19.07.2004 · Eine der längsten PR-Kampagnen der Filmgeschichte mündet in den Medienhype: Lange bevor die ersten Journalisten „(T)Raumschiff Surprise“ sehen konnten, haben sie mit Michael „Bully“ Herbig darüber gesprochen.
Von Stefan NiggemeierNein, sagt Thomas Friedl, eigentlich habe man nicht besonders viel Geld für Werbung ausgegeben. Eigentlich habe man vergleichsweise wenig Geld für Werbung ausgegeben.
Thomas Friedl ist Geschäftsführer der Firma Constantin Film, und er ist ein glücklicher Mensch. In der kommenden Woche startet der neue Film von und mit Michael Herbig, den alle "Bully" nennen. Es ist das Ende eines der längsten Countdowns der deutschen Filmgeschichte. Und weil der erste Kinofilm, den Herbig gemacht hat, "Der Schuh des Manitu", so viel Geld eingespielt hat wie vor ihm kein anderer deutscher Film, kann es nicht schlecht sein, mit dem zweiten Film, den Herbig gemacht hat, in Verbindung gebracht zu werden, selbst wenn der den etwas sperrigen Titel "(T)Raumschiff Surprise: Periode 1" trägt - der Bully wird schon wissen, was er tut.
Deshalb muß Friedl, dessen Firma den Film verleiht, gar nicht so viel Geld für Werbung ausgeben (gut, ein paar Millionen sind es dann immer noch): Für jeden Sender, jede Zeitschrift, jedes Unternehmen ist es die beste Werbung, Werbung für diesen Film zu machen. Selbst wenn man ihn noch nicht gesehen hat.
Was hat er denn getan?
Die "Süddeutsche Zeitung" hat gleich zwei Interviewer geschickt, um zu fragen: "Mr. Herbig, wie haben Sie das gemacht?" Das ist lustig, wenn man bedenkt, daß die Fragesteller noch nicht wissen konnten, was er denn gemacht hat. Außer einigen Ausschnitten gab es bislang nichts zu sehen vom "(T)Raumschiff". Die erste Pressevorführung ist an diesem Montag in München, und bis vor kurzem war unklar, ob es überhaupt noch weitere geben würde. Aber vermutlich würden die Kritiker ihren Lesern den Blockbuster des Jahres ans Herz legen, auch ohne ihn sehen zu können. Was denn auch sonst.
Ein bißchen merkwürdig ist es trotzdem, überall diese Gespräche mit Herbig zu lesen, was er sich denn bei dieser oder jener Idee gedacht hat, wie das beim Drehbuchschreiben war und überhaupt. Der Film als Wille und Vorstellung: Würde man sich allen Werken unter dieser Perspektive widmen, ohne Abgleich von Absicht und Ergebnis, wäre die Welt um viele Verrisse ärmer.
Es gibt keinen Overkill an Präsenz
Aber, hey, wer will denn Besprechungen? Es geht, für die Constantin, um Awareness. Darum, daß die Welt weiß, daß "(T)Raumschiff Surprise" jetzt ins Kino kommt. In Umfragen wird die Awareness für aktuelle Filme regelmäßig bei Kinogängern abgefragt; für Bullys neuen Film beträgt sie angeblich 98 Prozent. Da ist es ganz gut, daß es jetzt endlich losgeht und die Firma nicht noch mehr Geld für Werbung ausgegeben hat, ehe noch die magische 100-Prozent-Schwelle überschritten worden wäre.
Andererseits sagen PR-Profis, daß es bei so einem Projekt gar kein "zu viel" der Aufmerksamkeit geben kann, keinen Overkill an Präsenz. Einen Widerwillen bei der Zielgruppe könne man auch nicht durch die Menge des Merchandising erreichen, nur durch falsche Artikel. Es war zum Beispiel keine gute Idee, einen trashigen "Harry Potter"-Plastikbesen bei einem Kaufhaus anzubieten - da roch selbst die sonst konsumwillige Fanschar den Braten und wandte sich ab. Zum "(T)raumschiff" gibt es: Prosecco, T-Shirts mit glitzerndem "Vulcanettenluder"-Aufdruck, einen Space-Taxi-Tischstaubsauger und sogar einen Oberarmreif in 925 Silber für 195 Euro.
