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Susanne Osthoff Bearbeitet

30.12.2005 ·  Verstört statt kritisch: Die verwirrte Susanne Osthoff ist ein Produkt des ZDF. Ihre Äußerungen wurden gekürzt und aus dem Zusammenhang gerissen. Statt Antworten zu erwirken, wurde nur das Selbstmitleid der Fragstellerin transportiert, die sich um das Interview des Jahres betrogen fühlte.

Von Patrick Bahners
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Hat die deutsche Öffentlichkeit das Interesse am Irak-Krieg verloren? Oder gar das Interesse an Gerhard Schröder, kaum daß er zum Altkanzler geworden ist? So muß man es verstehen, daß das „heute-journal“ bei der Ausstrahlung des Interviews von Marietta Slomka mit Susanne Osthoff die Gründe weggelassen hat, die die freigelassene Geisel für ihren Dank an Schröder nannte.

Der vollständige Wortlaut ist im Internet nachzulesen. Demnach sagte Frau Osthoff über die Wirkung von Schröders Intervention: „Die Leute haben darauf Reaktion gezeigt, er als Mann und auch Charakter, der sich in der Welt darstellen kann, und den Arabern auch entsprechend das rübergebracht hat, das Ehrgefühl angesprochen hat, plus auch nicht in diesen Krieg eingestiegen ist.“ Bei der Ehre gepackt: eine kulturpsychologische These, die nicht originell ist, aber im Munde dieser Expertin Beachtung verdient.

Präsentation eines pathologischen Falles

Frau Slomka erläuterte, nach welchen Kriterien die Redaktion das Rohmaterial sendefertig gemacht hat. Frau Osthoff habe „das Bedürfnis“ gehabt, „eine Vielzahl von Themen anzusprechen, bei denen man ihr inhaltlich nur folgen kann, wenn man über ein großes Hintergrundwissen verfügt“. Man habe sich daher „entschlossen, dieses Gespräch zu bearbeiten und hier im ,heute-journal' nur jene Passagen zu senden, die für deutsche Fernsehzuschauer inhaltlich nachvollziehbar und auch von öffentlichem Interesse sind“.

Nun ist es Alltag, ein Interviewband zu bearbeiten, das heißt zu kürzen, zumal um Versprecher oder Momente der Sprachlosigkeit, wie sie den vor Kameras ungeübten Menschen heimsuchen, auch wenn er nicht gerade aus drei Wochen Todesangst erlöst worden ist. Indem das ZDF die Selbstverständlichkeit herausstellte, weckte es den Verdacht, das nicht gezeigte Material müsse wohl für das Bild Frau Osthoffs noch ungünstiger sein, als was man sehen und hören durfte.

Vom ersten Wort an präsentierte Frau Slomka einen pathologischen Fall: „Psychisch“ stehe Frau Osthoff „unter großer Anspannung“, auch der „öffentliche Wirbel“ habe „tiefe Spuren“ hinterlassen. Wollte das ZDF den Wirbel eindämmen? Der Sprecher des Senders gab an, man habe „das Gefühl“ gehabt, „daß wir Frau Osthoff vor sich selbst schützen mußten“.

Kritik an der deutschen Botschaft unterschlagen

Auch Frau Slomka gab ihr ungutes Gefühl zu erkennen. Aber nicht Mitleid, sondern das Selbstmitleid des um das Interview des Jahres betrogenen Profis sprach aus ihren Worten, „in der konkreten Gesprächssituation“ sei es „nicht ganz leicht“ gewesen, „Zugang zu Frau Osthoff zu finden“. Den Zugang hatten die arabischen Kollegen geschaffen, in deren Studio Frau Osthoff sich befragen ließ. Frau Slomkas Aufgabe wäre gewesen, Antworten zu erwirken.

Das Bild der bis auf einen Sehschlitz verschleierten Deutschen mußte den Eindruck bestimmen, den Frau Osthoffs Botschaften an die ungeliebte, im bayerischen Akzent freilich überdeutlich nachklingende Heimat machten. Die „heute“-Redaktion hat mit ihren Strichen alles getan, um diesen Eindruck zu verstärken.

Das Ergebnis, die vom ZDF bearbeitete Susanne Osthoff, in der Zusammenfassung der „Bild“-Zeitung: „Redete wirres Zeug, ohne Zusammenhang, reagierte kaum auf die Fragen.“ Der Wortlaut widerlegt die stillschweigend zur Stützung der Diagnose der Verwirrtheit geäußerte Behauptung, Frau Osthoff habe viele Themen angesprochen. Ein Thema dominiert, von dem das ZDF jede Spur getilgt hat: Frau Osthoffs Kritik an ihrer Behandlung durch die deutsche Botschaft vor der Entführung.

Keine Vorbereitung, keine Nachfragen

Daß sie aufgefordert worden sein soll, ihr Jahresbudget bis Ende Januar des Folgejahres auszugeben, daß man ihr gesagt habe: „Frau Osthoff, wir brauchen hier keinen Arabisten, wir brauchen hier eine Abrechnungsstelle“ - wer, der mit deutschen Bürokraten zu tun hatte, könnte das nicht nachvollziehen? Was triftig erscheint an diesen Vorwürfen, das zu ermitteln wäre ja wohl die Arbeit der Nachrichtenredaktion einer öffentlich-rechtlichen Anstalt, die im Zweifelsfall mitteilen könnte, das Auswärtige Amt verweigere eine Stellungnahme, man werde auf die Sache zurückkommen.

Marietta Slomka, Inbild der Smartness unter den moderierenden und ach so gefährlichen Frauen, blieb die simpelste Nachfrage schuldig. Natürlich wurde Frau Osthoffs schnippische Rüge herausgeschnitten, Frau Slomka hätte sich wenigstens durch Anhören des Interviews mit Al Dschazira vorbereiten können.

Medienkritik als Zeichen eines verwirrten Geistes

Just zu dem Zeitpunkt, da in der deutschen Presse, auch in dieser Zeitung, Zweifel an der Seriosität von Susanne Osthoffs archäologischem und humanitärem Engagement artikuliert wurden, verweigerten ihr die Therapeuten vom ZDF die Möglichkeit, ihre Sicht der Dinge darzulegen. Man ließ ihr den Appell, die Deutschen sollten sich einmal „Gedanken über den Hintergrund machen, daß sie nicht weit von dem Ganzen entfernt sind“.

Es klingt wie eine Weltverschwörungstheorie, wenn sie anfügt: „Irak ist auch bei uns, ich habe ja erwähnt warum“, aber dieses vorher Erwähnte ist der Bearbeitung zum Opfer gefallen - die hohe Zahl irakischer Emigranten in Deutschland. „Die Leute schauen ja viel Fernsehen“, denen muß man nicht groß erklären, wie eine Entführung abläuft. Diese sarkastische Medienkritik zieht sich durch das Interview und dürfte den ZDF-Bearbeitern als untrügliches Zeichen eines verwirrten Geistes erschienen sein. Das verstörende Zeichen der Vermummung deutet sich von selbst: Susanne Osthoff wußte vorher, daß sie im deutschen Fernsehen nur bloßgestellt werden konnte.

Quelle: F.A.Z., 30.12.2005, Nr. 304 / Seite 31
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Jahrgang 1967, Redakteur im Feuilleton.

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