10.01.2012 · Um nicht in eine unangenehme Diskussion zu geraten, schwieg der Architekt von Stuttgart 21 monatelang. Kürzlich gab Christoph Ingenhoven ein Interview. Hat er seinen Entwurf überdacht?
Von Dieter BartetzkoWir wollen den Begriff Grabesruhe vermeiden und sagen deshalb: In den vergangenen Wochen herrschte am Stuttgarter Hauptbahnhof, adäquat zum „Frieden auf Erden“ der Adventszeit, ziemliche Ruhe. Mit eben derselben nahm der Architekt Christoph Ingenhoven, 1997 Sieger beim Wettbewerb für Stuttgart 21, in der Dezemberausgabe des Fachmagazins „Baumeister“ Stellung. Die Frage, warum er monatelang geschwiegen habe, beantwortete er mit dem Bekenntnis: „Ich wollte nicht in eine Diskussion geraten, in der ich gefragt werde, wie ich es finde, dass mein Bahnhof mit einem Wasserwerfer durchgesetzt wird.“
Das zeugt von bewundernswerter Offenheit und dem Mut, sich angreifbar zu machen. Ebenso sein kategorischer Schlusssatz: „Der Bahnhof wird gebaut werden.“ Ist das noch Ruhe oder schon die Unerschütterlichkeit eines, der nach dem Motto „Die Hunde bellen, die Karawane zieht weiter“ handelt? Für Letzteres spricht der Weihnachts- und Neujahrsgruß des Büros Ingenhoven: ein Faltblatt, das „Stuttgart 21“ souverän unter die erfolgreichen Projekte des Architekten vom ökologisch beispielgebenden Hochhaus „Bligh1“ in Sydney bis hin zur vorbildlichen humanitären „Container Architektur“ einer Düsseldorfer Ausstellung reiht.
Stuttgart ist mit zwei selten, vielleicht sogar noch nie gesehenen Animationen vertreten. Eine zeigt die historische große Halle, weiß, lichtdurchflutet, befreit vom Gewucher der Buden und Stände, die sich dort in den vergangenen Jahrzehnten festgefressen hatten. Die zweite ist ein Panorama, auf dem die Abbruchstellen am Denkmals-Torso einfühlsam mit Werksteinmauern verblendet sind und die oberirdischen Glaskuppeln der neuen, unterirdischen Bahnhofshalle wie sanfte Kaskaden zwischen üppigem Grün zu sprudeln scheinen. Zu viel schöner Schein? Möglicherweise. Schwerer wiegt, dass die Animation der Außenanlagen unbeirrt am platz- und passantenfeindlichen, labyrinthischen Gewusel der Kuppeln festhält.
Mit dem Beginn der Demonstrationen, so Ingenhoven im „Baumeister“, sei „weder über Architektur noch über Verkehrspolitik diskutiert“ worden, sondern „nur noch über Verhältnismäßigkeit und Gewaltfreiheit.“ Er selbst hat während seines langen Schweigens offenkundig auch nicht über die Architektur von Stuttgart21 geredet oder sie überdacht. Heute, so heißt es, würden die Bauarbeiten am Bahnhof wiederaufgenommen. Es wird sich erweisen, ob damit neue Unruhe ausbricht. So oder so, Christoph Ingenhoven sollte sich aus seiner Architektenruhe bringen lassen - und nicht indirekte, sanfte Gewalt ausüben.
Auflauf der Borniertheit und Ignoranz...
Peter Reinike (P.Maikaefer)
- 09.01.2012, 18:59 Uhr