Wer hätte gedacht, dass am Ende kaum etwas übrig bliebe von den großen Begriffen, die gewöhnlich in einem Atemzug mit der „Spiegel“-Affäre genannt werden? Geburtsstunde der kritischen Öffentlichkeit, Ende des Obrigkeitsstaats, Festigung der jungen Demokratie, Vormärz von 68 - am Ende wurden die Schlagworte immer kleiner, war die Zäsur kaum noch sichtbar. Die Historikerin Cornelia Rauh resümierte pointiert, aber nicht abwegig: „Wenn man sich in Zukunft an die ,Spiegel‘-Affäre erinnern wird, dann wird 2012 als das Jahr gelten, in dem es zur Ehrenrettung von Franz Josef Strauß kam.“ Dass der Abbau des Mythos im eigenen Haus stattfand, sorgte für die pikante Note.
Zum fünfzigsten Jahrestag hatte man sich beim „Spiegel“ entschlossen, auf alle warmen Worte von Politik und Prominenz zu verzichten, und namhafte Zeithistoriker eingeladen. Es war eine erfreulich unpompöse, dichte und völlig der sachlichen Debatte gewidmete Veranstaltung, die keine generelle Umdeutung, aber in vielen Punkten eine Neuakzentuierung brachte.
Die Affäre als Triumph des Magazins
Ein halbes Jahrhundert ist es her, dass die Redaktionsräume des Nachrichtenmagazins von der Polizei auf Betreiben von Bundesregierung und Bundesanwaltschaft besetzt sowie sieben Redakteure und Verlagsmitarbeiter verhaftet wurden, darunter Rudolf Augstein und Conrad Ahlers, also Urheber und Verfasser der Titelgeschichte „Bedingt abwehrbereit“, die den „Spiegel“ in den Ruch des Landesverrats gebracht hatte. Zu lesen war dort das vernichtende Urteil der Nato über die deutsche Abwehrbereitschaft im Falle eines sowjetischen Großangriffs. Das Verteidigungsministerium erkannte 41 Stellen von Landesverrat. Die Bundesanwaltschaft schlug zu.
Was zunächst eine existenzbedrohende Krise für den „Spiegel“ schien, wurde bald zum Triumph des Hamburger Nachrichtenmagazins. Der Verdacht löste sich nach und nach auf. Die Verfahren wurden fallengelassen. Augstein kam als Letzter nach 103 Tagen Haft frei. Der „Spiegel“, von Wellen der Solidarität in der Bevölkerung getragen, erlebte einen Wachstumsschub und wurde zum Emblem der Pressefreiheit. Der Mythos vom Sieg des kritischen Journalismus über den autoritären Staat war geboren.
Fokussiert auf die Vorläufer
Adenauer, der sich zunächst vor seinen Verteidigungsminister gestellt hatte, sprach vor dem Parlament die berühmten Worte vom „Abgrund von Landesverrat“, musste Strauß aber bald fallenlassen, weil der sich bei der Verhaftung von Ahlers über die Grenzen des Rechtsstaats hinweggesetzt und das Parlament über seine Rolle belogen hatte. Strauß war es auch, der Justizminister Walter Stammberger gezielt überging und damit die Regierungskrise auslöste, die Adenauer zur Einlösung des Rücktrittsversprechens zwang. Offen bleibt bis heute das Verhältnis von Adenauer und Strauß. Hans-Dietrich Genscher, vom einstigen „Spiegel“-Anwalt und späteren Bundesminister Horst Ehmke befragt, beließ es beim Hinweis auf Adenauers kühlen Stil in der Personalpolitik.
Das Pathos der großen Zäsur wollte in Hamburg allein der Historiker Hans-Ulrich Wehler verteidigen. Andere äußerten sich zurückhaltender. In geweiteter historischer Linienführung sah man auf einmal nicht mehr das eine bahnbrechende Ereignis, sondern lauter Vorläufer. Die Heldengeschichte von der „frechen“ Ausnahme in einer regierungstreuen Presselandschaft, mit der sich der „Spiegel“ in seiner vorletzten Titelgeschichte auf die Schulter klopfte, schrumpfte zusammen. Vom Konsensjournalismus der fünfziger Jahre, hieß es, sei mit Vorsicht zu reden, auch von der Geburtsstunde des kritischen Journalismus, es habe andere kritische Stimmen und andere Skandale gegeben.
