25.01.2011 · Geht es bei dem Dauerstreit um die Büste um Nofretete als Geldquelle oder als Identitätsstifterin? Nicht nur in diesem Fall, sondern bei vielen weltberühmten Kunstwerken ist zwischen beidem kaum noch zu trennen.
Von Dieter Bartetzko„Nofretete-Büste in Kairo von islamistischen Attentätern zertrümmert“. Heute mutet diese fiktive Schlagzeile so absurd an wie die Meldung, auf dem Flughafen Berlin-Tegel sei ein Ufo mit türkisen Marsbewohnern gelandet. Doch denkt man an die Buddhas von Bamijan, die trotz Welterbe-Status 200 von Taliban gesprengt wurden, oder an den Sprengstoffanschlag auf koptische Christen in Alexandria, dann ist der Gedanke, die 3300 Jahre alte fragile Darstellung der Nofretete sein in Berlin sicherer als in Kairo, nicht ganz von der Hand zu weisen.
Gewiss, auch in Berlins Neuem Museum verlässt man sich mehr auf den zivilisatorischen Konsens als auf paramilitärische Hochsicherheit. Doch neben dem Faktum, dass dort Nofretete vorerst unter geringerem Risiko steht, spricht noch sehr viel mehr dafür, die neuerliche Rückgabeforderung von Ägypten Altertümerverwalter Zahi Hawass zurückzuweisen: Seit Jahrzehnten wird in Berlin die Büste sorgfältigst geschützt und erforscht, wird vor schädlichen Umwelteinflüssen wie der verheerenden Feuchtigkeit und den Erschütterungen ihrer tausenden schwitzenden und sie umkreisenden Betrachter bewahrt.
Erstickende Enge, katastrophale klimatische Verhältnisse
Permanent wird sie auf Risse und Absplitterungen der empfindlichen Bemalung überprüft, wird das Reagieren der Gipsoberfläche und des Kalksteinkerns auf Temperaturschwankungen beobachtet. In Kairos Nationalmuseum dagegen, wo sie zweifellos nach einer Rückgabe als Hauptattraktion aufgestellt würde, herrschen erstickende Enge und katastrophale klimatische Verhältnisse, sind die Vitrinen in miserablem Zustand und verhält sich der tägliche schädigende Besucherstrom zu dem in Berlin wie eine Springflut zu einem kleinen Hochwasser; seit 1902 hat sich dort nichts verbessert.
Das ägyptische Volk, so erklärt Hawass seit Jahren, ersehne die Rückkehr der Nofretete als seines nationalen Symbols. Es wäre billig, darauf zu verweisen, dass Ägyptens Bevölkerung über den von Millionen T-Shirts, Nippes und Postern verbürgten Starruhm Nofretetes hinaus von der Pharaonin ähnlich diffuse Kenntnisse hat wie die deutschen Bürger von Armin dem Cherusker. Ein stichhaltigeres Argument ist der oft achtlose Umgang Ägyptens mit seinem kulturellen Erbe. Kronzeuge dafür sind die Schätze des Tutanchamun. Ihn, den Stiefsohn Nofretetes, der als Kind auf den Thron kam und dessen fast unversehrtes Grab mit allen Beigaben 1922 vom englischen Archäologen Howard Carter entdeckt wurde, kennt jedes ägyptische Kind als „Urvater“ des heutigen Ägypten. Sein Thron und seine goldene Mumienmaske stehen als unverrückbare Staatsheiligtümer im Museum in Kairo. Doch mit dem unermesslich kostbaren Rest geht man um wie eine Pfandhaus.
Das zweite Nationalmuseum macht keinen Fortschritt
Die goldenen Mumiensärge, Kronen, Schmuck, Goldstatuetten, Prunkwaffen und Mobiliar, jedes eine unersetzliche zerbrechliche Kostbarkeit, werden, unerachtet aller schädlichen Folgen, immer wieder auf devisenbringende Welttourneen geschickt. Weniger glanzvolle und stärker vom Verfall gezeichnete Teile dagegen stehen kaum beachtet in Nebenräumen oder lagern ununtersucht in Magazinen. Von den einzigartigen Staats-Roben und Privatgewändern Tutanchamuns beispielsweise, den Dutzenden Handschuhen und Sandalen, Szeptern, Jagd-, Ritual- und Spazierstöcken, die Howard Carter in seinen Grabungsberichten beschreibt, sind lediglich eine bestickte Tunika, ein Prunkmieder und eine kleine Auswahl Stäbe zu sehen. Von allem anderen wissen nicht einmal Ägyptologen, wo es lagert, wie gut es erhalten ist - oder ob es überhaupt noch existiert.
