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Suhrkamp-Verlag Ein literarischer Stern soll verglühen

 ·  Im Streit um die Stellung von Ulla Berkéwicz im Suhrkamp-Verlag gibt es Tatsachen. Und es gibt Gerüchte, die andere Geschichten insinuieren: Eine notwendige Klarstellung.

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© Isolde Ohlbaum/laif So geht Verleger: Siegfried Unseld mit Ulla Berkéwicz 1992 beim Suhrkamp-Empfang in der Frankfurter Klettenbergstraße. Rechts hinter Frau Berkéwicz steht Andreas Müller vom „Darmstädter Echo“, links neben Unseld sitzt Friedhelm Herborth, von 1974 bis 1999 Lektor der Reihe „suhrkamp taschenbuch wissenschaft“, danach Verleger von „Velbrück Wissenschaft“. Unseld liest seinen Gästen einen rühmenden F.A.Z.-Artikel über seine Sekretärin Burgel Zeeh vor.

Die an dieser Stelle vor wenigen Tagen geäußerte Befürchtung, dass es bei dem deprimierenden Streit um Suhrkamp um eine Delegitimierung von Ulla Berkéwicz als Verlagsleiterin geht, ist über Weihnachten zur selbsterfüllenden Prophezeiung geworden. Richard Kämmerlings hat am 21. Dezember gemeinsam mit Siegfried Unselds Sohn Joachim in der „Welt“ nachgelegt, nachdem er bereits in einem ersten Anlauf mit der psychologischen Einsicht eines den „weiblichen Reizen“ gerne erlegenen Siegfried Unseld die Karriere seiner Frau und Witwe dort einordnete, wo sie seiner Meinung nach hingehört. Der „Welt“-Redakteur hält die hier am 20. Dezember publizierte historische Interpretation, wonach Ulla Berkéwicz durch Verzicht auf den Pflichtteil den Verlag rettete, für einen „Mythos“ und stellt darüber hinaus die Frage, wieso ihr Mann sie nicht als Verlagschefin einsetzte, wenn er es denn wirklich gewollt hätte. Der Fall ist interessant, weit über die aktuellen Fragen hinaus, denn er zeigt die Mechanik einer Rufschädigung.

Wer weiß schon, fragt Kämmerlings, was Siegfried Unseld wirklich wollte? Das sei, sagt der Journalist, „höchst umstritten“. Und damit auch die Rolle der Verlegerin. So etwas wie „umstritten“ sagt sich leicht, wenn man zu bequem zum Recherchieren oder auch nur zum Anrufen ist. Was soll’s? Wird schon keine Beweise geben. Und eine Gegenmeinung macht sich immer gut.

Der Journalist will, was man ihm angesichts der Bedeutung des Berliner Verlags nicht verdenken kann, sich mit der Deutung der Suhrkamp-Querelen einen Namen machen. Das Ergebnis ist eine erstaunliche investigative und journalistische Fehlleistung. Immerhin, die Hausnummer des Hauses, in dem die Verlegerin wohnt - so viel indiskreter Recherche-Eifer in Zeiten von Google Earth muss sein -, entspricht den Tatsachen. Im Bestreben, diese Zeitung der Mythenbildung zu überführen, Ulla Berkéwiczs Ansprüche in Frage zu stellen und die Suhrkamp-Geschichte der neunziger Jahre in einen dubiosen fog of war zu tauchen, wird der Leser in die Irre geführt.

Ein Minimum an journalistischer Genauigkeit hätte genügt

Es war natürlich nur eine Frage der Zeit, bis Kämmerlings auch auf Joachim Unseld stoßen würde. In diesem Fall: als Quelle für die Beantwortung der Frage, wie dessen Vater Siegfried Unseld sein Lebenswerk erhalten wissen wollte. Vater und Sohn waren bekanntlich seit Anfang der neunziger Jahre tief verstritten, führten Prozesse gegeneinander und hatten über Jahre hinweg bis zu Siegfried Unselds Tod kaum Kontakt.

