http://www.faz.net/-gqz-74w8w
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 10.12.2012, 09:24 Uhr

Suhrkamp Verlag Wenn der Partner das Böse verkörpert

Dieser Verlag hat die deutsche Kultur geprägt wie kein zweiter. Jetzt droht Suhrkamp per Gerichtsbeschluss die Auflösung. Wie konnte es so weit kommen? Wer rettet die Gesellschafter vor sich selbst?

von
© Bernd Kammerer Das ehemalige Suhrkamp-Haus in Frankfurt wurde im vergangenen Jahr abgerissen. Nun könnte ein Gericht die Auflösung der Verlagsgesellschaft beschließen

Die Auseinandersetzungen im Suhrkamp Verlag nehmen kein Ende. Die beiden Gesellschafter, die Unseld-Familienstiftung und die Medienholding Winterthur, können sich offensichtlich über nichts mehr einigen. Inzwischen sind unter den Gesellschaftern alle strittigen Themen vor Gericht gelandet. An die zwanzig Verfahren beschäftigen derzeit viele Anwälte auf beiden Seiten. Jetzt ist die Situation eskaliert. Das Äußerste droht: Ein deutsches Gericht könnte die Auflösung der Suhrkamp Verlags GmbH & Co. KG beschließen. Beantragt hat sie der Minderheitsgesellschafter, die Medienholding AG Winterthur.

Sandra  Kegel Folgen:

Würde die Auflösung rechtskräftig, hätte das die Liquidation eines der wichtigsten deutschen Verlage zur Folge. Und verschwinden würde nicht nur das linke Herz der alten Bundesrepublik, sondern ein hochambitionierter Programmmacher und intellektueller Fixstern eines Milieus, das die Republik über Jahrzehnte hinweg geprägt hat.

Beginn mit zwei harmlosen einstweiligen Verfügungen

Man mag sich nicht vorstellen, dass der Ernstfall eintritt. Und doch muss, wer am Mittwoch im Frankfurter Landgericht dem Vorsitzenden Richter bei seiner einstündigen Ausführung zuhörte, befürchten, dass es dazu kommen kann. Weil die anderen juristischen Möglichkeiten ausgeschöpft und alle außergerichtlichen Wege zu einer Einigung versperrt sind. Es war dem Richter Norbert Höhne daher bitter ernst, als er im Saal 122 des Frankfurter Gerichts erklärte, dass „einer der namhaftesten Teilnehmer am deutschen Literaturbetrieb zu verschwinden droht“. Die Warnung war an beide Parteien gerichtet, denn, so Höhne: „Beide Gesellschafter sehen sich offenbar wechselseitig als Inkarnation des Bösen.“ Deshalb muss für ihn „eine Trennung her“. Der Preis dafür könnte allerdings der Untergang des Hauses Suhrkamp sein.

Mehr zum Thema

Die vom Frankfurter Richter ins Spiel gebrachte Metapher der durch Ketten verbundenen geflohenen Strafgefangenen mit der Bemerkung, in der Realität würde es wohl kein Happy End geben wie im Film, lässt nichts Gutes vermuten. Auffällig war jedenfalls die Abwesenheit der Verlegerin in Frankfurt bei einer für den Verlag doch so bedeutsamen gerichtlichen Auseinandersetzung.

Die Chronik eines angekündigten Todes, die in der Frankfurter Sitzung am 13. Februar ihren nächsten Höhepunkt erleben wird, beginnt mit zwei eher harmlosen einstweiligen Verfügungen zugunsten der Familienstiftung im Sommer vorigen Jahres. Kurz zuvor noch hatte alles auf einen geglückten Neuanfang hingedeutet. Der Umzug nach Berlin war geschafft, die belletristischen Programme präsentierten sich frisch und interessant, und mit der zuvor erfolgten Ausbezahlung des dritten Gesellschafters Joachim Unseld fand ein langer zermürbender Streit doch noch sein Ende. In der Gesellschaft verblieben die Siegfried und Ulla Unseld Familienstiftung, die mit 61 Prozent die Mehrheit hält und der Ulla Unseld-Berkéwicz vorsitzt, und die von Hans Barlach geführte Medienholding AG Winterthur, die über die restlichen 39 Prozent verfügt.

Vermieterin und Mieterin in Personalunion

In der Unvereinbarkeit ihrer Charaktere, Temperamente und konträren Zugänge zur Welt liegt wohl der Keim des Problems. Sie sprechen nicht dieselbe Sprache. Nur so kann man sich erklären, dass sie es zu dieser Situation überhaupt haben kommen lassen. Und man fragt sich, ob beiden Seiten tatsächlich klar ist, wie ernst die Lage ist und was auf dem Spiel steht. Wer sich wie Ulla Unseld-Berkéwicz anscheinend aus allen Rechtsstreitigkeiten heraushält (à la: Sollen die Juristen doch machen!), trägt zum Verhängnis bei.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
VG Wort am Ende? Verlagen geht es an den Kragen

Das Urteil des Bundesgerichtshofs zur VG Wort ist für kleine Verlage eine Katastrophe. Wir fragen uns derweil: Hat die EU-Kommission tatsächlich kapiert, was der Monopolist Google auf unseren Smartphones treibt? Mehr Von Michael Hanfeld

22.04.2016, 16:42 Uhr | Feuilleton
Costa Concordia Kapitän Schettino wieder vor Gericht

In Florenz hat der Berufungsprozess gegen den früheren Costa-Concordia-Kapitän begonnen. Schettino war im Februar 2015 in erster Instanz wegen fahrlässiger Tötung verurteilt worden. Die Richter legten ein Strafmaß von 16 Jahren und einem Monat Haft fest. Gegen das Urteil legten allerdings sowohl die Staatsanwaltschaft sowie die Verteidigung Berufung ein. Mehr

28.04.2016, 16:30 Uhr | Gesellschaft
Trotz Wohnungsnot Familie darf nicht in Ein-Zimmer-Wohnung leben

In Großstädten wie München ist bezahlbarer Wohnraum für Familien kaum zu haben. Eine vierköpfige Familie darf aber nach Auffassung des Amtsgerichtes trotzdem nicht in einer Ein-Zimmer-Wohnung leben. Der Mieterverein hält das Urteil für fragwürdig. Mehr

22.04.2016, 12:25 Uhr | Wirtschaft
Preissenkung Proteste von Milchbauern in Bolivien eskalieren

Milchbauern und Polizei haben sich in Bolivien gewalttätige Auseinandersetzungen geliefert. Viele Bauern sehen sich wegen sinkender Preise und einer geringeren Abnahme der Milch in ihrer Existenz bedroht. Mehr

06.04.2016, 15:24 Uhr | Gesellschaft
Fernsehserien Wo ist da der besondere Dreh?

Neue Twists und Turns sollen her: Auf dem Serien-Gipfel in Köln reden Fernsehmacher über die Zukunft und landen doch bei der alten Frage. Warum sind deutsche Produktionen so schlecht? Mehr Von Oliver Jungen

03.05.2016, 12:45 Uhr | Feuilleton
Glosse

Nach Himmelfahrt

Von Jürgen Kaube

In diesem Jahr fallen zu viele Feiertage auf Sonntage, und im nächsten wird es richtig schlimm. Muss das Konzept der Feier- und Brückentage neu überdacht werden? Mehr 32

Abonnieren Sie den Newsletter „Literatur“