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Mittwoch, 19. Juni 2013
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Syrien Ein Sumpf aus Gerüchten

 ·  Rosa Yassin Hassan schreibt von Damaskus aus einen Blog über den Alltag der Menschen in Syrien. Ihr Tagebuch ist eine Momentaufnahme des Bürgerkriegs.

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17. Juni 2012

Niemand kann den kleinen M., gerade mal zwölf Jahre alt, dazu bewegen zu erzählen, was mit ihm in den Stützpunkten der Staatssicherheit geschehen ist, als er monatelang dort verschwunden war. Nur der Arzt gab seiner Mutter Auskunft darüber, dass die Risse in seinem Intimbereich und am Anus vom Umfang der wiederholten Vergewaltigungen zeugen, die ihm während der Haft widerfuhren.

M. war vor der Tür seiner Grundschule in einer Ortschaft im Gouvernement Rif Dimaschq verhaftet worden, wie Dutzende andere an jenem Morgen, an dem eine lautstarke Schülerdemonstration stattfand. Denn was M. passiert ist, ist nicht nur ihm geschehen. Das Ausmaß der körperlichen und seelischen Verletzungen, denen Tausende von syrischen Kindern seit Monaten ausgesetzt sind, kann nicht allein nach ihrer bloßen Anzahl bemessen werden. Zu beachten sind auch die Konsequenzen, die sich zerstörerisch auf das Gedächtnis der Kinder auswirken. Sie bewirken, dass M. hysterisch reagiert, sobald sich ihm ein Mann nähert, welcher Mann auch immer, und sei es sein eigener Vater. Außerdem bedrücken ihn jede Nacht Albträume. Er träumt von den Folterungen, die die anderen Häftlinge vor seinen Augen zu erleiden hatten.

„Schaut da, ein Scharfschütze!“

Die kleine S. gehört zu einer aus Homs abgewanderten Familie. Sie konnte während der Bombardierung des Viertels Chalidiya gerettet werden, bevor die Familie sich in das Haus der Tante in Damaskus flüchtete. Als S., nicht älter als zehn, das „sichere“ Haus betrat, erschien es ihr überhaupt nicht als das Paradies, das man ihr versprochen hatte. Denn das Haus der Tante hatte viele Fenster. S. geriet außer sich und schrie, wobei sie sich hinter ihrer Mutter versteckte, durch die vielen Fenster könnten doch Querschläger und Splitter hereinfliegen. Als sie das hohe Gebäude gegenüber sah, zeigte sie darauf und schrie noch lauter: „In diesem Haus kann man nicht wohnen. Es ist ganz offen für den Scharfschützen auf dem Haus da. Schaut da, ein Scharfschütze!“

Alle Versuche der Tante, sie zu überzeugen, dass es hier keine Scharfschützen und Querschläger gebe, waren nutzlos. Die Kleine beruhigte sich erst, als alle in einem Innenraum ohne Fenster Platz nahmen, und nachdem sie sich außerdem überzeugt hatte, dass es im Haus einen Keller gab, in den man sich flüchten konnte, wenn die „Bombardierung“ losging. Trotzdem sprachen ihre Augen von der ständigen Furcht, die jedes Geräusch in der Umgebung zum Anlass nahm, in Tränen auszubrechen.

S. ist eines von Zehntausenden syrischen Kindern, die an einem ähnlichen Trauma leiden. Bombardierungen, Schläge, Schüsse und der Geruch des Todes überall machen heutzutage die Erinnerung der Kinder aus. In vielen aufständischen Regionen werden die Toten auf dem Boden aufgebahrt, manchmal mit abgeschnittenen Extremitäten und blutend, und die Kinder scharen sich um sie. Dabei ist der Gefallene vielleicht der Vater, ein Bruder, Verwandter oder Nachbar. Und so ist es nicht nur bei den Gefallenen der Opposition. Denn die Kinder der Soldaten des Regimes, die zumeist eher Werkzeuge in der Hand des Regimes sind, geraten genauso in Bedrängnis, wenn der Leichnam eines nahestehenden Menschen dort als Märtyrer aufgebahrt liegt. Und wie oft geschieht das heutzutage.

Es geht hier darum, dass in zerstörerischer Weise auf die Erinnerung der Kinder eingewirkt wird. Die Werte, die sich ihnen eigentlich einprägen sollten, werden gegen andersartige Werte ausgetauscht. Einer dieser Werte ist der Blick der Kinder auf die „Hüter der Häuser“! Oft wird die Armee des Landes zu Hilfe gerufen, um im Angesicht des Feindes für Ruhe zu sorgen. So zumindest haben die Kinder es früher gelernt. Heutzutage erscheint die Armee des Landes in den Augen der Kinder der betroffenen Regionen selbst als Feind.

