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Sven Regener im Gespräch : Eine völlig neurotische Konstellation

Sven Regener: Frank Lehmann spielt in seinem neuen Buch nur eine untergeordnete Rolle. Bild: Charlotte Goltermann

Mit „Magical Mystery“ ist er gerade im Kino, in Kürze erscheint sein neues Buch. Im Interview spricht Sven Regener über Kreuzberg als Lebensform, Berlinern als Angriffshandlung und den Unsinn von politischer Kunst.

          Sven Regeners neuer Roman „Wiener Straße“, der auf der Longlist zum Deutschen Buchpreis steht, fängt da an, wo die erfolgreiche „Herr Lehmann“-Trilogie eigentlich abgeschlossen werden sollte: Am Ende von „Der kleine Bruder“. Es ist das Jahr 1980, Frank Lehmann und einige Künstlerfreunde ziehen um in die Wohnung des Kneipenbesitzers Erwin Kächele. In der Welt der herzensguten Freaks sind Kunst und Hausbesetzungen die Themen der Stunde – und der normale Berliner Irrsinn.

          Rainer Schmidt

          Verantwortlicher Redakteur Frankfurter Allgemeine Quarterly.

          Wollten Sie einen persönlichen Rekord aufstellen?

          Wieso?

          Der zweite Satz in „Der kleine Bruder“, dem dritten Band der Lehmann-Trilogie, hatte 197 Worte. Der zweite Satz in „Wiener Straße“ hat 759 und geht über drei Seiten.

          Das habe ich nicht bewusst gemacht, das wäre ja auch albern und prätentiös, sondern da entsteht ein Gedankenstrom im Kopf der Figur, und dann sehe ich diesen Punkt nicht mehr, das rattert los, und die Gedanken drehen frei, das hört gar nicht mehr auf, wie bei „Herrn Lehmann“. Das ist anscheinend so mein Ding. Und das macht ja auch Spaß.

          So viel Spaß, dass jetzt zur Trilogie noch ein viertes Lehmann-Buch erscheint – kommen Sie von dem Kosmos nicht mehr los?

          Andere schreiben Krimis mit immer demselben Kommissar, ich lebe mit meinen Figuren, die so etwas Lebendiges, Unberechenbares für mich haben – und es kommen stets neue dazu. Ich habe mir da Figuren geschaffen, die geben mehr her als nur einen Roman, und jedes Mal verschieben sich die Gewichte. Hier spielt Frank Lehmann nur eine untergeordnete Rolle.

          Sie erzählen die Geschichte aus der Perspektive von Erwin Kächele, dem Kneipenbesitzer, der so eine Art Herbergsvater ist, der den ganzen Laden zusammenhält.

          Der ist so interessant, weil er im Gegensatz zu den anderen ein richtig guter Geschäftsmann ist, und so einen brauchen auch die Freaks, eine Vaterfigur, die sie versteht und liebt und versorgt, mit Jobs, mit Wohnungen, mit guten Ratschlägen. Aber seine ist nur eine von mehreren Erzählperspektiven, er ist nicht die Hauptfigur.

          „Wiener Straße“ ist sehr lustig. Sie haben einmal gesagt, Humor sei eine „kalte Technik“. Was heißt das?

          Humor ist auch eine Technik der befreienden Distanz, Freud nennt das „Lustgewinn durch ersparten Gefühlsaufwand“. Man entledigt sich seiner Gefühle für einen Moment, macht sich über etwas lustig. Das ist ja auch eine Einstellung zum Leben, eine Lebensbewältigungsstrategie: Wer es gar nicht schafft, durch Humor Distanz zu schaffen, ist hart am Rande einer Depression unterwegs. Der Witzelsüchtige dagegen schiebt alles von sich weg, das ist dann auch nicht schön.

          „Kalte Technik“ klingt nach Kalkül...

          Nein, es geht mir doch nicht darum, bewusst ein lustiges Buch zu schreiben, ich sehe mich nicht als deutscher Humorist, diese Seite meines Schreibens ergibt sich von selbst, da muss ich gar nichts für tun.

          In „Wiener Straße“ gibt es sehr alberne Szenen, etwa auf einem Dach, wo die Künstler der „ArschArt Galerie“ einen der ihren, der „Kacki“ genannt wird, vor laufender Kamera in einer Art Slapsticknummer retten, die damit endet, dass alle gerührt Wiener Heimatlieder singen. Sie definieren ja drei Humorkategorien, welche wäre das?

          Bei Humor ist es wie mit Wein, es gibt den von Aldi in Tüten, den mit Schraubverschluss und den teuren vom „Wein-Peter“, das wäre in dem Fall der mit dem Schraubverschluss. Aber gerade die genannte Szene ist nicht nur witzig, sondern sie zeigt, dass diese Menschen auch spontan zu einer guten Inszenierung in der Lage sind, dass es sich also um astreine Wiener Aktionskünstler handelt. Humor ist ein heikles Spiel.

