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Stuttgarts Hauptbahnhof : Der Zug der Zeit

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Beispielgebender Bau des Übergangs: der Stuttgarter Hauptbahnhof von Paul Bonatz Bild: ddp

Im Rahmen von Stuttgart 21 darf der denkmalgeschützte Bahnhof leicht umgebaut werden. Projektkritiker laufen Sturm und stilisieren marginale Eingriffe zu historischen Einschnitten. Warum darf sich Architektur nicht verändern?

          Der Stuttgarter Hauptbahnhof, von Paul Bonatz und Friedrich Scholer entworfen und zwischen 1914 und 1928 errichtet, gilt in funktionaler und städtebaulicher Hinsicht als beispielgebender Bau des Übergangs vom Historismus zur Neuen Sachlichkeit. Als Hauptwerk eines neuen Monumentalstils zählt er bis heute zu den bedeutendsten Schöpfungen seiner Zeit, weit über die Grenzen Südwestdeutschlands hinaus. Besondere Qualität erreicht er durch seine städtebauliche Einbindung. Zum Schlossgarten hin flankiert der rund sechzig Meter hohe Turm den Bahnhof, inzwischen ein Wahrzeichen Stuttgarts.

          Im Krieg wurde der Bahnhof stark zerstört. Der Bau wurde komplett wiederhergestellt. Im Inneren wurde sein ursprünglicher Charakter unter anderem durch modernisierende Einbauten verändert. Seit 1987 steht der Hauptbahnhof unter Denkmalschutz. Im Rahmen von Stuttgart 21 sollen am Bahnhofgebäude nun einige Veränderungen vorgenommen werden: Die an der Rückseite des Gebäudes angefügten Flügel entlang des Gleiskörpers und die Bahnsteige sollen zurückgebaut werden. Bislang völlig unbeachtet, werden auf einmal die beiden zur Disposition stehenden rückseitigen Flügelbauten von den Projektkritikern zu Ikonen der nationalen Architekturgeschichte stilisiert - die sie nicht sind. Sie werden von den Gegnern als Vehikel genutzt, um das Vorhaben schlechtreden und doch noch zu Fall bringen zu können. In ihnen sind Verwaltung, Betriebsorganisation, Post und Fracht der Bahn untergebracht; darüber hinaus entbehren sie mittlerweile jeder Notwendigkeit. Sie sind nichts anderes als sechs Meter hohe Blendbauten, die den Gleiskörper zum Schlossgarten hin abschirmen.

          Durch einen Rückbau kann dieser Riegel, der die Stadt teilt, wieder geöffnet werden - eine große städtebauliche Chance. Vielfach geistern Gerüchte herum, dass der Bahnhofsturm oder gar der Bahnhof selbst abgerissen werden würde. Der Bahnhof bleibt in seinem Grundcharakter, in seiner das Stadtbild prägenden Funktion, erhalten, so wie ihn sein Architekt Paul Bonatz geplant hatte.

          Blick auf einen von zwei Seitenflügeln (vorne rechts), die im Rahmen von Stuttgart 21 abgerissen werden sollen

          Warum darf sich Architektur nicht verändern? Warum darf sie nicht neuen Bedürfnissen angepasst werden? Architektur ist zwar statisch, Gebäude werden aber von Menschen belebt und genutzt. Die Bedürfnisse der Menschen verändern sich, die technischen Möglichkeiten entwickeln sich weiter. So sollte auch Architektur verändert und angepasst werden dürfen. Das dem Stuttgarter Hauptbahnhof vorgelagerte Gleisareal wurde mit unermesslichem Aufwand an Ingenieurbaukunst auf ungünstigem Grund und in eine schwierige Topographie des engen Talkessels geschlagen, der bis heute ein unüberwindbares Hindernis, ein Fremdkörper mitten in der Stadt geblieben ist. Einen ungünstigeren Standort hätte es nicht geben können. Die Politik von damals wollte es so, und Paul Bonatz machte das Beste daraus. Wenn Bonatz damals schon die Möglichkeiten gehabt hätte, dann hätte er mit Sicherheit auch einen Durchgangsbahnhof gebaut und einen weiterführenden Tunnel durch den Talkessel gegraben. Nun hat man die Möglichkeit und sollte sie nutzen.

          Die einmalige Chance, das rund 100 Hektar große Gleisfeld zurückzubauen und ein neues Stadtquartier in bester Citylage entstehen zu lassen, wird Stuttgart zu neuer Prosperität verhelfen. Es wäre quasi eine schwäbische Variante des Potsdamer Platzes, bei welcher der alte wie der neue Bahnhof als Symbol für das Miteinander von Alt und Neu in Stuttgart fortbestehen werden.

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