Allein für das angemessene Ausstellen, Aufbewahren, Restaurieren und Erforschen des Grabschatzes von Tutanchamun wäre ein eigenes neues Museum notwendig. Doch davon existiert nicht einmal der Schatten einer Idee. Und das geplante zweite Nationalmuseum bei den Pyramiden von Gizeh - 2003 entschied ein Wettbewerb für das irische Architektenbüro Heneghan.Peng aus Dublin, 2008 sollte auf einer Fläche von 480 000 Quadratmetern gebaut werden - zeigt außer dem Anstieg der geschätzten Baukosten von 350 Millionen auf 550 Millionen Dollar keinerlei Fortschritt. Dito das Projekt eines archäologischen Museums in Alexandria. Selbst wenn also für Nofretete ein ganzer Saal in Kairo freigeräumt würde - wer möchte verantworten, dass zu ihren Gunsten andere hochwertige Altertümer verdrängt oder eingelagert würden?
Der Transfer der Büste war rechtmässig
„Der Keller gleicht einem Labyrinth, jeden Tag entdecken wir neue Schätze“ erklärte vor einiger Zeit Wafaa El Saddik, die Generaldirektorin des Kairoer Museums. Sie dürfte andere Sorgen als die Rückkehr der Nofretete haben. Nicht so Zahi Hawass, der nun, noch lauter als er es seit Jahren schon getan hat, in einem Schreiben vom 2. Januar 2011 an Hermann Parzinger, den Präsidenten der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, ultimativ die Rückführung der Nofretete-Büste fordert. In spätestens vier Wochen, so ergänzt er momentan, erwarte er ein Antwort. Dies umso mehr, als Ministerpräsident Ahmed Nasif und Kulturminister Faruk Hosni seine Forderung „energisch“ unterstützten. Mit dem Hinweis, dass weder der eine noch der andere den Brief unterzeichnet haben, somit kein offizieller staatlicher Antrag Ägyptens vorliegt, wies Parzinger die Forderung zurück.
Der Stiftungspräsident ließ zusätzlich erklären, dass der Transfer der Büste im Jahr 1913 rechtmäßig erfolgt und damit auch heute unanfechtbar sei. Damit rührte er indirekt an einen wunden Punkt: Was rechtens ist, muss nicht immer gerecht sein - diese Erkenntnis macht Deutschland im Fall der Nofretete anfällig. Denn Hawass' ewige Klage, der deutsche Archäologe Ludwig Borchardt habe sich die Büste, die er 1912 in Tell elArmarna, der einstigen Hauptstadt des „Ketzerpharaos“ Echnaton und seiner Gemahlin Nofretete, entdeckt hatte, durch Betrugsmanöver erschlichen, erzeugt als Vorwurf des „Kulturimperialismus“ zuverlässig das schlechte Gewissen der Deutschen.
Der Archäologe war geradezu besessen von dem Bildnis
Was geschah 1913? Gemäß staatlicher Verträge zwischen Ägypten und Deutschland sichtete der offizielle Grabungs- und Teilungskommissar Gustave Lefebvre die Armana-Funde. Ihr wichtigster Teil waren 26 fragile Köpfe und Büsten aus Stein und Gips, teilweise noch unvollendet, die Borchardt in der offenkundig überstürzt verlassenen Werkstatt des Hof-Bildhauers Thutmosis gefunden hatte. Vorlagen für Porträtstatuen, waren sie allesamt von atemberaubender Schönheit und - ein Novum in der altägyptischen Kunst - Wahrhaftigkeit. Unter den Dargestellten waren neben Echnaton und Nofretete auch Höflinge und Prinzessinnen. (Nofretete brachte, nach allem was wir wissen, sechs Töchter, aber keinen Sohn zur Welt).