          Warum?

          Man kann über jemanden lachen und sich zugleich mit ihm identifizieren. Dann lacht man auch über sich selbst, das ist ehrenwert und zugleich hilfreich, weil es Distanz zum eigenen Ich schafft. Und man kann über jemanden lachen, ohne sich mit ihm zu identifizieren, das ist das böse Lachen, das ist das „Guck-mal-der Idiot“- Lachen, und da wird es unangenehm. Ich kann mich mit dem schusselig wirkenden Kontaktbereichsbeamten genau so identifizieren wie mit dem Wiener „ArschArt“-Freak Kacki. Deshalb geht’s.

          Sven Regener mit seiner Band Element of Crime in Hamburg
          Sven Regener mit seiner Band Element of Crime in Hamburg : Bild: Picture-Alliance

          Berlin ist bei Ihnen eine einzige große Inszenierung: Der „ArschArt“-Verein ist eine Simulation, die Haus-Besetzung nicht echt, der vermeintliche Kunst-Kurator bloß Sozialarbeiter – alles Fake...

          Wir bewegen uns in der Kunstszene, da ist die Inszenierung immer dabei. In West-Berlin besonders, weil es die Welthauptstadt der Verdrängung war. Verständlicherweise. Die Bevölkerung war traumatisiert vom Mauerbau, der die Stadt und viele Familien, viele Leben zerstört hatte. Das war 1980 erst 19 Jahre her. Alle waren noch wie betäubt und haben nicht verstanden, was diese Freaks plötzlich wollten mit ihrem „Ey, geil, ey, Mauerstadt!“. Die Westberliner saßen in Schockstarre auf einer Insel, die Freaks haben das nur als Abenteuerspielplatz verstanden und nicht begriffen, dass das reale Wunden waren. Das war durchaus ignorant und herzlos. Also eine völlig neurotische Konstellation. Vieles wurde durch die große Liberalität gemildert, die den Berlinern eben auch zu eigen ist. Andererseits führte es auch zu Verbitterung, zu knüppelharten Konfrontationen und den bekannten faschistoiden Tendenzen, Stichwort Innensenator Heinrich Lummer & Konsorten.

          Und zu einer enormen Kreativität?

          Die Punkrock-Entwicklungen hatten auch die Kunstszene entakademisiert. Man rechtfertigte sich nicht mehr, man schrieb keine langen Manifeste mehr, man wollte auch gar nicht mehr anerkannt werden. Ich habe in Bands gespielt, wo die wichtigste Idee darin bestand, einen Saal leer zu spielen. Diese Dreistigkeit, diese Frische, das war neu und belebend, und jeder konnte mitmachen.

          Aber offensichtlich nicht jeder überall?

          Das eine war die Bohème, die Kunstszene, das andere war die Hausbesetzerszene, die für Journalisten ein wichtiges Ding war. Diesen Effekt nutzen im Buch die Leute von der „ArschArt-Galerie“ aus, die das Haus, das einem von ihnen gehört, „besetzen“, damit sie als Künstler cool wirken – das schafft mediale Aufmerksamkeit. Die Hausbesetzer waren sehr elitär und sehr sektiererisch, schon die Unterstützerszene wurde herablassend behandelt. Aber ohne die Hausbesetzer gäbe es viele der Altbauten heute nicht mehr.

          Im Buch belehrt der Künstler H.R. Ledigt aus Köln einen Baumarktverkäufer über die richtige Verwendung des Berliner Dialekts. Die Zugezogenen als nervende Besserwisser – ein Großstadt- oder Berlinphänomen?

          Was bedeutet in einer Stadt wie Berlin schon „zugezogen“? Praktisch jeder ist hier „zugezogen“. Selbst der große Milieu-Experte Zille kam doch ursprünglich aus Sachsen. Beim Berlinern kann deswegen jeder mitmachen. In den Achtzigern gab es Leute, die haben nach zwei Wochen berlinert, oft Schwaben, das klang vielleicht am Anfang bisschen komisch, aber was soll’s. Das Berlinern ist auch keine durchgehend betriebene Sache, das könnte niemand ertragen. Man spricht eher normales Deutsch, und Teile einer Aussage werden berlinert, als zusätzliche Unterstreichung, als Machtfaktor, als Angriff auch, weil man Angst hat oder auftrumpfen will. Das Verbessern ist eine Art Notwehr, damit wird der Angriff des Berlinernden abgewehrt, das eine ist so aggressiv wie das andere. Das Unverständnis zwischen den Parallelgesellschaften damals war groß, das führte zu knüppelharten Konfrontationen zwischen Berlinern und Freaks, wobei sich die Berliner ihrer Gruppenzugehörigkeit gerne mal durch exzessives Berlinern vergewisserten.

