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Streit um die Documenta 14 : In Athen den Süden suchen

In Kassel gibt es Aufruhr ganz im Stil der AfD: Politiker und empörte Bürger wollen sich nicht damit abfinden, dass die nächste, die 14. Documenta im Jahr 2017 zu Teilen auch in Athen stattfinden wird. Etwas weniger Lärm wäre gut.

          Große Aufregung in Kassel: 2017, so verkündete es der Leiter der Documenta 14, Adam Szymczyk, soll die Kunstausstellung nicht nur an den gewohnten Orten stattfinden, sondern zur Hälfte in Athen. Im April 2017 wird der erste Teil der Documenta in der griechischen Hauptstadt eröffnen, erst im Juni dann der zweite in Kassel. Dort sehen die Lokalpatrioten mit Entsetzen die Gegenwartskunst hinter den Rettungsschirm-Euros nach Süden rollen, der Ton ist AfDhaft schrill: Norbert Wett, Vorsitzender der Kasseler CDU-Fraktion, ruft mit den Worten „Wir lassen uns unsere Documenta nicht nach Athen wegnehmen“ zum Kampf auf.

          Der Vorsitzende des Verbands der City-Kaufleute gab zu Protokoll, „entsetzt und erschüttert“ zu sein, „wie mit dem Erbe von Documenta-Gründer Arnold Bode umgegangen wird“; wobei Bodes Erbe vielleicht nicht nur in den vollen Kassen des Kasseler Einzelhandels zu suchen ist. Ein wenig bizarr ist der aufgebürstete Tonfall; denn dass die Documenta zu Teilen in anderen Ländern stattfindet, hat Tradition: Okwui Enwezor veranstaltete 2002 „Plattformen“ in Wien, Neu-Delhi, Berlin, Saint Lucia und Lagos, vor zwei Jahren fanden Teile der Documenta quasi unter Ausschluss der Öffentlichkeit in Kabul statt.

          Der einzige Unterschied zu diesen Außenposten wird sein, dass 2017 sehr viel mehr Menschen nach Athen reisen werden, und es steht nicht zu befürchten, dass in Kassel dann nur noch abgenagte Gegenwartskunstreste und ein paar Wegweiser nach Athen zu sehen sind. Sicher kann man bedauern, dass das Versprechen erodiert, die gesamte Gegenwartskunst der Welt versammle sich alle fünf Jahre einmal in Kassel zum Gipfeltreffen.

          Ein Brennpunkt aktueller Herausforderungen

          Dafür entstehen neue Versprechen: Enwezors Plattformen waren wichtig, weil sie den Blick auf die außereuropäischen Kunstwelten gelenkt haben. Jetzt soll Europa als „ein Labor“ globaler ökonomischer und sozialer Prozesse und der „Süden nicht als geographische Kategorie, sondern als eine weiter gefasste Bedingung“ betrachtet werden, so Szymczyk im Gespräch mit dieser Zeitung.

          Wenn man fragt, welche Bilder Identitäten prägen oder verändern und welche Rolle Kunst in einer in die Krise geratenen Kultur spielen kann, dann ist es überhaupt nicht abwegig, Künstler sowohl in Kassel als auch in Athen tätig werden zu lassen, die dortigen Institutionen zu unterstützen und bekannt zu machen – und zu schauen, wie sich die Kunst verändert, wenn sie an einem Ort entsteht und gezeigt wird, an dem sich die wirtschaftlichen, kulturellen und sozialen Probleme Europas verschärfen wie kaum anderswo.

          „Athen“, erklärte Kassels Oberbürgermeister gestern, sei ein Brennpunkt „aktueller, globaler Herausforderungen“, aber auch ein „Kulminationspunkt jahrtausendealter europäischer Kultur“ – was auch eine feine konservative Spitze gegen das Documenta-bleibt-hier-Gepolter war: kein Fridericianum ohne Akropolis. Einen Vorteil wird die Documenta in Athen auf jeden Fall haben: Wem 2017 die Kunst nicht zusagt, der kann einfach zum Parthenon gehen. Enttäuschend wird die Reise nicht sein.

          Niklas Maak

          Redakteur im Feuilleton.

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