In seiner Fundliste bezeichnete Ludwig Borchardt Nofretete als „bemalte Prinzessin“. Genau dies, so Zahi Hawass, beweise, dass er Levfebvre habe täuschen wollen. Dass Borchardts Bezeichnung 1913 tatsächlich untertrieb, ist nicht zu leugnen, denn der Archäologe war geradezu besessen von dem Bildnis Nofretetes: „Beschreibung zwecklos, muss man gesehen haben“, schwärmte er, kurz nachdem er die Büste aus dem Sand gegraben hatte.
Nofretete löste Massenhysterien aus
Als Borchardt seine Funde für die Teilungskommission ordnete, stellte er auf der Ägypten zugedachten Seite ein Relief in den Vordergrund, auf dem Nofretete und Echnaton in einer rührenden Genreszene mit ihren Töchtern spielen. Er wusste, dass die ägyptischen Experten davon fasziniert waren. Die Nofretete-Büste dagegen plazierte Borchardt in der Deutschland zugedachten Hälfte diskret im Hintergrund der anderen Werke von Thutmosis. Zahi Hawass, gestützt auf eine historische Fotografie, behauptet, der Archäologe habe sie zudem mit Tonerde beschmiert, um sie unansehnlich erscheinen zu lassen.
Der Trick, wenn es einer war, glückte. Mit unterschriebenen und anerkannten Verträgen wurde die Nofretete-Büste nach Berlin gebracht, wo sie nicht etwa, wie man vermuten könnte, sofort im Triumph dem Publikum präsentiert wurde, sondern mit den übrigen Armana-Funden in der Wohnung von Borchardts Finanzier, dem Berliner Unternehmer James Simon, blieb. 1920 schenkte Simon seine Sammlung dem Berliner Ägyptischen Museum, 1924 wurde Nofretete der Öffentlichkeit vorgestellt - und machte Sensation. In einem einmaligen Zusammentreffen von Zeitgeist und Frühgeschichte löste sie Massenhysterien aus. Denn ihr scheinbar makelloses Gesicht vervollkommnete, was die zwanziger Jahre gerade zum Inbegriff der modernen und doch zeitlosen weiblichen Schönheit erhoben hatten - Ebenmaß, Klarheit, Tiefgründigkeit und Androgynität. „Die Schöne ist gekommen“, die wörtliche Übersetzug des Namens Nofretete, wurde zum Synonym der Erscheinung.
Eine Ikone ägyptischer Identität?
Der damalige Kult um die „Knäbin“ Greta Garbo ist nicht denkbar ohne Nofretete, so wie heute trotz aller neuen Schönheitsideale Nofretete herhalten muss, wenn die Schönheit beispielsweise der Schauspielerin Julia Roberts charakterisiert werden soll. Zahi Hawass wäre wohl der letzte, der solche Vergleiche unstatthaft fände. Er, der wie kein zweiter Spezialist der Archäologie und Diplomatie auch auf der Klaviatur der Medien zu spielen weiß, präsentiert sich momentan auf Plakaten und in Werbespots als neuer Indiana Jones, konkret: als Titelheld der spektakulären Dokumentationsserie „Der Mumienjäger“, die „ History Channel“ international vertreibt.
Bei aller Sympathie für Versuche, archäologische Themen populär zu machen, stellt sich dennoch die Frage, wie in diesem Licht die donnernde Bemerkung von Hawass zu verstehen ist, er fordere die Büste als „die Ikone ägyptischer Identität“ zurück. Meint er unbewusst das „Logo Nofretete“, das so sicher, wie es jährlich Millionen Souvenirhändlern Millionen einbringt, im Original Kairo beziehungsweise Ägypten zusätzliche Millionen-Einnahmen eintragen würde? Geldquelle oder Identitätsstifterin? Nicht nur bei Nofretete, sondern bei vielen weltberühmten Kunstwerken ist zwischen beidem kaum noch zu trennen. Entscheidend ist, wo ein Kunstwerk am besten aufgehoben ist, betreut wird und durch stetiges Forschen seine Geschichte an die Gegenwart weitergibt. Das ist in Berlin der Fall.
Immer die gleiche Leier
Karsten Bender (Kasmo)
- 25.01.2011, 23:44 Uhr
@Herrn Haerter
Michael Scheffler (Striesner)
- 26.01.2011, 09:19 Uhr