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Täter im Theater : Wie sexuelle Geisterfahrer ticken

Sprache erlöst diese Erwachsenen nicht: Ulrike Willenbacher, Lukas Turtur, Manfred Zapatka, Gerhard Peilstein, Franz Pätzold und Katharina Schmidt spielen in „Requiem für ein liebes Kind“ Bild: dpa

Die Verbrechen in der Tosa-Klause als Thema im Schauspiel? „Du hast gewackelt. Requiem für ein liebes Kind“ von Franz Xaver Kroetz ist ein Wagnis. In München traut man sich seine Inszenierung zu.

          Fünf Männer stehen in ihrer Stammkneipe. Sie sind verwahrlost, ratlos, trostlos, tragen Ballonseide am Körper und Luftballons in der Hand. Und je mehr sie sich in sehnsüchtigen Erinnerungen an ein Kind verlieren, das sie einst gut kannten und das jetzt tot ist, Opfer eines schrecklichen Verbrechens, umso mehr reden sie sich um Kopf und Kragen. „Mir liegt das Böse nicht, mir liegt mehr das Gute“, beschwört Kurt (Manfred Zapatka), vorn an der Bühnenrampe flüsternd, eine imaginäre Instanz, um dann penibel auszuführen, wie er dem „süßen Fratz“ Zäpfchen einführte, wenn der wieder Bauchweh hatte.

          Sandra  Kegel

          Redakteurin im Feuilleton.

          „Welcher Onkel hätte da gesagt, nein, ich helfe dir nicht?“, schnauft Kurt. Otto (Gerhard Peilstein) beteuert, das Kind dreimal gefragt zu haben, ob es „das“ auch wirklich will: Tut es dir gut? Tut es nicht weh? Ist es schön? Roland (Franz Pätzold) schließlich hat seine eigene Erklärung für den Kindsmord: Der Junge wollte geliebt werden, „er hat sich gesagt, wenn mich einer liebt, dann muss er zahlen“. Das, so die perverse Logik, hat ihn das Leben gekostet.

          Hier bleibt das Opfer ohne Namen

          Kurt, Bernd und die anderen sexuellen Geisterfahrer haben ein Kind zu Tode vergewaltigt, einfach, weil es da war, ein leicht erreichbares Opfer in einer dunklen Kneipe. In ihrem Wahn sahen sie, selbst auf kindlicher Stufe steckengeblieben, den Fünfjährigen zugleich als gleichwertigen Partner. Deshalb haben sie nicht nur in seinen Körperöffnungen gewühlt, sondern genauso lustvoll mit ihm Piratenschiff gespielt und ihn in den Wildpark ausgeführt.

          Von der Decke im Münchner Cuvilliés-Theater hängt bedrohlich ein Kühlschrank. Er steht für Kälte, für Eiszeit und ist das einzige Zeichen, das in Franz Xaver Kroetz’ sprachmächtigem Kindertotenlied „Du hast gewackelt“ die Kneipe als Tat- und Handlungsort noch erkennen lässt. Ansonsten hat Judith Oswald die Bühne leer geräumt. In der nachtschwarzen Blackbox gibt es keine Tische, keine Theke und keine Tür mehr, die ins mörderische „Kämmerlein“ führt. Der Opfer-Junge bleibt neunzig Minuten lang namenlos. Doch es braucht nicht das erklärende Vorwort des Dramatikers Kroetz, um zu begreifen, dass sein „Requiem für ein liebes Kind“ auf ein Verbrechen abzielt, das 2001 das ganze Land aufwühlte. Damals verschwand in Saarbrücken-Burbach der kleine Pascal, und bald standen die Gäste der Tosa-Klause in Verdacht, ihn dort vergewaltigt und getötet zu haben.

          Einblick in die Täterseelen

          Das Setting - die kupplerische Wirtin, ihre halb debilen Kneipenbesucher, die Prostituiertenmutter - das alles hat sich so sehr ins gesellschaftliche Gedächtnis eingebrannt, dass man in München gleich im Bild ist. Und das, obwohl sich das Verbrechen vielleicht so niemals zugetragen hat. Bis heute ist der Tod des fünfjährigen Pascal ungesühnt, aus Mangel an Beweisen. Gleichwohl ist sein Fall zum Synonym für pervertierte Sexualität geworden, die Klause zum Sinnbild für Abgründe, die das Vorstellungsvermögen übersteigen. Über Pascal wurden Bücher geschrieben, Zeitungsartikel verfasst, Filme gedreht, Kunstwerke geschaffen. Und sein Fall löste einen der spektakulärsten Prozesse der Geschichte aus, der das Rechtswesen an seine Grenzen führte.

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