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Veröffentlicht: 10.12.2012, 09:24 Uhr

Suhrkamp Verlag Wenn der Partner das Böse verkörpert

Dieser Verlag hat die deutsche Kultur geprägt wie kein zweiter. Jetzt droht Suhrkamp per Gerichtsbeschluss die Auflösung. Wie konnte es so weit kommen? Wer rettet die Gesellschafter vor sich selbst?

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© Bernd Kammerer Das ehemalige Suhrkamp-Haus in Frankfurt wurde im vergangenen Jahr abgerissen. Nun könnte ein Gericht die Auflösung der Verlagsgesellschaft beschließen

Die Auseinandersetzungen im Suhrkamp Verlag nehmen kein Ende. Die beiden Gesellschafter, die Unseld-Familienstiftung und die Medienholding Winterthur, können sich offensichtlich über nichts mehr einigen. Inzwischen sind unter den Gesellschaftern alle strittigen Themen vor Gericht gelandet. An die zwanzig Verfahren beschäftigen derzeit viele Anwälte auf beiden Seiten. Jetzt ist die Situation eskaliert. Das Äußerste droht: Ein deutsches Gericht könnte die Auflösung der Suhrkamp Verlags GmbH & Co. KG beschließen. Beantragt hat sie der Minderheitsgesellschafter, die Medienholding AG Winterthur.

Sandra  Kegel Folgen:

Würde die Auflösung rechtskräftig, hätte das die Liquidation eines der wichtigsten deutschen Verlage zur Folge. Und verschwinden würde nicht nur das linke Herz der alten Bundesrepublik, sondern ein hochambitionierter Programmmacher und intellektueller Fixstern eines Milieus, das die Republik über Jahrzehnte hinweg geprägt hat.

Beginn mit zwei harmlosen einstweiligen Verfügungen

Man mag sich nicht vorstellen, dass der Ernstfall eintritt. Und doch muss, wer am Mittwoch im Frankfurter Landgericht dem Vorsitzenden Richter bei seiner einstündigen Ausführung zuhörte, befürchten, dass es dazu kommen kann. Weil die anderen juristischen Möglichkeiten ausgeschöpft und alle außergerichtlichen Wege zu einer Einigung versperrt sind. Es war dem Richter Norbert Höhne daher bitter ernst, als er im Saal 122 des Frankfurter Gerichts erklärte, dass „einer der namhaftesten Teilnehmer am deutschen Literaturbetrieb zu verschwinden droht“. Die Warnung war an beide Parteien gerichtet, denn, so Höhne: „Beide Gesellschafter sehen sich offenbar wechselseitig als Inkarnation des Bösen.“ Deshalb muss für ihn „eine Trennung her“. Der Preis dafür könnte allerdings der Untergang des Hauses Suhrkamp sein.

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Die vom Frankfurter Richter ins Spiel gebrachte Metapher der durch Ketten verbundenen geflohenen Strafgefangenen mit der Bemerkung, in der Realität würde es wohl kein Happy End geben wie im Film, lässt nichts Gutes vermuten. Auffällig war jedenfalls die Abwesenheit der Verlegerin in Frankfurt bei einer für den Verlag doch so bedeutsamen gerichtlichen Auseinandersetzung.

Die Chronik eines angekündigten Todes, die in der Frankfurter Sitzung am 13. Februar ihren nächsten Höhepunkt erleben wird, beginnt mit zwei eher harmlosen einstweiligen Verfügungen zugunsten der Familienstiftung im Sommer vorigen Jahres. Kurz zuvor noch hatte alles auf einen geglückten Neuanfang hingedeutet. Der Umzug nach Berlin war geschafft, die belletristischen Programme präsentierten sich frisch und interessant, und mit der zuvor erfolgten Ausbezahlung des dritten Gesellschafters Joachim Unseld fand ein langer zermürbender Streit doch noch sein Ende. In der Gesellschaft verblieben die Siegfried und Ulla Unseld Familienstiftung, die mit 61 Prozent die Mehrheit hält und der Ulla Unseld-Berkéwicz vorsitzt, und die von Hans Barlach geführte Medienholding AG Winterthur, die über die restlichen 39 Prozent verfügt.

Vermieterin und Mieterin in Personalunion

In der Unvereinbarkeit ihrer Charaktere, Temperamente und konträren Zugänge zur Welt liegt wohl der Keim des Problems. Sie sprechen nicht dieselbe Sprache. Nur so kann man sich erklären, dass sie es zu dieser Situation überhaupt haben kommen lassen. Und man fragt sich, ob beiden Seiten tatsächlich klar ist, wie ernst die Lage ist und was auf dem Spiel steht. Wer sich wie Ulla Unseld-Berkéwicz anscheinend aus allen Rechtsstreitigkeiten heraushält (à la: Sollen die Juristen doch machen!), trägt zum Verhängnis bei.

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