20.10.2010 · Wie der Suhrkamp-Verleger Siegfried Unseld während der Unruhen von 1968 eine Lektoren-Revolte im eigenen Haus überstand. Und wie seine Gegner heute noch um Deutungshoheit ringen. Die Chronik eines wegweisenden internen Konflikts im Hause Suhrkamp.
Von Sandra KegelRichtlinien für Lesermeinungen
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Es gibt keinen Sozialismus im Kapitalismus - 2. Versuch
@Bremen:Bei der Frage der Sozialisierung geht es doch nicht um ein einziges Unternehmen,sondern um eine ganze Branche,eine ganze Volkswirtschaft,u.U..Und im Übrigen ist es ziemlich gleichgültig,wo welche Autoren verlegen lassen,manche wissen gar nicht,welche Politik ihr Verlag wirklich betreibt.Nicht wenige Verlage machen,während sie sogar vorwiegend prominente linke Autoren verlegen,gleichzeitig mit dem BND, dem Verfassungsschutz oder auch dem CIA gemeinsame Sache,ein Tatbestand den ganz gewiss nicht wenige linke Autoren dazu veranlassen würde,dort nicht zu verlegen,nur sie wissen es halt nicht.Ich verweise hier auf Schmidt-Eenbooms „Undercover“,auf das ich schon des Öfteren zu sprechen kam.Wohl gemerkt,die Rede ist hier nicht von Suhrkamp,und darum geht es auch hier nicht,nur eben, dass es keine Rolle spielt,welcher Autor von welchem Verlag vertrieben wird,oder auch:welches politisches Image sich ein Verlag anlegt.Und Unselds strategischer Streich bzgl. seines Angebotes die Rebellen mit einem „sozialistischen Verlag“ zu „belohnen“ referiert darauf,dass er sich völlig im Klaren war,dass solche Verlage im modernen Kapitalismus keine Chance haben.Es gibt keinen Sozialismus im Kapitalismus,demnach auch keinen sozialistischen Verlag.
Ich möchte noch etwas zu dem Punkt Strategie hinzufügen.
In den Vereinigten Staaten ging die Idee von Urizen Books auf Gespräche mit Lektoren Freunden in den frühen 70ziger Jahren bei McGraw-Hill
zurück, und der Grund waren nicht nur irgendwelche Rosa Träume, sondern
dass wir alle grässliche Erfahrungen mit Verleger Gaunern oder Trotteln gemacht hatten,
Zu der Zeit schon versuchte die
Gruppe auch Autoren daran zu interessieren, die interessierten sich aber nur an
besseren Tantiemen, das war dann auch der Fall bei Urizen Books, "sharing profits" - wohl,
aber kaum die "losses", oder das Haftbare, in meinem Fall, die Hälfte der Schulden
an den Drucker! So $ 100,000 und nur ein paar Tausend in der eigenen Kasse.
Sozialismus dieser Art ist nicht mit den Kindern der Mittelklasse zu machen war
meine Erfahrung, die Bruderschaft zerstreitet sich zu leicht. Leider muss Che nachdem er siegt dann die Bank leiten - die Bank bleibt eh und je.
Apropos Adorno's Ansicht ,
dass Lektoren Lumpen Schmarotzer sind
ich war seiner in der USA, er hat mich nicht als solchen behandelt.
Lektoren, jeder mindestens ein Klein-Verleger, sowie Verleger sind Hebammen der schriftlichen Kultur
ungeheuerlich kreativ, beschützend.
Ideologische Scheuklappen versperren manchmal den klaren Durchblick! Suhrkamp machte sein "Geld" meiner Einschätzung nach in den 60er Jahren - und das bis heute - wohl vor allem durch Autoren wie Frisch, Hesse und Brecht! Nichts anders machten Rohwolt, Fischer und die meisten anderen in den Zeiten des Wiederaufbaus! In Deutschland wurden immer mehr Bücher verlegt als z.B. im weit größeren Amerika - Ihre Anspielung, dass einige dt. Verlage durch "Kriegsverherrlichung" und "literarischen Schund" Erfolg gehabt hätten ist völlig fehl am Platz und absolut unzutreffend.
Klar, Erfolg zieht Neider an wie im Suhrkamp-Fall 1968! Schön, dass es solche Charismatiker wie S. Unseld gegeben hat, die - obwohl selbst eher sozialdemokratisch orientiert - solchen Bestrebungen klar Contra gegeben haben. Ein großer Verleger und weitsehender Stratege war er, der nicht im Zorn die Rebellen fristlos gekündigt hat.
