Fünf Männer stehen in ihrer Stammkneipe. Sie sind verwahrlost, ratlos, trostlos, tragen Ballonseide am Körper und Luftballons in der Hand. Und je mehr sie sich in sehnsüchtigen Erinnerungen an ein Kind verlieren, das sie einst gut kannten und das jetzt tot ist, Opfer eines schrecklichen Verbrechens, umso mehr reden sie sich um Kopf und Kragen. „Mir liegt das Böse nicht, mir liegt mehr das Gute“, beschwört Kurt (Manfred Zapatka), vorn an der Bühnenrampe flüsternd, eine imaginäre Instanz, um dann penibel auszuführen, wie er dem „süßen Fratz“ Zäpfchen einführte, wenn der wieder Bauchweh hatte.
„Welcher Onkel hätte da gesagt, nein, ich helfe dir nicht?“, schnauft Kurt. Otto (Gerhard Peilstein) beteuert, das Kind dreimal gefragt zu haben, ob es „das“ auch wirklich will: Tut es dir gut? Tut es nicht weh? Ist es schön? Roland (Franz Pätzold) schließlich hat seine eigene Erklärung für den Kindsmord: Der Junge wollte geliebt werden, „er hat sich gesagt, wenn mich einer liebt, dann muss er zahlen“. Das, so die perverse Logik, hat ihn das Leben gekostet.
Hier bleibt das Opfer ohne Namen
Kurt, Bernd und die anderen sexuellen Geisterfahrer haben ein Kind zu Tode vergewaltigt, einfach, weil es da war, ein leicht erreichbares Opfer in einer dunklen Kneipe. In ihrem Wahn sahen sie, selbst auf kindlicher Stufe steckengeblieben, den Fünfjährigen zugleich als gleichwertigen Partner. Deshalb haben sie nicht nur in seinen Körperöffnungen gewühlt, sondern genauso lustvoll mit ihm Piratenschiff gespielt und ihn in den Wildpark ausgeführt.
Von der Decke im Münchner Cuvilliés-Theater hängt bedrohlich ein Kühlschrank. Er steht für Kälte, für Eiszeit und ist das einzige Zeichen, das in Franz Xaver Kroetz’ sprachmächtigem Kindertotenlied „Du hast gewackelt“ die Kneipe als Tat- und Handlungsort noch erkennen lässt. Ansonsten hat Judith Oswald die Bühne leer geräumt. In der nachtschwarzen Blackbox gibt es keine Tische, keine Theke und keine Tür mehr, die ins mörderische „Kämmerlein“ führt. Der Opfer-Junge bleibt neunzig Minuten lang namenlos. Doch es braucht nicht das erklärende Vorwort des Dramatikers Kroetz, um zu begreifen, dass sein „Requiem für ein liebes Kind“ auf ein Verbrechen abzielt, das 2001 das ganze Land aufwühlte. Damals verschwand in Saarbrücken-Burbach der kleine Pascal, und bald standen die Gäste der Tosa-Klause in Verdacht, ihn dort vergewaltigt und getötet zu haben.
Einblick in die Täterseelen
Das Setting - die kupplerische Wirtin, ihre halb debilen Kneipenbesucher, die Prostituiertenmutter - das alles hat sich so sehr ins gesellschaftliche Gedächtnis eingebrannt, dass man in München gleich im Bild ist. Und das, obwohl sich das Verbrechen vielleicht so niemals zugetragen hat. Bis heute ist der Tod des fünfjährigen Pascal ungesühnt, aus Mangel an Beweisen. Gleichwohl ist sein Fall zum Synonym für pervertierte Sexualität geworden, die Klause zum Sinnbild für Abgründe, die das Vorstellungsvermögen übersteigen. Über Pascal wurden Bücher geschrieben, Zeitungsartikel verfasst, Filme gedreht, Kunstwerke geschaffen. Und sein Fall löste einen der spektakulärsten Prozesse der Geschichte aus, der das Rechtswesen an seine Grenzen führte.
Die Nachbeben des realen Falls bis hin zu den zwölf umstrittenen Freisprüchen findet im Stück von Kroetz keinen Niederschlag. Er schrieb das Stück schon 2003, lange vor dem Saarbrücker Prozess. Dass es erst jetzt, mit fast zehnjähriger Verspätung, zur Uraufführung kommt, führt zu einer seltsam anmutenden Historizität, die auch die Regie von Anne Lenk nicht auflöst. „Du hast gewackelt“ gibt verstörende Einblick in Täterseelen. Sie sind die Einzigen, die das Wort ergreifen, weder das Opfer noch ein Richter oder eine andere Instanz tritt ihnen entgegen. Bei Kroetz, dem Dramatiker menschlichen Elends, müssen sie allein mit sich und ihren Selbsttäuschungen auskommen. Das gelingt ihnen nicht gut.
Dabei führt uns Kroetz keine Psychopathologie von Kinderschändern vor. Vielmehr hat sich hier jeder sein Kind erfunden, wie er es brauchte - als Kumpel, mit dem man einer imaginären Freiheit entgegenreitet, als Freundin, die man zu McDonald’s ausführt, als Ersatz für Pumuckl, Benjamin Blümchen, Bibi Blocksberg. Zur Interaktion unter den Schauspielern kommt es selten. Meist spricht nur einer, die anderen hören zu, außer sie sprechen, flüstern oder schreien im Chor. Doch auch dann bleiben sie Gefangene ihrer Erinnerung, aus der sie ihre furchtbare Tat nicht löschen können. Ihre Sprache erlöst sie nicht, im Gegenteil: Die Männer reden von Gefühl und denken an Gewalt, ihre verschwitzte Begierde stammt von verirrter Sehnsucht. Ihr Reden maskiert ihre sprachliche Ohnmacht. So wie auch die Kneipenwirtin (Ulrike Willenbacher) sinnlos mit dem Feudel über den Boden fegt, während es aus dem Kühlschrank von der Decke tropft, und sich Elfi (Katharina Schmidt), die Kindsmutter, vergeblich den Männern andient.
Aus dem polyphonen Choralstück, in dem alle sieben Schauspieler immerzu auf der Bühne bleiben, einzelne Charaktere plastisch herauszulösen, ist eine Herausforderung, die den Schauspielern mal besser, mal schlechter gelingt. Geradezu beängstigend in seiner Überzeugungskraft sticht Manfred Zapatka hervor. Er hat den Mut, den Kinderschänder nicht nur auszustellen, als Typus vorzuführen, sondern sich in ihn hineinzuversenken. Wenn Zapatka dasteht wie einer, dem nichts Unmenschliches fremd ist, wie er leise zischelt und um Verständnis wirbt, wie er den Finger mahnend hebt oder lieblich säuselt, dann kann das zur erschütternden Erfahrung werden. Statt dem nachzugehen lässt die Regie die Bühne fluten, auf dass die Akteure knöcheltief im Wasser stehen, und es ordentlich spritzt. Wer wollte den Effekt bestreiten, doch mehr bleibt nicht im schmucken Barock-Theater.
Kroetz, der bei der Uraufführung nicht zu sehen war, will selbst offenbar nichts mehr zu seinem Stück sagen. Es sei heute in weiter Ferne, ließ er über das Theater verbreiten. Was er vor zehn Jahren damit habe sagen wollen, das wüsste er heute nicht einmal mehr, wenn er es jetzt lesen würde. Die Münchner Uraufführung hat die kritische Distanz des Autors auf das eigene Werk nicht widerlegen können.