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Streit ums Martinstor Die Armen von Freiburg

Ein Sankt Martins-Fresko soll das Freiburger Martinstor schmücken. Die Grünen rebellieren: Die Legende sei Sozialkitsch, der Mantelteiler ein jovialer Militarist.

© Rainer Wohlfahrt Vergrößern Das Freiburger Martinstor

Das Freiburger Martinstor, im dreizehnten Jahrhundert erbaut und 1901 von dem groß denkenden Bürgermeister Otto Winterer („Ein Dorf hat Dächer, eine Stadt hat Türme“) zeitgemäß aufgestockt, trägt seit Jahrzehnten keinen heiligen Martin mehr, auf ihm thront nur noch das Logo einer Fast-Food-Kette, was immer mal wieder hitzige Debatten ausgelöst hat. Zurzeit tobt ein regelrechter Bilderkrieg. Die CDU will die klaffende Leerfläche mit Simon Gösers nur als Entwurf erhaltenem Martinstorfresko aus dem späten achtzehnten Jahrhundert füllen.

Für die Grünen ist Gösers Heiligenbild Sozialkitsch: Ein besserverdienender römischer Militarist, der seinen Offiziersmantel herablassend mit einem kriecherischen Bettler teilt, verewige „die Barmherzigkeit der oberen Zehntausend“ als Vor-Bild für Hartz-IV-Empfänger. Die Grünen favorisieren den Freiburger Bauernkriegshelden Jos Fritz, der 1513 mit Waffengewalt für die Umverteilung von oben nach unten focht. Wenn es aber unbedingt ein Martin sein muss, könnte man sich demnach Martin Luther King als „schönes Zeichen“ für eine weltoffene Stadt vorstellen. Und wenn es unbedingt mittelalterliche Kunst sein soll, dann das Fresko von 1470, das sich heute in der Martinskirche befindet: Der Bettler darauf ist zwar auch nur ein knieender Almosenempfänger, aber sein Wohltäter ist schwer beschädigt und also quasi nicht im Bilde. Sankt Martin passt offenbar so wenig in die Zeit wie der Neger ins neuere Kinderbuch.

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Auf dem 2008 im schwäbischen Rottenburg errichteten Martinsdenkmal teilt er seinen Mantel auf Augenhöhe mit dem Armen. Und für den Pastoraltheologen Walter Fürst führt nur ein Martin, der von seinem hohen Ross herabsteige, „gelebte Solidarität mit Migranten, Senioren und sozial Schwachen“ vor. Zeitgemäßer als ein Martin ohne Pferd wäre nur ein Bettler ohne Martin: die Visitenkarte einer völlig diskriminierungsfreien Freiburger Fußgängerzone. Allerdings müsste man dann auch das Bild auf dem Schwabentor kritisch übermalen: Der schwäbische Kaufmann, der, als er einst Freiburg kaufen wollte („Was koschtet’s Städtle?“), von seiner sparsamen Hausfrau blamiert wurde, war einmal folkloristischer Abwehrzauber, aber schwaben- und frauenfeindliche Legenden passen schwerlich ins Zeitalter gelebter Solidarität mit den Nachbarn. Im Raume steht der Vorschlag sparsamer Bürger, der Freiburger Kunstfälscher Wolfgang Beltracchi möge als Zeichen seiner Resozialisierung das Martinstor gratis verschönern.

Quelle: F.A.Z.

 
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Veröffentlicht: 23.01.2013, 13:41 Uhr

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Von Andreas Rossmann

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