Es ist Joachim Unselds gutes Recht, seine Version der Ereignisse zu schildern, faktisch die Geschichte einer Enterbung, die er nicht anders als mit Verbitterung erlebt haben kann. In einem Leserbrief an diese Zeitung gibt Unseld seine Deutung und Anregungen für Recherchen zum Ehevertrag zwischen Siegfried und Ulla Unseld. Da es aber in allem stets noch eine Stufe tiefer geht, bricht der „Welt“-Redakteur einen stillschweigenden Konsens des Journalismus jenseits der Regenbogenpresse, der, bis heute jedenfalls, mit guten Gründen darauf achtet, in Familienkriegen den Beteiligten nicht den Status von Zeugen zu geben. Macht alles nichts in Zeiten der Aufmerksamkeitsökonomie; blind geworden, weil ihm der Leserbrief „vorliegt“, ehe er noch überhaupt in der F.A.Z. erschienen ist, zitiert Kämmerlings den Sohn, um sein Argument zu befeuern: „Siegfried Unseld hatte nie vor, Frau Berkéwicz die operative Leitung zu übertragen, sonst hätte er sie ja selbst noch zum Geschäftsführer der Holding bestellt.“

Ein Minimum an journalistischer Genauigkeit hätte genügt, herauszufinden, dass Siegfried Unseld genau das gemacht hat. Mit Beschluss vom 26. April 2002 wurde Ulla Unseld-Berkéwicz von den Gesellschaftern Siegfried Unseld und Andreas Reinhart einstimmig zur Geschäftsführerin der Holding bestimmt. Joachim Unseld hat das offenbar vergessen oder nie gewusst; er war damals schon weit weg vom Geschehen und nahm an Gesellschafterversammlungen der Holding nicht teil. Er ist der Sohn, er ist Partei und kann viele Ereignisse nicht rekonstruieren. Er verhält sich wie ein Sohn und tut nicht so, als sei er ein Journalist, der die Geschichte des Suhrkamp-Verlags recherchiert.

Faktisch ist Ulla Unseld-Berkéwicz Erbin der Verlage

Doch damit nicht genug. Eingebettet ist die Fehlinformation in einen Nebel von Insinuationen über Siegfried Unselds angebliche Unentschiedenheit, was seine Nachfolge angeht, über Ulla Unseld-Berkéwiczs Pflichtteilsansprüche, das Haus in Berlin und die Rechtmäßigkeit ihrer Ansprüche. Der Reihe nach:

1. Durch die Errichtung der Stiftung verzichtet Ulla Unseld-Berkéwicz auf alle Ansprüche. Die F.A.Z. hat darauf in etlichen Artikeln in den vergangenen Jahren hingewiesen. Dass jetzt durch den Sohn der Anschein erweckt wird, sie hätte vielleicht verzichten müssen, weil Unseld sie sonst nicht geheiratet hätte, ist an Gemeinheit kaum zu überbieten. Gäbe es da nicht Richard Kämmerlings, der das ohne Nachfrage bei Frau Berkéwicz ernsthaft zu bedenken gibt („Humbug“) und nun auch noch insinuiert, Ulla Berkéwicz habe offenbar auch ihr Vermögen, anders als behauptet, nicht in den Verlag eingebracht, denn „Geld für die Villa ist ja offensichtlich reichlich vorhanden gewesen“. (Das Geld für die Villa stammt in Wahrheit aus dem Erbe, das der Mutter und den Geschwistern Berkéwicz, die alle in dem Haus leben, nach dem Tode ihres Vaters vor sechs Jahren - also nach Unselds Tod - zugefallen ist.)