A. beispielsweise ist ein Junge aus einer Ortschaft im Umland von Aleppo. Selbst die Flucht seiner Familie in das Haus von Verwandten in Aleppo konnte seine Angst nicht lindern. Immer noch weint und zittert er vor Angst, sooft er den Gebetsruf hört, als handele es sich dabei um ein Kriegssignal. Er glaubt, gleich danach werde auf die Demonstranten geschossen. Als einmal der Sohn der Gastgeberfamilie in Armeeuniform zu Besuch kam, weil er gerade seinen Wehrdienst leistete, schrie A. laut auf und zeigte auf ihn, als sei ein wildes Tier ins Haus eingedrungen. Dann liefen er und seine kleinen Geschwister davon, um sich unter den Betten zu verstecken.

Schon der Anblick der Uniform reichte, sie in panischen Schrecken zu versetzen. Denn die Militärpräsenz in den Städten und Ortschaften, die Bewaffneten, Tanks, Panzerwagen, Checkpoints und Sperren, zudem der Bombenlärm, von fern und nah, die überall sichtbare Zerstörung, der Hass zwischen den Konfessionen, Regionen und Schichten, der Verlust, der tägliche Tod überall, die Furcht, Anspannung und Todesangst, die sich von den Erwachsenen auf sie übertragen, all dies hat einen zerstörerischen Einfluss auf ihre künftige Erinnerung.

Vor Tagen kam ein Junge zum letzten Prüfungstag der Schule mit einem Plastikgewehr, das fast länger war als er selbst, und bekleidet mit einer gefleckten Militäruniform. Er lief herum und schoss im Spiel auf seine Kameraden. Einige gingen ihm aus dem Weg, andere beschimpften ihn, und wieder andere versuchten, sich bei ihm einzuschmeicheln, indem sie sagten: „Kannst du mich beschützen, wenn mich jemand angreift?“

2. Juli 2012

Als während der libyschen Revolution die Rebellen über Benghasi herrschten, setzte man jede Nachricht mit der Wahrheit gleich, und niemand bezweifelte ihre Glaubwürdigkeit. Die Kameras der neutralen - oder zumindest professionellen - Medien, die Korrespondenten im Land und die vor aller Augen auf öffentlichen Plätzen stattfindende Revolution ließen für Gerüchte keinen Raum. Denn das Gerücht gedeiht nur in Fäulnis und Dunkelheit, da, wo es im Schmutz einen geeigneten Nährboden findet.

In Syrien gehören Gerüchte zum Alltag

Für den Tahrirplatz in Kairo, den Taghrirplatz im Jemen und andere Orte gilt, was die Sachverhalte und Erzählungen betrifft, dasselbe wie für Libyen. In Syrien jedoch herrscht ein völlig anderes Klima, eines, welches das Gerücht nährt und in dessen Sumpf das Land heutzutage versinkt. Schon seit Beginn der Revolution traf diese neue Seuche auf günstige Umstände, um sich auszubreiten. Das Klima war so geprägt von Gewalt und Tod, dass es schwer war, auf die Sprache der Vernunft zu hören.

Allerdings sind die Gerüchte, die dieser Tage Gedanken und Reaktionen steuern, für Syrien nicht vollkommen neu. Denn die Barrieren innerhalb der syrischen Gesellschaft - zwischen Schichten, Klassen, Konfessionen, Religionen und Regionen -, an denen die Diktatur tagtäglich weiterbaut, macht den Anderen zu einem Unbekannten. Und Unbekanntes erweckt immer Furcht und Argwohn. Heutzutage bewirken diese Barrieren, dass das Gerücht zur nahezu einzigen Wahrheits- und Informationsquelle wird.

Keiner weiß, wer Firas getötet hat

Firas beispielsweise war ein junger Mann aus Dscharamana, einer Stadt im Gouvernement Rif Dimaschq, und arbeitete als Taxifahrer. Noch bevor er zweiunddreißig Jahre alt wurde, wurde er umgebracht. Firas ist nicht der einzige junge Mann, der getötet wurde, ohne dass man den Verantwortlichen kannte. Aber er starb in Kafr Batna (einer ebenfalls in Rif Dimaschq gelegenen oppositionellen Ortschaft), und das ist die einzige gesicherte Information.

Als die Nachricht von seiner Ermordung eintraf, kamen seiner Familie Gerüchte zu Ohren, er sei von extremistischen Revolutionären umgebracht worden, weil er aus Dscharamana stammte. Daraufhin machten sich einige junge Männer aus seinem Viertel, die Extremisten eingeschlossen, auf, um Blutrache an den Bewohnern Kafr Batnas zu üben. Doch wenige Stunden später war ein anderes Gerücht zu vernehmen, welches besagte, er sei an der Straßensperre des Regimes am Dorfeingang getötet worden, also von den Sicherheitskräften.

