10.10.2003 · Sie ist eine vielfach ausgezeichnete Schriftstellerin mit einem breiten künstlerischen Spektrum: Susan Sontag, die diesjährige Preisträgerin des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels, hat mehrere Romane geschrieben - ihr erster, "The Benefactor" (Der Wohltäter), erschien 1963, der bisher letzte "In Amerika" erschien 2000.
Von Henning RitterSie ist eine vielfach ausgezeichnete Schriftstellerin mit einem breiten künstlerischen Spektrum: Susan Sontag hat mehrere Romane geschrieben - ihr erster, "The Benefactor" (Der Wohltäter), erschien 1963, der bisher letzte "In Amerika" vor drei Jahren -, berühmt aber wurde sie durch ihre meisterhaften Essaysammlungen "Kunst und Antikunst" und "Im Zeichen des Saturn", "Über Fotografie". Wenig bekannt schließlich ist, daß sie auch Filme gedreht hat. Bildende Kunst oder Literatur, Fotografie und Film sind die bevorzugten Gegenstände der Kritikerin, deren Interesse vor allem europäischer Kunst gilt. Ihre Porträts von Walter Benjamin, von Cioran, von Canetti oder Roland Barthes haben diesseits und jenseits des Atlantiks zur Entdeckung und Wiederentdeckung dieser und vieler anderer Autoren entscheidend beigetragen.
Daneben gibt es aber auch die politisch engagierte Literatin. Seitdem Sartres Stuhl als Voltaire unserer Zeit verwaist ist, kann Frau Sontag einige Ansprüche darauf geltend machen. Wenige Intellektuelle finden mit ihren Verlautbarungen so viel Aufmerksamkeit wie sie, in Amerika wie in Europa, wenige auch sind so darauf bedacht, die Wirkung ihrer Worte unter ihrer eigenen Kontrolle zu behalten. Der Auftakt dieser politischen Karriere war spektakulär. Auf dem Höhepunkt des Vietnam-Krieges nahm die damals Fünfunddreißigjährige eine Einladung der nordvietnamesischen Regierung zu einem zweiwöchigen Aufenthalt an. Sie gab darüber in ihrem Buch "Reise nach Hanoi" Rechenschaft, einem Dokument der Selbstreflexion einer Amerikanerin zwischen den Fronten. Mehr als ein Jahrzehnt später, im Jahre 1982, organisierte Susan Sontag einen vielbeachteten Protest gegen das über Polen verhängte Kriegsrecht. Damals bediente sie sich der Gleichsetzung des Faschismus mit dem Kommunismus, wobei sie diesen als die "erfolgreiche" Version von jenem bezeichnete. Letzteres sollte sich wenige Jahre später als falsch erweisen.
Nach dem Abenteuer in Hanoi hat Susan Sontag 1993 noch einmal einen spektakulären Auftritt gehabt. Während des Bosnien-Krieges reiste sie zweimal in das belagerte Sarajevo, wo sie Becketts Stück "Warten auf Godot" inszenierte, dessen Tristesse zwar nicht zur Ermutigung der Bevölkerung diente, aber doch als Zeichen der Teilnahme an der Hoffnungslosigkeit im Lande aufgefaßt werden konnte. Die Demonstration der Sinnlosigkeit sollte außerdem die Untätigkeit der europäischen Staaten anklagen.
Auch das palästinensische Drama hat die Aufmerksamkeit der für die Menschenrechte engagierten Schriftstellerin erregt. Als sie auf der Buchmesse in Jerusalem den angesehenen "Jerusalem Prize" entgegennahm, kritisierte sie in ihrer Rede den Stifter des Preises, den Staat Israel, wegen seiner Besatzungspolitik heftig. Wenn sie an diesem Sonntag den Friedenspreis des deutschen Buchhandels entgegennimmt, braucht die Politik der Deutschen und der Europäer wohl kaum die kritische Schärfe der Rednerin zu fürchten. Wohl aber könnte die Amerikanerin die Rolle ihres eigenen Landes bei der Sicherung des Friedens in der Welt in grelles Licht tauchen. Vor Überraschungen kann man aber nie sicher sein.