Die Wahrheit ist eine andere: Tatsächlich ist der Ehevertrag zwischen Siegfried und Ulla Unseld bereits Mitte der neunziger Jahre aufgehoben und Ulla Unseld als Alleinerbin eingesetzt worden. Denn am 27. Oktober 1995 setzen sich die Ehepartner per notariell beglaubigtem Testament gegenseitig als Universalerben ein. Faktisch ist Ulla Unseld-Berkéwicz damit Erbin der Verlage. Ausdrücklich wird in dem Testament - entgegen der Behauptung in der „Welt“ - ausgeführt, dass die Pflichtteilansprüche des Sohnes durch vorhergehende Zahlungen abgegolten sind (nach Unselds Tod erhielt der Sohn seinen Pflichtteil in sechsstelliger Höhe ausgezahlt; alle weitergehenden Ansprüche wurden gerichtlich zurückgewiesen). Das Problem ist nur: Unselds Frau will Schriftstellerin bleiben und nicht Verlegerin werden. Womit wir bei der Frage sind, was Siegfried Unseld wollte.

Aus einem Gesellschafterstreit wird eine Affäre gemacht

2. Auch was Siegfried Unseld wollte, ist glasklar und nicht „höchst umstritten“. Zum einen: Ulla Berkéwicz als Verlegerin zu installieren. Zum anderen: Nachdem sie dazu zunächst nicht bereit war, eine Stiftung zu gründen, die so konstruiert ist, dass seine Frau das „letzte Wort“ im Verlag behält. Ende der neunziger Jahre wird klar, dass Unselds Frau die Verlage nicht leiten will. Am 10. Juli 1999 teilt Unseld seinem Anwalt handschriftlich mit: „Nachdem meine Ehefrau Ulla Unseld-Berkéwicz meinen Wunsch abgelehnt hat, als Verlegerin die Verlage Suhrkamp/Insel zu leiten, beauftrage ich Sie als meinen Testamentsvollstrecker, die Siegfried-Unseld-Stiftung zu errichten...In meinem Todesfall soll Ulla Unseld-Berkéwicz den Vorsitz übernehmen, so dass das letzte Wort bei ihr liegt.

3. Wie ungerecht auch immer Unselds Einschätzung der unterdessen installierten Geschäftsführer gewesen sein mag: er überzeugt seine Frau im Jahre 2002, dass sie als weisungsbefugte Geschäftsführerin der Holding die Gesamtverantwortung übernehmen muss. Dies geschieht durch den Beschluss vom 26.April.

All das hätte mit einem einzigen Anruf herausgefunden werden können. Aber weil es wirkungsvoller ist, aus einem Gesellschafterstreit eine Affäre zu machen, die Beteiligten ins Zwielicht zu tauchen und eine Investigation vorzutäuschen, die in Wahrheit über das Archiv nicht hinauskommt, lässt man sich seine steilen Thesen nicht kaputtrecherchieren. Liest man die Fakten, dann bleibt die Raumvermietung in der Villa zwar, wie das Gericht festgestellt hat, fragwürdig. Aber diese Fragwürdigkeit hat angesichts des Verzichts, den Ulla Unseld-Berkéwicz aus freien Stücken leistete, rein gar nichts mit dem Willen zur Selbstbereicherung und Luxusleben zu tun. Falsch ist auch die Behauptung, Suhrkamp sei in den neunziger Jahren nicht in der Krise gewesen. Die ganze Operation des Ehepaars hatte auch mit der Erkenntnis zu tun, dass der Suhrkamp-Verlag nur leben kann, wenn man bereit ist (wie Unseld es war), ständig fast alles wieder in den Verlag zu investieren - daher die Empfindlichkeit gegenüber den Renditeerwartungen von Hans Barlach.

Die wirtschaftliche Situation zu dramatisch gezeichnet

Man muss sich bei alldem fragen, wieso diese Taktik der Delegitimierung trotz gegenteiliger Fakten seit dem Gerichtsurteil zur Abberufung der Geschäftsführung eingeschlagen wird? Wieso jetzt wieder die Hexenjagd, wo man doch gerade den juristischen Erfolg so sicher in der Tasche hat?