          Ihre Helden schimpfen viel, am härtesten aber zwei Frauen, die Nichte Chrissie und ihre Mutter Kerstin.

          Auch das Schimpfen ist ein Distanzmittel, mit dem man zugleich Zuneigung signalisieren kann: „Ey, du Arsch“ kann ja durchaus liebevoll gemeint sein. Das sind eben zwei selbstbewusste Frauen aus Württemberg, die sich den Typen nicht als Mäuschen unterordnen. Es gab damals sehr viele sehr starke Frauen, die sich nicht die Butter vom Brot haben nehmen lassen, auch eine Folge des Punkrockdings und der Frauenbewegung der siebziger Jahre. Frauen können sowieso genau so hart sein wie Männer, ich habe Frauen niemals als das schwache oder sensiblere Geschlecht gesehen.

          Dieser Artikel ist aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung
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          Ihre Figuren wollen ein Maximum an Freiheit, aber alles in der Umgebung – suchen alle das Dorf im großen Berlin?

          Das ist doch immer so, in New York auch, da sind die Künstler dann alle im sogenannten Village, das ist auch nicht größer als Bremen-Steintor. Niemand kann in einer ganzen Stadt leben, das ist Unsinn.

          Einmal hält Erwin Kächele eine Rede, um einen illegal gefällten Baum als Kunstwerk gegen die Polizei zu verteidigen. Er denkt, er müsse jetzt aktiv werden, sonst werde er dereinst wie damals die Eltern gefragt werden, wo er in der Situation gewesen sei. Aber es geht nur um einen blöden Baum. Fehlten den Akteuren die großen politischen Ziele?

          Da kämpft er um viel, um die Freiheit der Kunst. Aber natürlich ist er dabei leicht hysterisch, und dabei verrutschen dann auch schon mal die Maßstäbe. Ansonsten sind Künstler und auch Kunstfreunde wie Erwin nicht unbedingt die beste Adresse, wenn es um Politik geht. Da, wo Künstler versuchen, Politik zu machen oder sich politisch gerieren, hat es immer viel mehr mit Pose zu tun als mit echter Politik. Das ist meist politisches Luftgitarrenspiel. Und peinlich. Und was große politische Ziele betrifft: In West-Berlin war so was auch heikel. Oberstes Ziel, und das ist nicht gerade aufregend, musste die Erhaltung des Status quo sein, ein zweites „großes politisches Ziel“ hätte die Beseitigung der Mauer sein können, aber niemand wusste, wie das gehen sollte. Und ein paar wollten die Diktatur des Proletariats in einem unabhängigen West-Berlin, aber das war 1980 auch kaum noch virulent, die Neue Linke war da ja schon tot. Also fokussierte sich alles auf das Hausbesetzerthema. Aber da waren Künstler bloß Statisten. In der Politik wird nicht gesungen, in der Kunst wird nicht diskutiert.

          Sie sind Musiker und Schriftsteller. Sie hatten kürzlich eine Tour mit Element of Crime, jetzt stehen Lesungen an. Was ist anstrengender?

          Schwer zu sagen, bei den Lesungen bin ich ganz alleine unterwegs, bin 90 Minuten solo im Einsatz, dann signieren – danach bin ich schon kaputt. Andererseits ist Trompetespielen und Singen ja auch kein Pipifax.

          Sie haben einmal gesagt, ein gewisses rauschhaftes Element gebe es nur als Musiker, wo man eins werde mit dem Werk. Ist das Lesen langweiliger?

          Lesen ist auch eine sehr musikalische Handlung, das wird oft unterschätzt. Das hat sehr viel mit Klang zu tun, mit Rhythmus, Tempo und Melodie, und das ist für mich dann das gleiche rauschhafte Erlebnis wie bei der Musik. Und deswegen freue ich mich auch so darauf.

          „Wiener Straße“ bringt Nebenfiguren aus dem Lehmann-Kosmos nach vorne. Aber alle fragen sich: Wann wird es eine echte „Herr Lehmann“-Fortsetzung geben?

          Frank Lehmann nach der Maueröffnung? Da habe ich im Augenblick keine Lust drauf. Aber wenn ich mal eine gute Idee haben sollte, warum nicht? Für mich ist das ja immer wie ein Wiedersehen mit guten Freunden.

          Sven Regener: „Wiener Straße“. Roman. Galiani Berlin Verlag. 300 Seiten, 22 Euro

          Quelle: F.A.S.

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