Nehmen wir zum Beispiel diesen Abend. Eine mittelgroße Veranstaltung in Berlin. Es soll aus einem Buch gelesen werden. Danach werden Ausschnitte aus einem Film gezeigt. Dann wird diskutiert. Zwei der Teilnehmer kommen aus Frankreich. Für alle, die kein Französisch sprechen, sind Dolmetscher engagiert. Für alle, die nicht sehen, werden die Filmszenen über Lautsprecher erklärt. Für alle, die nicht hören, wird das Gesagte mitgeschrieben und auf Leinwand übertragen oder in Gebärdensprache übersetzt.
Es ist eine Veranstaltung am Internationalen Tag der Menschen mit Behinderung. Aber im Grunde wird nicht mehr gezeigt, als dass man manchmal das, was der eine sagt, übertragen muss in das, was der andere verstehen kann. Ein Gedanke, der auch Nichtbehinderten nicht fremd ist. Auf der Bühne sitzen eine Moderatorin ohne Arme, ein blinder Bergsteiger und ein ehemaliger Manager, der im Alter von 42 Jahren bei einem Gleitschirmflug abgestürzt ist und seither im Rollstuhl sitzt, vom Hals abwärts gelähmt.
Auch da: Die ziemlich besten Freunde
Der einzige Diskutant, der nicht behindert ist, wurde in Algerien als eines von zehn Kindern geboren, von seinen Eltern weggegeben und mit vier Jahren nach Paris gebracht, wo er in der Banlieue aufwuchs und auf die schiefe Bahn geriet. „Ich war sozial behindert“, sagt Abdel Yasim Sellou. Er war zehn Jahre lang der Pfleger des Mannes im Rollstuhl. Auf ihrer Geschichte beruht ein Film, den inzwischen jeder dritte Franzose gesehen hat; „Ziemlich beste Freunde“ heißt er auf Deutsch.
Es wird viel über die Gesellschaft gesprochen an diesem Abend. Aber nicht in dem Sinne, was die Gesellschaft unternehmen muss, damit Behinderte in ihr besser zurechtkommen, sondern was sie lernen kann, damit sie mit sich selbst besser zurechtkommt. Es geht nicht mehr um Rollstuhlrampen oder Pflegestufen. Der Behinderte erscheint nicht mehr nur als einer, der Hilfe nötig hat, um einigermaßen so leben zu können, wie es für andere selbstverständlich ist. Er ist jemand, der akzeptieren muss, dass ihm in einem bestimmten Gebiet Grenzen gesetzt sind. Wie wird man glücklich, wenn es auf die eine Art und Weise nicht geht? Eine Möglichkeit, die auch Nichtbehinderte haben. Sofern sie das erkennen.
Autistische Männerbünde im Fußball
Andrea Fink (andreafink)
- 05.12.2012, 11:46 Uhr