgeschichte von Ulrich Plenzdorf sollte schon 1981 in der Volksbühne auf den Spielplan. Allerdings wollte die damalige Obrigkeit ihrer Bevölkerung diesen Stoff dann doch nicht zumuten. Das Stück wurde abgesetzt, bevor es überhaupt aufgeführt war. Paula, das leidenschaftliche Luder, muss der Zensur ein Dorn im Auge gewesen sein. Da nämlich macht eine, was sie will, selbst wenn ihre große Freiheit nur die Liebe ist. Eine zweifelhafte Freiheit übrigens, denn zwei Kinder von zwei Männern hat sie schon. Ihr großes und letztes Glück allerdings ist Paul, Sandkasten-Gefährte aus der Singerstraße in Friedrichshain.

Paula, Kassiererin in der Kaufhalle, schafft es, den Karriere-Anwärter Paul von seinem guten DDR-Weg abzubringen. Das geht nicht ohne Hin und Her, und das ist schon die ganze Geschichte. Die beiden kriegen sich, aber sie stirbt bei der Geburt ihres dritten Kindes.

Eine Rückblende aus der Laubenkolonie

Haußmann verlegt das Stück wurde in eine Laubenkolonie von Heute. Die alt gewordenen Bewohner der naturgetreu nachgebauten DDR-Bungalows aus Asbest (Bühnenbild: Bert Neumann) schwelgen in Erinnerungen an die unverbiegbare Paula, die aus dem Opportunisten Paul ebenfalls einen Kaufhallenkassierer macht. Selbst haben die Laubenpieper, alles frühere Nachbarn der beiden Liebenden, das nicht geschafft. Ihre Freiheit endet im Liegestuhl beim Grillen. In Rückblenden rekonstruieren sie aus ihrer damaligen Statisten-Perspektive das Geschehen. Mit Klamauk, Geschrei und theatralem Slapstick wird viel DDR-Identität mit in die Arena geworfen. Es geht um Sex, Saufen, Tratschen, Ausspionieren und Tanzen (Puhdys, Beatles und Stones). Denn Hedonisten waren die Bewohner alle, aus Mangel an anderen Alternativen. Alles geschieht übrigens im Kollektiv - deshalb wäre es unfair, einzelne Schauspieler hervorzuheben.

Ein Vergnügen für Insider

Wenn Wiedererkennen das Non plus ultra des Theaters ist, dann werden sich alle Zuschauer mit Ostsozialisation bestens vergnügen bei dieser Inszenierung. Denn schon die gekonnte Kopfbewegung eines „Abschnitts-Bevollmächtigten“ (westdeutsch: Kontaktbereichs-Beamter) bringt sie zum Lachen. Das ist die eine Sicht auf die Dinge. Die andere: „Da wird einer in eine ABV-Uniform gesteckt und schon kriegt ein Teil des Publikums einen Lachkrampf. Kindertheater in Ferienfreizeiten ist besser.“ Orginalton einer Westberlinerin. Elf Jahre nach 1989 hat eben immer noch keine Wiedervereinigung stattgefunden, nur eine Wende. Leander Haußmann ist das Schelmenstück gelungen, dies auf der Bühne zu zeigen, indem er einen Teil des Publikums begeistert, den anderen aber langweilt. Weil die Nerven schon durch die Übertreibung der Oberfläche blank liegen, fällt ein anderer Aspekt des Stückes gleich ganz unter den Tisch. Die Frage nämlich, ob Paula „die DDR“ ist. Stirbt sie deshalb bei der Geburt ihres dritten Kindes? Das ist ein Bastard, sein Vater in Wirklichkeit ein Wendehals.

Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Hörnchen, alaaf!

Von Hubert Spiegel

Krebserregende Kostüme aus Fernost und jede Menge Alkohol: Der Karneval kann unangenehm werden. Doch ein kleines Tier im malaysischen Urwald bietet die (fast) perfekte Lösung. Mehr 1