04.02.2010 · Gegen den jahrelangen Bürgerprotest haben der Deutsche-Bahn-Chef Rüdiger Grube und der Bundesbauminister Peter Ramsauer den Grundstein für das Megaprojekt „Stuttgart 21“ gelegt. Es wird ein Wahrzeichen der Stadt zerstören.
Von Dieter BartetzkoDer Ziegenkopf, der im Spottlied von der „Schwäbsche Eisenbahne“ übrig bleibt, weil das sture Viech, das man am hintersten Wagen angeseilt hat, partout nicht mit dem Zug Schritt halten wollte, wurde bei der von 2016 auf jetzt vorverlegten Grundsteinlegung des Megaprojekts „Stuttgart 21“ am vergangenen Dienstag nicht gesichtet. Wohl aber die Eile und Sturheit nicht nur schwäbischer Bahner und Bauer: Vor vierhundert Festgästen, während draußen zweitausend Demonstranten gegen das Vorhaben protestierten, feierten Bundesbauminister Peter Ramsauer und DB-Chef Rüdiger Grube den Beginn der Umwandlung des Stuttgarter Hauptbahnhofs vom Kopf- zum unterirdischen Durchgangsbahnhof – und damit den anstehenden Abriss der Seitentrakte und der Haupttreppe des berühmten, zwischen 1914 und 1929 von Paul Bonatz erbauten Bahnhofs.
Unberührt von sechzehn Jahren Widerspruch würdigte der Minister eine Tat von europäischer Tragweite, mit der endlich „Engpässe im Schienenverkehr“ beseitigt würden und die Deutsche Bahn ihre verdienstvolle Tätigkeit fortsetze, die überfüllten Autobahnen vom Warentransport zu entlasten. Als würde diese Bahn nicht in atemberaubender Dickfelligkeit Jahr für Jahr Nebenstrecken stilllegen, Kleinbahnhöfe schließen und damit das Gegenteil bewirken, bekräftigte Rüdiger Grube, Stuttgart werde nun „Teil des europäischen Hochgeschwindigkeitsnetzes. Wer das nicht will, den verstehe ich weiß Gott nicht mehr.“ Umgekehrt aber verstehen viele Gegner weiß Gott nicht, dass die Bahn die Kosten für Stuttgart 21 und seine Neubaustrecke auf vier Milliarden Euro kalkuliert (ursprünglich hatte man mit zwei Milliarden gerechnet), obwohl Experten versichern, dass sie mit mehr als sechzig Kilometern Tunnelstrecken in schwierigstem Gestein noch einmal das Doppelte kosten könnte.
Statt davon, redete man beim Festakt lieber vom gigantischen Europaviertel, das auf dem frei werdenden Stuttgarter Gleisgelände entstehen und die Stadt zur Metropole machen werde. Diese Vision überstrahlte das Bild vom künftig verstümmelten Bahnhofsgebäude. Wie oft muss man eigentlich darauf hinweisen, dass der markante, mit monumentalen Bögen und einem kühnen Turm geschmückte Bau von Bonatz das Wahrzeichen Stuttgarts und ein Zentralbau der klassischen Moderne ist? Angesichts der schwindelerregenden Milliarden-Tatsachen mag dies den Zuständigen als Kollateralschaden erscheinen, den man, so Rüdiger Grube, „im zweiten Anlauf mit besserer Kommunikationspolitik“ gegenüber Stuttgarts unwilligen Bürgern und der mürrischen deutschen Öffentlichkeit ausbügeln kann. Bonatz’ Erben sehen das gottlob anders. Sie haben am vergangenen Freitag vor dem Stuttgarter Landgericht Klage auf Unterlassung der Abrisse eingereicht.