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Suhrkamp-Streit Als wäre es die Lösung, all das preiszugeben

 ·  Wenn Menschen keine Rolle mehr spielen: Der Rechtsstreit im Hause Suhrkamp ist keine „Soap Opera“, sondern ein reales Ringen um zwei grundverschiedene Wirtschaftskonzepte.

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© dpa Vergrößern Spielsüchtig: Wie weit gehen die Vabanque-Spieler einer wertneutralen Ökonomie?

Wie wäre es, wenn man sich den Suhrkamp Verlag einmal wegdenken würde? Gut so? Würde nichts fehlen in der Literaturlandschaft, wenn das Verlagshaus aus dem Handelsregister gelöscht wäre? Dass es nicht schade wäre, können wohl nur die standhaftesten Helden behaupten, Personen der Zeitgeschichte, die selbst bereits Monumente sind. Die anderen aber sollten sich ein paar Minuten der Besinnung gönnen.

Lieber Leser! Der Rechtsstreit im Hause Suhrkamp ist keine „Soap Opera“ und kein Gerichts-TV, er ist ein sehr reales Ringen um Wirtschaftskonzepte, die so grundverschieden sind, dass sie einander ausschließen. Er ist, in letzter Konsequenz, ein Kampf um Leben und Tod eines renommierten Unternehmens, das Geistes- und Literaturgeschichte geschrieben hat und zu den besten Kulturgütern der alten wie der neuen Bundesrepublik gehört.

Dieser Verlag war und ist vieles in einem: Zentrale der philosophischen Aufklärung, eine Schule der Herzensbildung, ein Laboratorium für die Gegenwartsliteratur. Einen solchen autorengläubigen, autorenhörigen Verlag wird man so schnell nicht wieder finden. Und zum ersten Mal seit der Gründung im Jahre 1949 scheint dies alles gefährdet durch ein wirtschaftliches Abenteurertum, das an kultureller Naivität und Sachfremdheit kaum noch zu überbieten ist. Vorstellungen vom schnellen Geld einerseits - „Finanzmanagement und Risikokapital“ - stehen einer Tradition von Langzeitwachstum, Pflege und Aufbau von Lebenswerken, sorgfältiger Autorenbetreuung brutal gegenüber. Ästhetische Qualität und intellektuelle Substanz gegen Termingeschäft und beschleunigte Gewinnmaximierung. Eine Familienstiftung sieht sich den Abstraktionen einer Mediengruppe gegenüber. In solcher Unverträglichkeit von Organisationsformen liegt der Kern des unversöhnlichen Streits.

Der Neo-Kapitalismus zieht ein

Ein Wort wie „Suhrkamp-Kultur“ bedeutet wenig, sieht man dahinter nicht die Arbeit von Lektoren und Lizenzhändlern, Herausgebern und Verlagsleitern, deren Gemeinsames ist, dass sie geistigen Idealen verpflichtet sind (auch wenn niemand dort denkt, der Verlag sei in irgendeiner Form „etwas Besseres“). Ein Wort wie „Backlist“ besagt nichts, begreift man es nicht als das, was es auch nach wirtschaftlichem Ermessen ist: sicherstes, akkumuliertes Kulturkapital. Ein Wachstum in Jahresringen, beinah wie in der Natur, steht dem Willen zur Entwertung von Schaffenszeit gegenüber.

Hier ist derselbe aggressive Neo-Kapitalismus am Werk, der einige der westlichen Gesellschaften erst jüngst in die Krise stürzte und Investitionsruinen in Form von Tourismusanlagen und Wohnungsbauprojekten, versenkte Flaggschiffe des Journalismus, uniformierte Fußgängerzonen in den Innenstädten hinterließ. Seine Lebenslüge ist das Schlagwort von der Zukunftssicherheit. Gesichert werden soll ein Optimum an Rendite (lieber zehn bis fünfzehn Prozent als nur drei oder fünf), das Qualitätsprodukte in Nischen abdrängt.

Liquidiert werden soll ein Geschäftsmodell, nach dem sich der Buchhandel anderer Länder wie mittlerweile auch ein großer Teil der heimischen Buchbranche wieder zu sehnen beginnen. Keiner der dem Verlag verbundenen Schriftsteller kann sich ein solches Szenario vorstellen. Einige der Namhaften haben bereits ihre Flucht angekündigt für den undenkbaren Fall der Fälle - als wäre das die Lösung.

Was auf dem Spiel steht

Ein einzelner Angreifer beschwört nun diese Gefahr herauf - einer, über den wenig mehr bekannt ist, als dass er Alleinerbe und einziges Enkelkind eines großen expressionistischen Künstlers ist. Von Ernst Barlach ist der Wahlspruch überliefert: „Kunst ist eine Sache allertiefster Menschlichkeit...“ Was immer das heißt - vom Nachkommen des Bildhauers, Dramatikers und übrigens auch Lyrikers Barlach ist bisher nur bekannt, wie abfällig er sich über die literarisch-lyrischen Produktionen des Suhrkamp Verlags äußert. Die Frage, ob er selbst auf so großem Fuß leben könnte, hätte es nicht diesen einen kreativen Phantasten in der Familie gegeben, scheint er sich nie gestellt zu haben.

Entlarvend ist bereits seine Sprache, in der es nur noch um Medien, nicht mehr um Menschen geht. Über die Köpfe der Autoren, der eigentlichen Wertschöpfer hinweg, wird ein Schacher um Marktanteile betrieben. Der Leser muss sich klar machen, was dabei auf dem Spiel steht. Ginge es nach diesem Modell, würden wir von Suhrkamp bald nur noch im Wirtschaftsteil informiert.

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Durs Grünbein, Jahrgang 1962, veröffentlicht seine Gedichte seit 1988 im Suhrkamp Verlag. Er gilt als der wichtigste deutsche Lyriker seiner Generation. 1995 erhielt er als bislang jüngster Schriftsteller den Büchner-Preis.

Quelle: F.A.Z.
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