Dann erreichten die Bewohner Dscharamanas laufend neue Gerüchte, Firas sei mit Messern umgebracht und zerstückelt worden, und es verbreiteten sich Geschichten über Briefe an jeden jungen Mann in Dscharamana, in denen ihnen das gleiche Schicksal angedroht wurde wie Firas. Einzig Firas’ jugendlicher Leichnam, im Wohnzimmer seiner Familie auf dem Tisch aufgebahrt, und die Kugel, die in seinem Hals steckte, sind Realität bei all dem, was passiert ist.

Man sieht nur Teile der Wirklichkeit

Syrien versinkt in einem Sumpf von Gerüchten. Auf der einen Seite die Erzählungen der Regimeanhänger, die besagen, die extremistischen Revolutionäre würden kommen, um sie zu töten, und die meisten der Morde und Zerstörungen, zu denen es heute überall im Land kommt, trügen die Handschrift der Revolution. Auf der anderen Seite die Geschichten der Opposition, die darauf hinauslaufen, die Staatssicherheit, die Armee und die Schabiha-Milizen brächten die Menschen um, und die Regimeanhänger unterstützten sie dabei entweder mit ihrem Schweigen oder durch konterrevolutionäre Aktivitäten.

Obwohl viele Bilder und Videos, die aus den umkämpften Regionen stammen, Teile der Wirklichkeit zeigen, ermöglicht doch die nahezu vollständige Abwesenheit neutraler und professioneller Medien dem Regime und seinen Helfern, diese Tatsachen in Zweifel zu ziehen, genau wie sie dies bei den anderen Revolutionen getan haben.

Die Apparate des Regimes sind nicht allein schuld

Vor ein paar Wochen zum Beispiel verbreitete sich das Gerücht, irgendwo in Damaskus werde es eine noch heftigere Explosion geben als im März dieses Jahres im Stadtteil al-Qazaz, was viele Familien veranlasste, ihre Kinder nicht mehr zur Schule zu schicken. Aber es geschah nichts. Und als Kofi Annan kam, ging dasselbe Gerücht um, so dass viele Beamte nicht zur Arbeit gingen, und es geschah wieder nichts. Dies heißt jedoch nicht, dass diese schreckliche künftige Explosion nicht doch irgendwann irgendwo stattfinden könnte.

Ich glaube jedoch nicht, dass die Apparate des Regimes allein für die Gerüchte verantwortlich sind, die durch das Land wabern. Vielmehr gibt es noch andere Parteien, die aus rein persönlichen Gründen ebenfalls Gerüchte in die Welt setzen. Außerdem sind offenbar die Menschen selbst Ausgangspunkt für viele der Gerüchte, und zwar hauptsächlich deswegen, weil sie einander nicht kennen, weil sie, wie oben bemerkt, einander fürchten und weil sie bei all dem Blutdurst und der Zerstörungswut um sie herum nicht klar und ruhig denken können.

31. Juli 2012

Vor kurzem, nachdem schon das Stadtviertel al-Dahadil im Süden von Damaskus, das benachbarte Nahr Aischa und gleichzeitig das nahe gelegene Midan bombardiert worden waren, beschloss Salah, warum, weiß er bis heute nicht, zurückzukehren. Er wollte sich über sein Haus inmitten des alten Viertels Gewissheit verschaffen. Erst vor wenigen Tagen war es ihm wunderbarerweise gelungen, seine Familie aus der Hölle herauszubringen: seine Frau, seine beiden kleinen Töchter, seine Mutter und seinen alten Vater, den sie auf einer eigentlich für Obst und Gemüse bestimmten Motorrikscha durch den Kugelhagel kutschierten.

Das Regime hatte die Gegend seit Wochen mit Hilfe von Straßensperren, Panzern und schwarzen Lastwagen abgeriegelt. Als er sich nun zur Rückkehr entschloss, informierte er niemandem aus seiner Familie darüber. Hätten sie davon gewusst, sie wären vor Angst wahnsinnig geworden.

Er konnte al-Dahadil nur über das Viertel al-Qadam erreichen. Es war um die Mittagszeit, die Straßen waren leer bis auf das Wehen des Windes, den Staub und immer wieder Schüsse. An der Midan-Kreuzung vor dem Verkehrsministerium bei der Tankstelle von Nahr Aischa stand noch immer ein Panzer, das Geschützrohr auf das Viertel gerichtet. Als Salah und sein Onkel über die verlassenen, sonnenbeschienenen Wege rannten, hörten sie plötzlich ein Geräusch, als würden Waffen geladen. Und da, im Schatten der Gebäude zu ihrer Linken stand ein großer Haufen von Regimekräften in Militäruniform.

