Home
http://www.faz.net/-gqz-14l70
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Studentenproteste Hörsaalradau

03.12.2009 ·  Die Vorstellung von Studenten und Professoren, die sich ganz dem Erkenntnisgewinn in der Universität widmen, ist obsolet geworden. Entsprechend wird die Universität zum Schauplatz von Grabenkämpfen. Die polizeiliche Räumung an der Frankfurter Goethe-Universität ist das beste Beispiel.

Von Jürgen Kaube
Artikel Lesermeinungen (1)

Der Rektor der Universität Luzern, Rudolf Stichweh, hat kürzlich vom „Ende der Gemeinschaft“ an den Hochschulen gesprochen. Die Universität könne nicht mehr, wie jahrhundertelang, als communitas mit gemeinsamen Interessen der Lehrenden und Lernenden angesprochen werden. Das ganze Kontrollwesen, das sich in ihr breitgemacht hat – Evaluationen, Akkreditierungen, Publikationsmessungen und Nachahmungen des Qualitätsmanagements –, spricht dagegen. Der Rückzug vieler Professoren in die Forschung sowieso.

Der Rückzug vieler Studenten aus der Lektüre auch, vor allem aber die Tatsache, dass viele von ihnen weit über das Erfordernis der Studienfinanzierung hinaus während des Studiums arbeiten. Die Vorstellung von Studenten und Professoren, die sich ganz dem Erkenntnisgewinn in der Universität widmen, ist obsolet geworden. Entsprechend wird die Universität zum Schauplatz von Versuchen aller an ihr Beteiligten, die eigenen Vorstellungen von dem durchzusetzen, wozu sie gut sein soll. Das dokumentiert auch der gegenwärtige Bildungsstreik. Man übertreibt, weil viele gar nicht miteinander sprechen möchten, sondern übereinander und zur Öffentlichkeit.

Bierkästen als Requisit von Bildungsforderungen

Die einen übertreiben ihre Bereitschaft, an den Zuständen in der Universität etwas ändern zu wollen. Denn weder Minister noch die Mitglieder der Hochschulrektorenkonferenz glauben ja, dass sie wirklich etwas falsch gemacht haben. Also spielt man Betroffenheit durch die Proteste. Bei den Protestierern wiederum gibt es viele, die ihre Betroffenheit, durch „Leistungsdruck“ und mangelnde Betreuung, auch nur spielen. Die durchgriffsstarke polizeiliche Räumung an der Frankfurter Goethe-Universität ist das beste Beispiel.

Was Studenten, die besseren Studienbedingungen das Wort reden, dazu bringt, Hörsäle zu ramponieren, Wände zu besprühen und leere Bierkästen als Requisit von Bildungsforderungen aufzubieten, ist unerfindlich – es sei denn, sie meinten es gar nicht ernst. So werden die begründbaren Klagen über die Studienreform diskreditiert, nur damit das Frühstücksfernsehen Bilder bekommt. Sollte die Polizei zu scharf vorgegangen sein, kann sich der Rechtsstaat damit beschäftigen. Aber wer verarbeitet auf Seiten der Demonstranten die Dummheit, sich von Sachbeschädigung und Radau etwas zu versprechen?

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1962, stellvertretender Leiter des Feuilleton.

Jüngste Beiträge

Ab in die eTonne

Von Ursula Scheer

Der „eTown-Index“ rechnet aus, in welcher Stadt Deutschlands es die meisten wirtschaftlichen Internetseiten gibt. Googles System dahinter ist ebenso durchschaubar wie verworren. Mehr