http://www.faz.net/-gqz-75c6k
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 27.12.2012, 10:25 Uhr

Suhrkamp-Verlag Ein literarischer Stern soll verglühen

Im Streit um die Stellung von Ulla Berkéwicz im Suhrkamp-Verlag gibt es Tatsachen. Und es gibt Gerüchte, die andere Geschichten insinuieren: Eine notwendige Klarstellung.

von
© Isolde Ohlbaum/laif So geht Verleger: Siegfried Unseld mit Ulla Berkéwicz 1992 beim Suhrkamp-Empfang in der Frankfurter Klettenbergstraße. Rechts hinter Frau Berkéwicz steht Andreas Müller vom „Darmstädter Echo“, links neben Unseld sitzt Friedhelm Herborth, von 1974 bis 1999 Lektor der Reihe „suhrkamp taschenbuch wissenschaft“, danach Verleger von „Velbrück Wissenschaft“. Unseld liest seinen Gästen einen rühmenden F.A.Z.-Artikel über seine Sekretärin Burgel Zeeh vor.

Die an dieser Stelle vor wenigen Tagen geäußerte Befürchtung, dass es bei dem deprimierenden Streit um Suhrkamp um eine Delegitimierung von Ulla Berkéwicz als Verlagsleiterin geht, ist über Weihnachten zur selbsterfüllenden Prophezeiung geworden. Richard Kämmerlings hat am 21. Dezember gemeinsam mit Siegfried Unselds Sohn Joachim in der „Welt“ nachgelegt, nachdem er bereits in einem ersten Anlauf mit der psychologischen Einsicht eines den „weiblichen Reizen“ gerne erlegenen Siegfried Unseld die Karriere seiner Frau und Witwe dort einordnete, wo sie seiner Meinung nach hingehört. Der „Welt“-Redakteur hält die hier am 20. Dezember publizierte historische Interpretation, wonach Ulla Berkéwicz durch Verzicht auf den Pflichtteil den Verlag rettete, für einen „Mythos“ und stellt darüber hinaus die Frage, wieso ihr Mann sie nicht als Verlagschefin einsetzte, wenn er es denn wirklich gewollt hätte. Der Fall ist interessant, weit über die aktuellen Fragen hinaus, denn er zeigt die Mechanik einer Rufschädigung.

Wer weiß schon, fragt Kämmerlings, was Siegfried Unseld wirklich wollte? Das sei, sagt der Journalist, „höchst umstritten“. Und damit auch die Rolle der Verlegerin. So etwas wie „umstritten“ sagt sich leicht, wenn man zu bequem zum Recherchieren oder auch nur zum Anrufen ist. Was soll’s? Wird schon keine Beweise geben. Und eine Gegenmeinung macht sich immer gut.

Der Journalist will, was man ihm angesichts der Bedeutung des Berliner Verlags nicht verdenken kann, sich mit der Deutung der Suhrkamp-Querelen einen Namen machen. Das Ergebnis ist eine erstaunliche investigative und journalistische Fehlleistung. Immerhin, die Hausnummer des Hauses, in dem die Verlegerin wohnt - so viel indiskreter Recherche-Eifer in Zeiten von Google Earth muss sein -, entspricht den Tatsachen. Im Bestreben, diese Zeitung der Mythenbildung zu überführen, Ulla Berkéwiczs Ansprüche in Frage zu stellen und die Suhrkamp-Geschichte der neunziger Jahre in einen dubiosen fog of war zu tauchen, wird der Leser in die Irre geführt.

Ein Minimum an journalistischer Genauigkeit hätte genügt

Es war natürlich nur eine Frage der Zeit, bis Kämmerlings auch auf Joachim Unseld stoßen würde. In diesem Fall: als Quelle für die Beantwortung der Frage, wie dessen Vater Siegfried Unseld sein Lebenswerk erhalten wissen wollte. Vater und Sohn waren bekanntlich seit Anfang der neunziger Jahre tief verstritten, führten Prozesse gegeneinander und hatten über Jahre hinweg bis zu Siegfried Unselds Tod kaum Kontakt.

Es ist Joachim Unselds gutes Recht, seine Version der Ereignisse zu schildern, faktisch die Geschichte einer Enterbung, die er nicht anders als mit Verbitterung erlebt haben kann. In einem Leserbrief an diese Zeitung gibt Unseld seine Deutung und Anregungen für Recherchen zum Ehevertrag zwischen Siegfried und Ulla Unseld. Da es aber in allem stets noch eine Stufe tiefer geht, bricht der „Welt“-Redakteur einen stillschweigenden Konsens des Journalismus jenseits der Regenbogenpresse, der, bis heute jedenfalls, mit guten Gründen darauf achtet, in Familienkriegen den Beteiligten nicht den Status von Zeugen zu geben. Macht alles nichts in Zeiten der Aufmerksamkeitsökonomie; blind geworden, weil ihm der Leserbrief „vorliegt“, ehe er noch überhaupt in der F.A.Z. erschienen ist, zitiert Kämmerlings den Sohn, um sein Argument zu befeuern: „Siegfried Unseld hatte nie vor, Frau Berkéwicz die operative Leitung zu übertragen, sonst hätte er sie ja selbst noch zum Geschäftsführer der Holding bestellt.“

1 | 2 | 3 | 4 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Streit um Leistungsschutzrecht Das zahlt niemand aus der Portokasse

Wir sind doch keine Parasiten: Warum das BGH-Urteil zum Leistungsschutzrecht ein Fehler ist, der die Verlage teuer zu stehen kommt. Gastbeitrag eines Verlegers. Mehr Von Jörg Sundermeier

23.04.2016, 14:45 Uhr | Feuilleton
Video-Filmkritik Anhedonia – Narzissmus als Narkose

Anhedonia – Narzissmus als Narkose von Patrick Siegfried Zimmer in der F.A.Z-Filmkritik. Mehr

04.04.2016, 18:51 Uhr | Feuilleton
Zukunft des Buchgeschäfts Zwischen Bindung und Bröckelei

Wie blickt eigentlich die Buchbranche in die Zukunft? Eine Podiumsrunde mit drei Münchner Verlegern zeigt: Verlage sind keine Verwerter. Mehr Von Patrick Bahners

01.05.2016, 13:18 Uhr | Feuilleton
Video Wer ist die Frau an Donald Trumps Seite?

Das slowenische Städtchen Sevnica war bislang nicht besonders bekannt. Doch nun könnte Donald Trump Präsident der Vereinigten Staaten werden – und seine Frau Melania First Lady. Die 46-Jährige ist schon heute die berühmteste Tochter Sevnicas. Ein Besuch in ihrer slowenischen Heimatstadt. Mehr

26.04.2016, 17:22 Uhr | Gesellschaft
Bitte um Freigabe Hummels’ ausgeprägter Wechselwille

Mats Hummels bittet Borussia Dortmund um die Freigabe für einen Wechsel zu Bayern München. Nun wartet der BVB auf ein Angebot des Rekordmeisters – das eine bestimmte Summe wohl nicht unterschreiten wird. Mehr Von Richard Leipold, Dortmund

28.04.2016, 19:39 Uhr | Sport
Glosse

Bayerische Gleichberechtigung

Von Patrick Bahners

Im Zuge des Neubaus des Münchner Hauptbahnhofs wird auch dessen Vorplatz neu gestaltet. Eine Frau soll dort zu sehen sein – aber ist Bayern schon soweit? Mehr 0

Abonnieren Sie den Newsletter „Literatur“