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Streitkultur : Wütend auf die ganze Welt

Ist Wohltätigkeit nur das exklusive Freizeitvergnügen einer internationalen Elite? Amal und George Clooney bei einer Filmpremiere Bild: dpa

Ist das Ressentiment tatsächlich Indiz einer allgemeinen Verrohung? Oder eher die zwangsläufige Begleiterscheinung von Modernisierungsprozessen?

          Wann immer die Deutschen nach ihren Haltungen befragt werden, speziell nach Vorbehalten, Abneigungen oder Ressentiments gegen ethnische, religiöse oder soziale Gruppen, kommen Werte zwischen fünfzehn und fünfundzwanzig Prozent heraus: So viele (oder doch so wenige?) haben, je nach Fragestellung und Messmethode, also etwas gegen Leute, die anscheinend erkennbar anders als sie selber sind.

          Claudius Seidl

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Aha, muss sich da eigentlich jeder denken, der fähig ist, auch sich selbst zu betrachten: Wer sind denn all die anderen, die fünfundsiebzig bis fünfundachtzig Prozent, die angeblich frei von diesen Ressentiments sein sollen? Man muss sich doch, so als normal zivilisierter Mensch, nur das Gefühlsprotokoll weniger Tage ins Gedächtnis rufen, einer Woche vielleicht, in der man, vorübergehend zwar, aber manchmal ganz schön heftig, einen Groll spürte gegen Radfahrer, Preußen, Jugendliche, Rentner, Russen, Protestanten, die Obrigkeit, tschechische Taxifahrer, türkische auch, eigentlich alle, sowie natürlich gegen all die Heinis in den Restaurants und Cafés des Regierungsviertels, die aus ihren wichtigen Lobbyistengesichtern so herausgucken, als ob sie etwas Besseres wären. Wenn der Augenschein nicht trügt, dann geht es den meisten anderen, mit womöglich anderen Gruppen, so ähnlich, was uns aber nicht davon abhält, uns einigermaßen anständig zu benehmen, einander zu grüßen, gegebenenfalls den Vortritt zu lassen und den Taxifahrer, sollte er wider Erwarten tatsächlich den schnellsten Weg wählen, als Individuum in seiner ganzen, komplexen Menschlichkeit wahrzunehmen.

          Das Recht auf Wut

          Der Bürgerkrieg droht jedenfalls nicht wegen solcher Ressentiments – was zum einen daran liegt, dass den meisten die Illegitimität, das absolut Subjektive, Willkürliche und Nichtverallgemeinerbare dieser Ressentiments sehr gut bewusst ist. Man möchte es ein Recht nennen und eine seelische Notwendigkeit, gelegentlich „wütend auf die ganze Welt“ (wie Maxim Gorki das nannte) zu sein, solange das Ressentiment eine Begleiterscheinung nur des Wahrnehmens ist und keine Grundlage des Handelns. Schon klar, man weiß, dass jedes Individuum ein Anrecht darauf hat, für sich betrachtet zu werden; aber es gibt halt so viele davon, und mit denen, die man kennt, hat man mehr als genug zu tun, und dann teilt man halt die anderen vorläufig in Gruppen ein, das schafft eine gewisse Übersicht. Wie dürfte man sich sonst, nur zum Beispiel, freuen an der Eleganz und dem Charme italienischer und spanischer Touristen in der deutschen Hauptstadt, ohne zugleich einen Groll zu spüren auf die eigenen Landsleute, denen es an beidem mangelt? Was folgt denn auch daraus? Wäre man ein Schriftsteller mit den Möglichkeiten Thomas Bernhards oder des frühen Rainald Goetz, dann könnte man das Schimpfen auf diese Leute zur Kunstform machen. Ist man es nicht, bleibt einem wenig, als die Eleganz der Besucher als Herausforderung für den eigenen Habitus zu nehmen.

          Dass eine Gesellschaft, der man das Ressentiment komplett ausgetrieben oder wegtherapiert hätte, eine sterile Gesellschaft wäre: Das ist vielleicht nur eine Ahnung, ein Gefühl – und wenn man dafür nach Argumenten sucht, empfiehlt es sich, eine alte Ausgabe des „Merkurs“ zur Hand zu nehmen, die Doppelnummer aus dem Herbst 2004, die „Ressentiment“ als Titel und einziges Thema hat: „... das Ressentiment richtet sich gegen den Sieger – oder wen man dafür hält.“ so definieren, im Vorwort, Karl Heinz Bohrer und Kurt Scheel den Gegenstand, und weiter unten betonen sie dessen produktive Kraft: „Abzulehnen, was ist, im Namen dessen, was (noch) nicht ist: Dieses Grundprinzip der Kulturkritik entstammt dem Geist des Ressentiments.“ Es gibt in diesem Heft einen Artikel des Berliner Philosophen Gunter Gebauer (der gerne auch über Fußball philosophiert und schon deshalb auch andere Spielfelder des Ressentiments kennt), in dem geht es, unter anderem, auch darum, wie es das Ressentiment gegen das jeweilige intellektuelle Establishment war, was Jean-Jacques Rousseau oder Martin Heidegger dazu brachte, dieses Establishment herauszufordern und übertreffen zu wollen.

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