Die Antwort ist einfach: Die Geschäftsführung der Verlagsleitung GmbH wird durch die Mehrheitseigentümerin, die Siegfried und Ulla Unseld Familienstiftung, bestimmt. Selbst wenn, wie nun geschehen, nach Meinung eines Gerichts ein sogenannter „wichtiger Grund“ zur Abberufung der Geschäftsführung in der Holding vorliegt (und das Gericht hat in der Tat entschieden, dass sowohl in der Holding als auch in den Verlagen dieser Grund vorliegt), wird sie doch als Mehrheitseigentümerin mit ihrer Mehrheit (55 Prozent zu 45 Prozent) wiederum die neue Geschäftsführung berufen. Das kann niemand verhindern.

Darum muss man mit Gift operieren: die Rechtmäßigkeit der Erbfolge in Frage stellen, den Willen Siegfried Unselds verunklaren und darauf hoffen, dass keine Dokumente auftauchen, die das Gegenteil beweisen.

Das alles sagt nichts über die Qualitäten von Ulla Berkéwicz (das aktuelle Verlagsprogramm genießt allenthalben große Bewunderung) und auch nichts über die ihrer angesehenen Vorgänger Christoph Buchwald und Günther Berg. Das sagt nichts über die Sorgen, die die Richter mit Blick auf die Zukunft des Verlags äußerten, wenn keine Einigung besteht. Die besondere Pointe dabei ist freilich eine ganz andere: durch vertragliche Vereinbarung hat die Familienstiftung das Vorkaufsrecht an Barlachs Anteilen. Wie der Zufall so will, beginnen laut Vertrag die Verhandlungen spätestens im Jahre 2013. Je mehr Druck und Unruhe Barlach macht, desto bereitwilliger könnte die Familienstiftung sein, jeden noch so phantasievollen Preis zu bezahlen, nur um den unliebsamen Gesellschafter loszuwerden. Zugegeben: das ist eine reine These, aber sie erklärt, warum Barlach, offenbar wider besseres Wissen, die wirtschaftliche Situation des Verlags so viel dramatischer zeichnet, als sie, den Aussagen der aktuellen Geschäftsführung zufolge, tatsächlich ist.

Man muss auf beiden Seiten viel kritisieren

Wenn zutrifft, was die Geschäftsführung mitteilt, dann hat der Verlag 2010 und 2011 nicht nur Gewinne aus dem Verkauf von Vermögen, sondern auch operativ erzielt (im Bereich des Insel Verlags sogar mit hohen zweistelligen Umsatzsteigerungen). Auf den ersten Blick schmälert Barlachs Strategie also den Wert der eigenen Anteile, wenn er die Apokalypse an die Wand malt. Strategisch sinnvoll wird dieses Verfahren, wenn man berücksichtigt, dass es längst schon eine Auseinandersetzung über die Summe gibt, die er für seine Anteile erhalten soll. Barlach kann im Augenblick aber nur an die Familienstiftung verkaufen - es gibt keinen „Markt“ für die Anteile.

Wer weiß, ob seine psychologische Kriegsführung nicht darauf zielt, sich so sehr zum Schrecken des Verlags zu machen, dass die Stiftung jeden Preis bezahlt, um endlich Ruhe zu haben. Dann wäre das, was wir gerade erleben, psychologische Kriegsführung mit willigen Helfern. Eine reine These wohlgemerkt, aber die einzige, die irgendeinen Sinn ergibt. Aber das wäre eine Debatte, die nicht mit ständigen Rückgriffen auf Küchenpsychologie, liebesblinde Männer und Herumwühlen bei Stiefsöhnen zu führen ist.

Man kann und muss wohl auf beiden Seiten im Suhrkamp-Drama viel kritisieren. Aber deshalb muss man nicht hinnehmen, dass ein auf Klicks und Remmidemmi zielender Journalismus die Verlegerin zur Lady Macbeth von Nikolassee macht. Wo gerade alle von „das Gott“ reden, kann man hier ohne Übertreibung sagen: dieses abscheuliche Narrativ hätte es mit einem Mann als Nachfolger nie gegeben.

Im Vergleich zur Druckausgabe haben wir präzisiert, dass es sich beim Insel-Verlag um Umsatzsteigerungen handelt, d. Red.

Quelle: F.A.Z.
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Jahrgang 1959, Herausgeber.

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