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Studie zur Internetkrankheit : Im Club der Anonymen Digitalkranken

Der Gründungstisch der Anonymen Alkoholiker. Für die neuen Volkskranken braucht’s dagegen Steckdose und Lankabel. Bild: AP

Was früher der Hausarzt, sind heute Telemedizin und E-Health. Abhängige suchen ihr Seelenheil also genau an dem Ort, wo Sucht und Leid ihren Ursprung haben.

          Wie viele Menschen den Hausarzt alter Schule wirklich vermissen, lässt sich kaum ermessen. Es müssen viele sein. Zwischen dem eigenen Kranksein und dem Krankfühlen passte, wenn der Doktor ins Haus kam, kein Blatt Papier. Krank war krank. Daraus ist ein ziemlich erbärmliches Versteckspiel geworden. Wir fühlen uns gut und sind nach medizinischer Maßgabe trotzdem krank. Und weil kein Hausarzt mehr da ist, der uns das ins Gesicht sagt, außer in den leicht schrulligen Vorabendserien, übernimmt das die Telemedizin, neudeutsch: E-Health, die ihren Aktionsradius konsequent mit dem Grad der Vernetzung und der digitalen Verwurschtung von Körper und Geist erweitert.

          Zur telemedizinischen Avantgarde zählen dabei die mittlerweile gut ein Dutzend Online-Ambulanzen für Internetabhängige im Land. Fast könnte man sagen: die Seelenverwandten des Hausarztes. Die Patienten dort abholen, wo die Krankheit sie gefesselt hält, so lautet die Ansage der neu geschaffenen „Oasis“-Ambulanz in Bochum. Und für Online-Besessene ist das Internet nun einmal ihr zuhause. Die Anonymen Alkoholiker treffen sich zwar auch nicht in der Kneipe, aber die Rekrutierung der Internetabhängigen im virtuellen Sprechzimmer hat zumindest für die Mediziner einen unleugbaren Vorteil: Die Dunkelziffer der Behandlungsbedürftigen sinkt, die Fallzahlen steigen.

          Unsere Empfehlung

          Ganz anders verhält es sich mit der Frage, ob den Süchtigen online geholfen werden soll – und kann. Das ist umstritten. Internetabhängige tarnen sich. Führungskräfte etwa verbringen den einschlägigen psychologischen Studien zufolge schon zwanzig Prozent ihrer Arbeitszeit mit dem Abarbeiten von durchschnittlich 30.000 E-Mails jährlich, sie nehmen täglich mindestens 55 Mal ihr Smartphone in die Hand, um damit im Internet zu surfen, und sind proportional sechsmal so häufig als Psychopathen erfasst wie alle anderen. Wie viele von ihnen mit dem „Störungsbild“ Internetabhängigkeit in Behandlung sind, erfahren wir in den Studien zwar nicht, ziemlich sicher aber lässt sich sagen, dass kein einziger von ihnen sein Online-Verhalten als gestört oder krankhaft empfinden wird.

          Wenn also das vordringliche Ziel der Online-Ambulanzen ist, die Behandlungsbedürftigen am Rande der Internetsucht einzusammeln, empfehlen wir als lösungsorientierten Alternativansatz die Online-Partnerbörse. Denn dort treffen wir auch sie, die standhaften Paranoiker, die mit ihrer Angst vor Elektrosmog nur darauf warten, mit den Internetversehrten die Strahlenwüsten des Planeten aufzusuchen und der Suchtgefahr zu entfliehen. Sie gelten zwar als anstrengend, aber immerhin (noch) als gesund genug, um ihnen Online-Sprechstunden zu ersparen.

          Joachim  Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

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