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Suhrkamp in Berlin Last Exit Pappelallee

06.01.2010 ·  Wenn man tagsüber vor dem Gebäude steht, wirkt es wie ein zu hübsch geratenes Amtsgericht. In der abendlichen Dunkelheit wird es zur Burg. Bis vor einem Jahr residierte hier das Finanzamt Prenzlauer Berg: Wo Suhrkamp jetzt zu finden ist.

Von Andreas Kilb
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Der Häuserblock in der Pappelallee 78/79 im Bezirk Prenzlauer Berg ist ein Musterstück des Berliner Gebrauchsklassizismus. Im Jahr 1915, mitten im Ersten Weltkrieg, als Domizil für eine Wäschefabrik errichtet, hebt der fünfstöckige, durch Pilaster und Fenstergesimse gegliederte und mit einem Sockelgeschoss aus Rustika-Imitat verschönte Zweckbau zwei enorme geschwungene Dachgauben, vom Fachmann auch Fledermausgauben genannt, in den Winterhimmel. Wenn man tagsüber vor dem Gebäude steht, wirkt es wie ein zu hübsch geratenes Amtsgericht; in der abendlichen Dunkelheit wird es zur Burg. Im Zweiten Weltkrieg dienten seine Gewölbe als Luftschutzkeller, während der Schlacht um Berlin lag darin eine Kommandozentrale der SS. Von 1993 an residierte das Finanzamt Prenzlauer Berg unter den Fledermausgauben, bevor es Anfang letzten Jahres in die nahe Storkower Allee umzog. Danach stand der mächtige Steinkasten leer - bis Suhrkamp kam.

„Hier kein Finanzamt“ steht auf einem weißen Schild an der Tordurchfahrt, und daneben, in Minuskeln, „suhrkamp“. Das sei sehr ärgerlich, erklärt Tanja Postpischil, die Pressechefin des Verlags: Diese Kleinschreibung müsse so rasch wie möglich korrigiert werden. Tanja Postpischil sitzt in einem Raum, den man nur in Großbuchstaben beschreiben kann, einem Monumentalbüro mit frei hängenden Leuchtröhren und gewaltigen Bogenfenstern, in dem die Bücherregale aus der Frankfurter Lindenstraße geradezu zwergenhaft wirken. Von hier hat man einen guten Blick über den Innenhof hinweg in die anderen Abteilungen: ins Lektorat im Nord- und Westflügel, dessen Zimmer sich zu dieser frühen Abendstunde gerade zu leeren beginnen; ins Rechnungswesen mit seinen rot, grün und blau glänzenden Aktenordnern, in dem gerade jetzt Hochbetrieb zu herrschen scheint; und in die matt schimmernden Fenster der Verlagsleitung, deren Trakt hinter dem Anmelderaum am Treppenhausausgang im Südflügel beginnt. Die Verlegerin Ulla Unseld-Berkéwicz allerdings hat sich in einem Zimmer an der Vorderfront einquartiert, mit Fenstern zur Straße hin; so bleibt sie den Blicken ihrer Angestellten entzogen.

Hier können zwei Jahre auch gern einmal vier Jahre dauern

Zwei Jahre lang, so ist es geplant, soll Suhrkamp von der Pappelallee aus seine Autoren betreuen - so lange, bis die letzten Spuren von krebserregenden Holzschutzmitteln aus DDR-Zeiten in der neuen Verlagszentrale im Nicolaihaus auf der Spreeinsel getilgt sind. Das muss nichts heißen; in Berlin können zwei Jahre auch gern einmal vier Jahre dauern. Und es mag Mitarbeiter geben, die dem versprochenen Umzug ins historische Gemäuer in der Brunnenstraße nicht gerade entgegenfiebern, denn hier, in den oberen Geschossen der einstigen Wäschefabrik, hat Suhrkamp zum ersten Mal richtig Platz. Nun müsse sie nicht mehr, wie weiland in Frankfurt, von einem Haus ins nächste laufen, wenn sie den Wissenschaftslektor des Verlags besuchen wolle, sagt Tanja Postpischil. Auch die Deckenhöhen in der Pappelallee scheinen die Stimmung zu heben, denn man sieht kein grämliches Gesicht auf den Suhrkamp-Fluren. Jene zwei Drittel des Verlagspersonals, die mit nach Berlin gezogen sind, wirken von Erwartung beflügelt, die übrigen, so die Pressechefin, sollen stufenweise ersetzt werden; die ersten Neueinstellungen hat es schon zum Jahreswechsel gegeben.

Am 26. Januar will der Verlag seinen Einzug in die Pappelallee mit einem großen Fest begehen, zu dem sich Suhrkamp-Autoren aus aller Welt angekündigt haben. Bis dahin haben die Lektoren und Vertriebsleiter Zeit, ihre Büros einzurichten und die nähere Umgebung zu erkunden. Schräg gegenüber von ihrem neuen Arbeitsplatz liegt der zum Park umgestaltete ehemalige Friedhof der Freireligiösen Gemeinde Berlins. Über dem Eingangstor prangt das Motto: „Schafft hier das Leben / gut und schön, / kein Jenseits ist, / kein Aufersteh'n.“ Das klingt, als wäre es für Suhrkamp gedichtet.

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Jahrgang 1961, Feuilletonkorrespondent in Berlin.

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