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Mittwoch, 19. Juni 2013
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Sturm „Kyrill“ Die Rückkehr des Elementaren

 ·  „Kyrill“ bestätigt die Prognose: Wir stehen nicht nur im Sturm, wir stehen in einem Klimawandel, der unsere Zukunft womöglich stärker beeinflusst als alles andere, was im Augenblick als Zukunftsthema gehandelt wird.

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Die Warnung vor dem Wind war deutlicher als je zuvor. Sie war ein Straßenfeger. Früher war das anders. Früher kam der Orkan angefegt, die Bäume fielen um, begruben Autos unter sich, Blumenkästen fielen vom Balkon, Dächer wurden abgedeckt, Keller unterspült, und keiner hatte groß davor gewarnt. Früher schimpfte man deshalb auf den Wetterdienst.

Heute schimpft keiner mehr auf den Wetterdienst. Denn der wollte sich nicht noch einmal sagen lassen, er hätte doch warnen können. Entsprechend standen gestern schon frühmorgens die Nachrichtenzeichen auf Sturm; Schulen und Kindergärten schlossen vorzeitig, um einen sicheren Heimweg zu gewährleisten; die Bevölkerung wurde ermahnt, von Nachmittag an das Haus nicht mehr zu verlassen; kaum einer, der sich gestern nicht fragte: Wie komme ich heute rechtzeitig wieder von der Straße?

Ein Sturm im Winter 2007

Das alles, die ganze Vorsicht war richtig. Die Sturmwarnung und ihr Ernstnehmen hatten nichts mit Alarmismus zu tun, nichts mit Panikmache. Im Gegenteil: Die Warnungen und dass sie ernst genommen wurden, zeigen, dass der Klimawandel, dieses elementare, aber merkwürdig blockierte Thema, diesmal jedenfalls auf der Straße angekommen ist. Jeder, der die Warnungen hörte, wusste: Wir stehen nicht nur im Sturm, wir stehen in einem Klimawandel, der unsere Zukunft womöglich stärker beeinflusst als alles andere, was im Augenblick als Zukunftsthema gehandelt wird. Der Sturm ist ja nicht irgendein Sturm, er ist ein Sturm im Winter 2007, in dem die Natur erfahrbarer denn je verrückt spielt. Der Sturm, vor dem gestern gewarnt wurde, bestätigt die jüngste Prognose der Klimaforscher vom britischen Hadley Centre, wonach es immer schneller zu einer Polarisierung der Naturkräfte kommt: Sie treten wie Wind und Schnee entweder geballt oder gar nicht auf.

Die britischen Forscher halten dafür, dass die globale Durchschnittstemperatur noch nie so hoch war, wie sie im Jahre 2007 sein wird, und sagen mehr und stärkere Stürme, Hochwasser und Dürre voraus. Sie sprechen von einer nachhaltigen Störung der Natur, die uns vermehrt Tropennächte bringt, in denen das Thermometer nicht unter zwanzig Grad fällt. Sie sagen, dass hierzulande Temperaturen kommen werden, wie wir sie sonst nur von Afrika, Südspanien und Griechenland kennen. Davor also wurde gestern gewarnt: nicht vor einer Windböe in diesem oder jenem Bundesland, sondern vor der Rückkehr des Elementaren, einer Rückkehr, bei der es nicht damit getan sein wird, keine Autos unter Bäumen zu parken und Blumenkästen vom Balkon zu holen. Nur Begriffsstutzige und falsche Experten mochten den Sturmrummel gestern für übertrieben halten. Falsche Experten weisen immer darauf hin, dass alles schon irgendwie mal dagewesen sei und leiten daraus ab, dass alles nur halb so wild ist. In Wirklichkeit ist es umgekehrt: Alles ist viel wilder, als der Sturm, um den es gestern ging.

Eine planetarische Bedrohung

Das wollte der Astrophysiker Stephen Hawking zum Ausdruck bringen, als er jetzt in ein und demselben Atemzug vor Atomwaffen und vor dem Klimawandel warnte. Von beidem gehe eine planetarische Bedrohung aus, erklärte Hawking anlässlich einer symbolischen Warnung, der Umstellung der berühmten Chicagoer „Uhr des jüngsten Gerichts“ von sieben auf fünf Minuten vor zwölf. Und wieder die Frage: Macht man mit solch drastischen Inszenierungen nicht zu viel Wind? Sicher gibt es ein Vokabular des Unüberbietbaren - von „Monster-Sturm“ bis „Killer-Wind“ -, das eher abstumpft als aufklärt.

Aber Hawkings Stellungnahme rührt an den Nerv des Problems. Sie macht deutlich: Es gibt Sachzwänge, die nicht herbeigeredet sind, die elementar da sind, und die man nur unter Strafe des eigenen Untergangs ignoriert. Hawkings Statement möchte die Abstumpfung durchbrechen, die die westliche Welt klimapolitisch lahmlegt - lahmlegt, weil seit dreißig Jahren doch angeblich alles schon gesagt worden ist; weil die Umweltbewegung bei uns doch jeden Stein umgedreht hat; weil es doch schon ganze Bücherregale über Treibhauseffekt und Erderwärmung gibt; weil jeder doch schon weiß, dass er besser nicht den Bleifuß auf dem Gas hat, besser nicht das Angebot billiger Kurz-Flüge nutzt, besser nicht die Elektrogeräte auf stand by stellt.

Kreisen in der Folgenlosigkeit

Genau dies, dass jeder schon weiß, blockiert das Thema des Klimawandels, lässt es weithin in der Folgenlosigkeit kreisen (es ist also ein bisschen wie mit dem Thema Frauenemanzipation). Genau deshalb ist sich ein Stephen Hawking für spektakuläre Aktionen nicht zu schade, Aktionen, die das scheinbar Unmögliche, aber politisch Notwendige im Auge haben: den Umweltschutz neu zu erfinden, ihn gegen alle Stürme der Lobbyisten auf den vordersten Platz der politischen Agenda zu setzen.

Also weiter warnen. Es geht nicht um den Sturm von gestern. Es geht darum: so über den Umweltschutz zu sprechen und zu schreiben, als täte man es zum ersten Mal. So zu handeln, als sei es fünf vor zwölf (keine Angst vor dieser Metapher). So viel Wind zu machen, bis der Wind sich dreht.

Quelle: F.A.Z., 19.01.2007, Nr. 16 / Seite 33
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Jahrgang 1960, Redakteur im Feuilleton.

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