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Kommunionsstreit : Die Ehe als Extremsituation

Papst Franziskus besucht in Genf den Ökumenischen Rat der Kirchen Bild: dpa

Wer darf entscheiden, ob nicht-katholische Ehepartner die Kommunion empfangen dürfen? Papst Franziskus bleibt interpretationsbedürftig. Dabei wird die Gretchenfrage in der Debatte gar nicht angetastet.

          Verblüffung über den Wolken. Der Papst gibt eine Kostprobe seiner Kunst, unterhalb der Schwelle von offiziellen Regelungen inoffizielle Geltungsspielräume zu eröffnen. Auf dem Rückflug von Genf erklärte er: Nein, das von ihm autorisierte Veto der Glaubenskongregation gegen die Handreichung der deutschen Bischofsmehrheit zum sogenannten Kommunionstreit (dürfen nicht katholische Ehepartner „im Einzelfall“ auch die Kommunion empfangen?) sei gerade „keine ökumenische Bremse“. Denn es gehe in der fraglichen Sache (nur) ums Kirchenrecht. Man stutzt: Seit wann beruft sich der von Freund und Feind gern auch „Spontifex“ genannte Papst Bergoglio auf Juristisches? Und wie möchte er es anstellen, dass ausgerechnet ein juristischer Blick (Jurisprudenz: hart und streng) den gewünschten barrierefreien Kommunionempfang absegnet?

          Das geht so: Der Papst reduziert das einschlägige Kirchenrecht auf Zuständigkeitsfragen. Auf dieser Linie stellt er klar: Der Ortsbischof sei für Ausnahmeregelungen beim Kommunionempfang zuständig, nicht die Bischofskonferenz. Verblüfft kann man da gleich mehrfach sein. Zum einen, weil der Passus im Kirchenrecht ausdrücklich etwas anderes sagt. Dort heißt es, der Bischof „beziehungsweise“ die Bischofskonferenzen seien bei eucharistischen Ausnahmeregelungen zuständig. Nicht weniger verblüffend ist die päpstliche Begründung für die Alleinzuständigkeit des Ortsbischofs: wenn eine Bischofskonferenz etwas approbiert, „wird es sofort universal“ (der Kirchenrechtler Thomas Schüller nennt diese Begründung dem Sinne nach eine Schnapsidee).

          Abgelenkt wird so von der Gretchenfrage im Kommunionstreit, der Frage nämlich, ob die kirchenrechtliche Kategorie der „schweren Notlage“ aus universalkirchlicher Sicht auch auf gemischtkonfessionelle Ehen anwendbar sein soll oder nicht. Wäre dies der Fall, dann würden solche Ehen (unter dem Gesichtspunkt eines in drängender Not zu erlaubenden gemeinsamen Kommunionempfangs) tatsächlich mit Extremsituationen vergleichbar sein, wie sie in Krieg, Verfolgungen, Deportationen und Naturkatastrophen entstehen. Das genau sind nämlich die Situationen, in denen bisher das kirchenrechtliche Kriterium einer „Todesgefahr oder einer anderen schweren Notlage“ einschlägig ist. In diese Reihung von extremen Gefährdungen nun auch noch die Situation der gemischtkonfessionellen Ehe aufnehmen zu sollen scheint dem Papst selbst unheimlich zu sein.

          Er will sich an der Frage nicht die Finger verbrennen und übergeht sie mit dem abstrakten Hinweis, die Handreichung sehe sogar weniger vor, als das Kirchenrecht erlaube. Konkret die Finger verbrennen möge sich an dieser Frage aber bitte der einzelne Ortsbischof. Mit allen guten Segenswünschen aus den Wolken. P. S.: Dieser ganze Verblüffungszusammenhang findet sich in dem päpstlich beauftragten Vetobrief der Glaubenskongregation schon angelegt. Man muss den Text nur genau lesen. Der Papst bleibt seiner jesuitisch gestylten Agenda treu: Ein Ja ist immer auch ein Nein, ein Nein auch ein Ja. Insoweit kein Grund, aus allen Wolken zu fallen.

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