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Streit um Wikileaks-Dokumente Und wer schützt jetzt die Quellen?

01.09.2011 ·  Wikileaks hat damit begonnen, Depeschen amerikanischer Diplomaten zu Tausenden online zu stellen. Die Folgen für die darin Genannten könnten gravierend sein. Doch Julian Assange greift weiter andere an.

Von Detlef Borchers
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Die konkurrierenden Whistleblower-Plattformen Wikileaks und Openleaks überziehen sich derzeit gegenseitig mit Vorwürfen. Jeweils die andere Seite soll durch unbedachte Handlungen die Enttarnung von Informanten möglich gemacht haben, die ihrerseits mit amerikanischen Diplomaten vertrauliche Gespräche geführt haben. Im Dezember 2010 stand Wikileaks im Blickpunkt der Weltöffentlichkeit. Gemeinsam mit ausgewählten Medienpartnern veröffentlichten die Netzaktivisten Hunderte von Lageberichten, die amerikanische Diplomaten in aller Welt über ihr jeweiliges Einsatzgebiet an die Zentrale schickten. „Cablegate“ beschäftigte die Politiker in aller Welt.

„Spiegel“, „Guardian“, „New York Times“ und andere große Adressen brachten Geschichten und kleine Skandale ans Tageslicht: Jeder Medienpartner von Wikileaks wählte dabei das Material aus, das die Leser interessieren könnte, und achtete darauf, dass Namen von Informanten geschwärzt wurden. Nach der ersten Aufregung um Cablegate trat relativ schnell Routine ein: Wikileaks veröffentlichte wenige ausgewählte Berichte aus diesem oder jenem Land, die interessierten Blätter berichteten. Zum August 2011 waren so gerade einmal rund 30 000 Berichte von insgesamt 251 287 veröffentlicht, die Wikileaks nach eigenen Angaben besaß.

Keine großen Überraschungen

In der letzten Woche änderte sich das Tempo dramatisch. Wikileaks veröffentlichte nicht ein paar Hundert Berichte, sondern erst 35 000, dann 50 000 Berichte am Tag, und das ganz ohne Medienpartner. Stattdessen rief Wikileaks zum „Crowdsourcing“ auf: Jeder an Politik Interessierte sollte selbst in dem Material suchen und interessante Ergebnisse mit dem Hashtag „#wlfind“ via Twitter melden. Wikileaks sammelte fortan die „#wlfind“-Meldungen und publizierte sie in einer Art Tagesbericht.

Zumindest die Berichte aus deutschen Landen boten keine großen Überraschungen mehr. Ein vernichtendes Urteil über die Haltung der FDP und ihrer Justizministerin zur Frage des Schutzes der digitalen Privatsphäre, die Beurteilung von Günther Oettinger als lahme Ente in Brüssel und ein Bericht über die Lieferung extrem gefährlicher Viren (Ebola) aus Deutschland an ein medizinisches Forschungsinstitut der amerikanischen Armee, das war es schon. Anderswo lagen die Dinge kritischer: So berichtete die „New York Times“ unter Berufung auf Informationen des amerikanischen Außenministeriums, dass in der Flut der Berichte mehrere Dokumente gefunden wurden, in denen die Namen bedrohter Informanten nicht gelöscht worden waren. Oppositionelle und Menschenrechtler in Ländern wie Kambodscha seien mit voller Namensnennung gefährdet worden und müssten untertauchen. Entsprechend harsch sind die Vorwürfe an Wikileaks: Hier werde mit Menschenleben gespielt. Vor dem Hintergrund, dass in den Vereinigten Staaten derzeit eine Grand Jury untersucht, ob Wikileaks direkt des Geheimnisverrates angeklagt werden kann, wiegen die Vorwürfe besonders schwer: Sollte die Anklage erfolgen, so könnten die Vereinigten Staaten von Großbritannien die Auslieferung des Wikileaks-Gründers Julian Assange verlangen.

Juristische Auseinandersetzungen

Sucht man nach den Gründen für die plötzliche Publikationswut von Wikileaks, so wird man in Deutschland fündig. Die Wochenzeitung „Der Freitag“, ein Medienpartner von Openleaks, veröffentlichte einen Text, in dem verklausuliert beschrieben wurde, dass eine vollständige Kopie aller amerikanischen Depeschen verschlüsselt und komprimiert im Internet herumschwirre und der Schlüssel zur Öffnung dieser Datei ebenfalls nicht mehr unter Kontrolle von Wikileaks sei. Mit dieser Darstellung berief sich der „Freitag“ auf Daniel Domscheit-Berg, den Kopf von Openleaks. Dieser bezichtigt seit geraumer Zeit seinen ehemaligen Leaks-Gefährten Assange, verantwortungslos gegenüber den Quellen zu handeln. Nach Darstellung des „Freitags“ versuchte Julian Assange noch vergeblich, in einem Telefonat mit dem Herausgeber Jakob Augstein die Veröffentlichung zum „Leck bei Wikileaks“ zu verhindern. Kurz bevor der Bericht im Blatt erschien, startete Wikileaks sein Crowdsourcing-Projekt.

Inzwischen hat Julian Assange den Berliner Anwalt Johannes Eisenberg eingeschaltet. In einem Schreiben, dass der Deutschen Presse-Agentur vorliegt, wirft Eisenberg dem Openleaks-Gründer Daniel Domscheit-Berg „ein gesteigertes Maß an Niedertracht“ vor. Er habe Journalisten Hinweise zur Öffnung verschlüsselter Dateien gegeben und gefährde damit das Leben Unschuldiger, so der Berliner Anwalt. Der Artikel im „Freitag“ sei nur veröffentlicht worden, um die Reputation von Wikileaks zu schädigen. Welche juristischen Konsequenzen sich daraus ergeben könnten, ließ der Anwalt offen.

Ein verhängnisvoller Lapsus

Daniel Domscheit-Berg wies die Darstellung zurück. Was Assange über seinen Anwalt vortrage, sei ein klassisches Ablenkungsmanöver. Wikileaks und niemand sonst habe im Umgang mit dem Whistleblower-Material mehrfache Fehler gemacht und fahrlässig gehandelt. Er, Domscheit-Berg, habe nur mit einem „Journalisten meines Vertrauens“ über das Problem der unzureichend geschützten Datei gesprochen.

Beim Hin und Her der Argumente ergeben sich auch Fragen für den Journalismus. Schließlich versuchte sich auch der „Spiegel“ als Medienpartner von Wikileaks mit einem Artikel in der aktuellen Ausgabe an einer Erklärung, wie es zu dem verhängnisvollen Lapsus kommen konnte. Kombiniert man die beiden nur vage informierenden Artikel und ergänzt sie mit Informationen aus den vielen Berichten über „Cablegate“, den Interviews der Protagonisten und den Büchern über Wikileaks, so können aufmerksame Beobachter durchaus in der Lage sein, die umstrittene Datei zu finden und zu entschlüsseln. Der Informantenschutz, den die Presse wie die beiden konkurrierenden Leaker-Gruppen anführen, droht im Streit unter die Räder zu geraten.

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