Das Käse-Sahne-Dessert zum Film
Mit drei Partnern haben die Film-Vermarkter exklusive Verträge abgeschlossen: Hewlett Packard, Chio Chips und McDonald's. Bei der Schnellimbiß-Kette gibt es ein Käse-Sahne-Dessert (das auch im Film eine wichtige Rolle spielen soll) und einen Surprise-Burger (Überraschung: Es ist ein ordinäres Crispy-Chicken). Zum Filmstart kommen noch ein rosa Schwein als Schlüsselanhänger und eine "Figu(h)r" hinzu, die die Zeit anzeigt und eine Film-Melodie spielt (Stefan Raabs Lied zum Film ist gerade auf Platz acht in die Single-Charts eingestiegen). Die Kooperation mit McDonald's ist wie ein feuchter Traum von Marketingleuten, weil am Ende gar nicht mehr klar ist, wer hier für wen wirbt: Bully für McDonald's? McDonald's für den Film? Beide für Käse-Sahne? Egal.
Ein bißchen erstaunlich ist der Ultra-Kommerz, wenn man Michael Herbig kennt oder ihn mal bei einer Veranstaltung erlebt hat: Öffentliche Auftritte sind ihm zuwider, mit der Bussi-Gesellschaft hat er nichts am Hut. Er erweckt den Eindruck, als stehe er ein wenig abseits, rat- und fassungslos angesichts der ganzen Aufregung, die irgendwie nichts mit ihm zu tun hat. Setzt er mit dem Ausreizen aller Einnahmequellen nicht seine eigene Glaubwürdigkeit aufs Spiel? Constantin-Chef Friedl sieht da keinen Widerspruch: "Das erstaunliche an Bully ist, wie sehr er trotz des Erfolges auf dem Teppich geblieben ist. Aber das heißt nicht, daß er nicht sehr professionell und kommerziell arbeitet."
Eine der längsten PR-Kampagnen überhaupt
Mit dem Marketing-Tamtam signalisiere man den Menschen: Dies ist ein Blockbuster. Friedl meint, daß die Zuschauer das inzwischen erwarten von einem Film, der groß sein will, und da auch keinen Unterschied zwischen einem deutschen und einem amerikanischen Film mehr machen.
Es ist wahrscheinlich eine der größten PR-Kampagnen, mit Sicherheit eine der längsten überhaupt. Im Grunde begann die Werbung schon vor zwei Jahren, noch vor Drehbeginn, als Bully das Publikum abstimmen ließ, was für einen Film er als nächstes machen solle. In der langen Zeit dazwischen bekamen die Zuschauer immer wieder kleine Appetithäppchen vorgeworfen, Info-Nuggets, erste Trailer. Der Startschuß zum Finale war der Auftritt der Hauptdarsteller mit Stefan Raab bei "Wetten dass ...?" vor zwei Wochen. Es folgten Auftritte von Bully oder seinen Kollegen bei "Beckmann", "Blondes Gift", "Genial daneben", "Weck up", "Anke Late Night"; Kabel 1 zeigte gestern zehn Folgen von "Raumschiff Enterprise", die die Zuschauer wählen konnten, Pro Sieben hat noch ein paar alte "Bullyparaden" rausgekramt und zeigt am Tag der Premiere ein exklusives Special von Bully mit Bully über Bully. Und vermutlich werden die beiden früheren Kollegen von ihm noch in 271 weiteren Boulevardmagazinen und Nachrichten erzählen, wie das damals war, mit ihm, beim Radio.
Mit tschechischen Untertiteln
Und was haben wir aus all den Geschichten und Exklusiv-Interviews gelernt? Bully wurde einmal von einem Partyluder angebaggert ("Maxim"), macht ab dem Herbst einen langen Urlaub ("TV Movie"), hofft auf den Physik-Nobelpreis ("Für Sie"), träumt von einem "Film in Schwarzweiß, auf Französisch gedreht, mit tschechischen Untertiteln" ("Berliner Zeitung"), findet Angela Merkel lustig ("Frankfurter Rundschau"), träumt von einem Arthouse-Film, "auf französisch mit tschechischen Untertiteln" ("Süddeutsche Zeitung"), geht mit dem Erfolgsdruck gelassen um ("Neon"), und die Zahl der Interviews mit ihm wurde "knapp gehalten" ("Münchner Merkur").
Was läuft eigentlich gerade im Kino?