Kontinuität statt Zäsur
Genauso wenig treffe die These vom Durchbruch einer neuen Journalistengeneration zu. Altgediente, kriegserfahrene Verleger hätten weiter das Regiment geführt. Die gesellschaftliche Liberalisierung sei schon vorher zu beobachten gewesen, die kritische Öffentlichkeit habe sich schon in den Fünfzigern geregt. Auch die Kritik am opaken und patriarchalen Führungsstil Adenauers und am Atomkurs der Regierung seien im Grunde nichts Neues gewesen. Adenauers Rücktritt war beschlossene Sache, Strauß kam wieder. Das „Sturmgeschütz der Demokratie“ (Augstein) drohte zum Knallfrosch zu mutieren.
Immerhin kam man überein, der „Spiegel“-Affäre bei all dem eine katalysierende Wirkung zu attestieren. Nicht zuletzt für den „Spiegel“ selbst. Der Übergang zur Demokratie war nach den Worten des Jenauer Historikers Norbert Frei auch innerhalb der Redaktion in der Schwebe. Antisemitische Klischees, personelle NS-Kontinuitäten und ein forscher Landserton lebten in den Fünfzigern fort. Lutz Hachmeister nannte die ehemaligen SS-Hauptsturmführer Georg Wolff und Horst Mahnke, die Augstein ganz gezielt an wichtigen Positionen installiert habe, weil er mit den NS-Apparaten vertraute Leute für seine investigativen Erfolge brauchte. Alte NS-Leute saßen freilich auch noch in anderen Redaktionen.
Ein publizistischer Angriffsplan gegen Strauß
Unangetastet blieb die Deutung der Affäre als Sieg des „Spiegel“ über seinen Intimfeind Strauß, der zwar nicht den Anstoß gab, aber sich später mit wildem Eifer in die Ermittlungen einschaltete. Neue Aktenfunde bestärken Augsteins Vermutung, es habe sich um einen gezielten Versuch der Regierung gehandelt, das notorisch regierungskritische Organ auszuschalten.
Der Münchener Historiker Thomas Schlemmer hielt dem „Spiegel“ dagegen vor, mit gehässigem Kampfjournalismus das Eskalationsklima selbst geschaffen zu haben. Und Augsteins Biograph Peter Merseburger wusste von einem beleidigenden Artikel gegen Strauß zu berichten, den Augstein auch auf die Gefahr hin habe schreiben wollen, „dafür sechs Monate in den Knast zu wandern“. Seit Strauß ihn einmal angehalten habe, in einem Anflug von Machtherrlichkeit eine rote Ampel zu ignorieren („Gib Gas!“), habe Augstein ihn mit aller Kraft verhindern wollen.
Der Altkanzler bewahrt den Mythos
Der Marburger Historiker Eckart Conze lenkte den Blick lieber auf den rationalen Kern hinter dem Duell der Machtmaschinen: Augsteins Angst vor dem Atomkrieg auf deutschem Boden, und das Dilemma von Strauß, seine Atompolitik gegen den Schwenk der Nato auf konventionelle Verteidigung vorantreiben zu müssen. Beides sei schon finanziell nicht gegangen. Strauß habe die „Spiegel“-Geschichte deshalb als Scheitern seiner Verteidigungspolitik verstehen müssen.
Trotzdem bleibt die Furcht vor dem unkontrollierbaren Dienstherrn verständlich, die Oberst Alfred Martin veranlasste, dem „Spiegel“ die geheimen Informationen zuzuspielen. Neue Akten zeigen, dass Strauß einem bevorstehenden sowjetischen Atomschlag mit einem Präventivschlag zuvorkommen wollte. Es gehört zu den Pointen, dass die ungewöhnlich sachliche Titelgeschichte damals keine Debatte über die Atompolitik in Gang brachte. Was blieb, war die Stärkung der Pressefreiheit.
Am Ende war es an Helmut Schmidt, die Persistenz des Mythos über seine akademische Entzauberung zu sichern. Der Altkanzler, damals selbst im Visier der Justiz, weil er den strittigen Artikel auf Bitte seines Freundes Ahlers kritisch geprüft hatte, hob die große Bedeutung der Affäre auf dem Weg zur Demokratie hervor. Man wusste am Ende nicht ganz, ob man nun die vorbildliche Selbstkritik des „Spiegel“ auf das sichere Gefühl einer gefestigten Demokratie zurückführen sollte, von dem Schmidt sprach. Oder auf den Versuch, sich aus dem Schatten Augsteins zu lösen, der beim letzten Jubiläum im Jahr 2002 noch selbst die Deutungslinien in der Hand hielt.
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