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Sudetenschicksal im Film : Kieloben durch die Geschichte

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Christiane Hörbiger und Mario Adorf spielen die alten Kontrahenten Bild: dapd

Ein Sudeten-Epos nach Pavel Kohout verhebt sich an ausgleichender Gerechtigkeit. Christiane Hörbiger und Mario Adorf müssen sich der schlichten Dramaturgie beugen.

          Die Symmetrie ist eine Falle. Nur weil der menschliche Geist die Ausgewogenheit schätzt, weil von Aristoteles bis Hegel ganze Weltanschauungen darauf gegründet wurden, muss sie noch lange keine erklärende Kraft besitzen, zumal im Historischen. Das heißt keineswegs, dass Vergleichbarkeit ausgeschlossen wäre. Ob faschistische und kommunistische Verbrechen sich die Waage halten, war bekanntlich die unter der Totalitarismusdebatte liegende Grundfrage des Historikerstreits. Dieser selbst aber reflektierte mit seinen diametral entgegengesetzten Lagern jene Symmetrie, die zur Debatte stand.

          Der tschechisch-österreichische Schriftsteller Pavel Kohout hat vor einem guten Jahrzehnt in seinem parabelhaften Roman „Die lange Welle hinterm Kiel“ den unglücklichen Höhepunkt der deutsch-tschechischen Vergangenheit des Sudetenlandes thematisiert. Er glasierte dies nicht nur mit einer seicht-zuckrigen Romanze, sondern wählte zudem eine symmetrische Struktur, teilte die Schuld exakt auf beide Seiten auf. So hatte Golo Mann es nicht gemeint, als er 1958 in seiner „Deutschen Geschichte“ dafür plädierte, die Geschehnisse zwischen 1939 und 1947 „als eine einzige Unglücksmasse“ zu betrachten. Das war vielmehr die Einforderung der Kontextualisierung jedes einzelnen Ereignisses, was weit über Kohouts Aussage, dass im Konflikt zwischen Tschechen und Deutschen die Opfer auch Täter waren, hinausgeht, zumal die beklagenswertesten Opfer auf beiden Seiten eben die waren, die sich nicht als Täter hervortaten: die Nichtfanatischen, die Kinder.

          Immerhin ein Happy End

          Eine Parabel aber zwingt zum Schematismus: Nicht um individuelle Personen geht es, die unabhängig vom Zeitgeist Größe bewiesen oder Schuld auf sich geladen haben mögen, sondern um prototypische Schicksale. Auf neutralem Boden - oder vielmehr Nicht-Boden: einem Kreuzfahrtschiff - treffen zwei aus demselben Ort in Mähren stammende Protagonisten aufeinander: die österreichische Millionärsgattin Margarete Kämmerer und ihr früherer tschechischer Geliebter Martin Burian. Sie stehen für zwei Perspektiven auf ein und dieselbe Tragödie. Burian ließ 1945 viele Deutsche liquidieren, darunter seinen Schulfreund Josef Pichler, der ihm zuvor - und etwas zu dick aufgetragen - auch noch Margarete ausgespannt hatte.

          Nicht nur die Kulisse erinnert ans „Traumschiff“. Christoph Letkowski und Veronica Ferres spielen auch so, als wären sie dort.

          Diese, unterwegs mit ihrem Neffen Sigi, will augenblicklich den Mörder ihres Mannes rächen. Burian wiederum macht seiner Schwiegertochter deutlich, dass Pichler ganz anders als in der geschönten Darstellung Margaretes ein übler Nazi war, verantwortlich nicht zuletzt für den Tod von Burians Bruder. Schwiegertochter wie Neffe haben derweil und auch wieder schön symmetrisch ihre eigenen Sorgen: Er leidet am Tod eines Freundes, sie wurde von ihrem Mann verlassen. Natürlich verlieben sich die beiden Nachfahren, natürlich begraben die Alten ihren Streit und sich selbst gleich mit. Um nicht puren Kitsch zu produzieren, versagte Kohout dem Leser nach der sexuellen Vergangenheitsbewältigung immerhin ein Happy End.

          Übertrieben symbolische Szenen

          Die filmische Umsetzung durch Nikolaus Leytner, die sich auf das Drehbuch von Klaus Richter stützt, reduziert die Komplexität noch einmal und kann trotz plakativer Rückblenden nicht einmal einen Anflug jener Identitätskonflikte vermitteln, denen die Menschen im Sudetenland kaum entgehen konnten. Die Dekontextualisierung ist Programm, daher ja die Verlegung aufs Schiff: Die lange Vorgeschichte des Konflikts, die Überidentifikation der drei Millionen Sudetendeutschen mit dem Nationalsozialismus kommenso wenig vor wie der die Vergeltungspogrome anheizende tschechoslowakische Staatspräsident Edvard Beneš.

          Christiane Hörbiger und Mario Adorf können noch so überzeugend die in Liebe und Hass verbundenen Kontrahenten mimen (was sie tun), sie müssen sich der schlichten Dramaturgie beugen. So kommt es zu übertrieben symbolischen Szenen wie jener, in der Margarete seufzt: „Es ist schon verrückt, uns versteht keiner mehr.“ Der ehemalige Geliebte, Opfer und Mörder ihres Mannes, repliziert verwundert: „Uns?“, wobei die Kamera wegschwenkt und einen leeren Stuhl neben den beiden zeigt.

          Kein „Anti-Traumschiff“

          Im Vordergrund stehen leider die jungen Protagonisten, verkörpert von Veronica Ferres und Christoph Letkowski, die ihre Dialoge so hölzern und unglaubwürdig heruntersprechen, als sei man bei einer Vorabendserie gelandet. Nicht eine Sekunde lang nimmt man Letkowski ab, ein von Selbstvorwürfen zerfressener Drogenfreak zu sein. Und auch die Todessehnsucht, die Veronica Ferres mimt - ihre Figur will in ebendie Kielwelle springen, in welche Margarete dereinst ihre Asche gestreut wissen möchte -, wirkt so aufgeschminkt wie die verheulten Augen kurz vor dem Abspann. Leider hat man beim Eindampfen des Romans dessen pädagogischen Impetus beibehalten, weshalb laufend Kalenderspruchweisheiten produziert werden: „Ist das alles wahr?“ „Nein.“ „Ist das also eine Lüge, die Lüge einer militanten Sudetendeutschen?“ „Nein.“ „Was soll das heißen, stimmt es jetzt, oder stimmt es nicht?“ „Das hängt vom Blickwinkel ab.“

          Ein Problem ahnten die Macher schon, zumal schon in den Romanrezensionen ausgiebig in diese Richtung gewitzelt worden war. Aber trotz der vorauseilenden Abwehr - vom „Anti-Traumschiff“ ist die Rede, vom vorgetäuschten Idyll durch die „Traumschiff-Kulisse“ - hat man einen Film gedreht, der sich wunderbar in dieses Format einfügt. Dazu tragen auch die frotzelnden Unterhaltungen des Chef-Pursers und des Chef-Stewards über die Allüren der Reichen bei, die bei so viel Geschichtsschwermut wohl der Auflockerung dienen sollen. Den Quoten wird die „Traumschiff“-Schlagseite nicht schaden, einer Vergegenwärtigung der tschechisch-deutschen Tragödien vor siebzig Jahren steht sie mehr im Weg als ihr zu nutzen.

          Die lange Welle hinterm Kiel läuft ab Mittwoch (4.Januar) um 20.15 Uhr im Ersten.

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