Tote werden als Zielscheibe benutzt

“Wir hielten erschreckt an, und sie richteten die Gewehre auf uns und schrien, wir sollten stehenbleiben. In all meiner Angst konnte ich die Leichen zweier Männer sehen, die gegen eine Mülltonne gelehnt waren. Während einer der Leute uns schreiend fragte, was wir hier wollten, und unsere Ausweise verlangte, beobachtete ich aus dem Augenwinkel, wie einer der Leute lachend auf den einen Toten zielte und schoss. Der Leichnam bäumte sich kurz auf und fiel dann um. Der Kamerad des Schützen lief hin und lehnte ihn wieder gegen die Tonne, damit der andere in seiner Übung fortfahren konnte, indem er den Toten als Zielscheibe benutzte.“

Weder Salah noch sein Onkel standen auf der Fahndungsliste. Was auch immer der Grund war, vielleicht war es göttliche Fügung, die Soldaten ließen sie zu ihrem Haus auf der anderen Seite der Autobahn rennen. Dort standen drei Autos Marke Kia hintereinander vor zwei Großhandelsgeschäften, eines für Lebens- und Reinigungsmittel, das andere für Haushaltsgeräte. Die Soldaten brachen die Schlösser auf und trugen Kisten in die Fahrzeuge.

Als die beiden auf das Haus zuliefen, versperrten noch immer Barrikaden aus verkohlten Autoreifen und Steinen die Autobahn. Nach wie vor waren Scharfschützen auf den Dächern der von den Regimekräften besetzten Gebäude verteilt. Al-Dahadil und die Autobahn nach Deraa wirkten gespenstisch, es roch nach Blut, Schießpulver und Angst.

Schüsse in engen Gassen

m Viertel boten ein paar Jungs einigen Leuten des Regimes, die das Viertel gestürmt hatten, Wasser und Tee an und baten sie, ihre Häuser zu verschonen. Denn die Schabiha-Milizen stürmten die Häuser und plünderten oder zerstörten sie. Hinter Salah und seinem Onkel standen Männer in Armeeuniform auf einem Pickup der Staatssicherheit und feuerten ziellos in die engen Gassen des Viertels. Die beiden versteckten sich hinter einer Mauer, bis die Schießerei aufhörte.

“Die Nachbarhäuser unterwegs waren von Kugeln durchsiebt, und in einigen Fassaden klafften große Löcher. Man sah verbrannte Häuser und vollständig zerstörte Fassaden von Geschäftshäusern. Ein Teil der Wand der Moschee lag in Trümmern. Ich machte mir Sorgen um den Zustand meines Hauses.“

Er wurde von ein paar Nachbarn empfangen, die es abgelehnt hatten, dass Viertel zu verlassen und zu Flüchtlingen zu werden. Sie begrüßten ihn überschwänglich, als sei er jahrelang fort gewesen. Sie waren wohlauf. Aber wie er erfuhr, war einer ihrer Söhne durch einen Granatsplitter umgekommen.

Eine Waschmaschine, von Kugeln durchlöchert

Der Hof des Hauses lag voller Patronenhülsen, und aus dem furchtbaren Chaos ließ sich schließen, dass sie nach Geld oder Schmuck gesucht hatten. Die Waschmaschine, die Salah noch nicht abbezahlt hatte, war von Kugeln durchlöchert wie ein Sieb. Offenbar hatte ein Schütze sein ganzes Magazin auf sie geleert.

“In dem Haus konnte man nicht bleiben. Sein Zustand, das Pfeifen der Kugeln und die vielen Regimekräfte dort machten den Aufenthalt zu gefährlich. Ich kehrte zu meiner Familie zurück, um mit ihr nach einem weiteren Zufluchtsort zu suchen, den wir vielleicht nicht wieder verlassen müssen. Auf jeden Fall gibt es heutzutage in Syrien keinen Ort, der garantiert vollkommen sicher wäre. Was sollen wir tun?! Es liegt bei Gott!“

Rosa Yassin Hassan

Die 1974 in Damaskus geborene Autorin hat zunächst an der Universität ihrer Heimatstadt Architektur studiert, heute arbeitet sie vor allem als Literaturkritikerin für verschiedene arabische Zeitungen. Sie ist Gründungsmitglied des syrischen Vereins „Frauen für Demokratie“ und hat mehrere Erzählungen und Romane veröffentlicht. Ihr einziger bislang ins Deutsche übertragener Roman „Ebenholz“ erschien im Alawi Verlag. (F.A.Z.)

Aus dem Arabischen von Christine Battermann

Quelle: F.A.Z.
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