Als einstmaliger Suhrkamp Vertreter in der USA der zu der Zeit
1967-1970 auf der Buchmesse war, bei Unseld wohnte,
die Streitereien wegen Kommune 2 Bildern im Kursbuch
zwischen Unseld und dem von mir dann übersetzten Hans Magnus
Enzensberger beiwohnte [Bekanntschaft schon seit 1961 in New York]
und einige dieser Lektoren - Klaus Reichert, Karl Heinz Braun -
ganz gut kannte, und dann nachdem ich und die Agentur Robert Lantz-Candida Donadio Siegfried Unseld und seinen Verlag für unvertretbar hielten weil er sich als willkürlich agierender Ober-Gauner entpuppte
der den Verlag Farrar, Straus, dem ich die Hesse Titel gebracht hatte, erpresste
die Tantiemen für die Hesse Mass Paperback Ausgaben zu ändern,
1975 Urizen Books [profit sharing with its authors, owned by its employees] gründete,
der dann 1981 hauptsächlich wegen des Nichtmiteinanderauskommen der
Partner zugrunde ging, vermisse ich in diesem ansonsten ziemlich objektiven
Artikel die Erwähnung von Verlag der Autoren, der sich als ein soziales
Unternehmen doch gehalten hat. Ich erinnere auch an H.M. Enzensberger's
Bemerkung dass Unseld jemand war der alles an sich reißen wollte, und
sein erscheinen als Monopolist in Handkes DIE UNVERNÜNFTIGEN STERBEN
AUS. Trotz dieser Kritik an Siegfried Unseld, sympathisieren ich mit ihm
wenn man daran
Ein antiker Streit und die verspielte Chance
@Bremen:Schon Platon thematisierte das „Generationsproblem“ (Politeia).Ein wirklich alter Hut,diese Schelte der „Besser-Wisser“-Generation.Und:Auch die „68er-Generation“ teilte sich in Klassen und verschiedene politische und weltanschauliche Richtungen.Das einzige was sie vielleicht einte,links von der CDU,war der Widerwille gegen die muffigen Talare ihrer Profs an den Unis,deren „Besser-Wissen“ allzu oft nur den Vorurteilen ihrer Klasse geschuldet war,zumal durch den intellektuellen Bankrott im Angesicht des deutschen Faschismus restlos blamiert.Nicht wenige deutsche Verlage machten ihr Vermögen während dieser Zeit durch die Kriegsverherrlichung und sonstigen literarischen Schund mit dem man die Kriegerfrauen bei Laune hielt.Auch vor diesem Hintergrund wäre gerade die „Sozialisierung“ eben des Verlagswesens nicht so falsch gewesen.Nur war der Zug diesbezüglich eigentlich schon abgefahren.Nach dem Krieg,wo gar auch die CDU sich sozialistisch tarnte –wer hätte gedacht, dass das deutsche Kapital je rehabilitiert werden würde -, wäre vielleicht die Zeit für gewesen.68 war nur die kulturelle Resonanz auf die diesbezüglich verspielte Chance,denn dass eine soziale Revolution nicht mal in der DDR stattgefunden hatte, begriff man gerade.
Zbigniew Herbert hat es ein wenig verklausuliert, aber letztlich...
.. ist es doch ganz einfach: Sozialismus ist die Philisophie der Gescheiterten. Kleiner Aufstand, viel Getöse und wichtige Papiere - aber wenn dann einer kommt und sagt: "Hier habt Ihr Startkapital, macht es selbst und besser", dann wird gekniffen. Siegfried Unseld war ein recht kluger Mann und wird daher gewußt haben, dass sein mehr als großzügiges Angebot für ihn kaum ein Risiko darstellte...
Unseld hat 1968 absolut richtig gehandelt, auch seine Autoren wollten - ebenso wie der einer möglichen Sozialisierung des Suhrkamp-Verlags offenbar wohlwollend gegenüberstehende Martin Walser - lieber einen richtigen Scheck als Autorenhonorar als wachsweiche Versprechnungen der 68er-Linken. Beim Geld hört die Freudschaft eben auf. Ebenso richtig hat Axel Springer in den endsechziger Jahren gehandelt und eine Sozialisierung seiner Verlage verhindert, indem er sich mit ganzer Kraft gegen diesen linken Zeitgeist gewehrt hat. Unter dieser damaligen Besserwisser-Generation der 68er hat heute noch ganz Deutschland zu leiden. Sobald es zum Schwur kommt und die persönliche (finanzielle) Haftung greift, sind diese Edellinken gestern wie heute ganz schnell wieder veschwunden. Im übrigen ist das gerade erschienene Unseld-Buch aus dem Suhrkamp genau wie die vor einigen Jahren erschienen Unseld-Biographie von P. Michalzik ein toller Einblick hinter die Kulissen des "Kulturbetriebs Verlag".
Wenn die Revolte dem literarischer Narzissmus schmeichelt
Wo man auch sagen könnte: Die Verlage machen die Geschichte, begegnet man der wirklichen Macht. Gleich ob Lektoren übers Ziel hinaus schießen – der Sozialismus lässt sich wirklich so nicht machen, so ganz ohne proletarische Revolution,ohne revolutionäre Gewalt -,oder ob Autoren machtgeile bürgerliche Individuen sind,hätte dieser Aufstand gefruchtet,sähe womöglich die Geschichte auch der 68er ganz anders aus.Und zwar nicht nur,da sie dann anders beschrieben worden wäre,denn es ist mehr als nur eine semantische Entgleisung Lektoren als Zuhälter zu sehen,zeigt dies doch,wie dogmatisch und wie demagogisch da Marx antizipiert wird.Erstens sind sie mindestens mal so produktiv wie Autoren, und sie sind es weniger im bürgerlich-individualistischen Sinne, denn eher im proletarischen. - Ihre Arbeit kann als kollektive Geistesarbeit verstanden werden.Ergo, sind zweitens Geisterarbeiter eher selten Zuhälter. Und im Schatten eben einer solchen Deutungsmacht konnten so zweifelhafte Gestalten wie Walser eine linke Prosa okkupieren und ein Enzensberger den revolutionären Poeten mimen.Die ganze Tragik der Studentenrevolte beginnt dort, wo sie Nabelschau derselbigen bleibt,und endet,wenn sie den Narzissmus gewisser Hof-Literaten zu schmeicheln hat.