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Streit in Berlin : Schrippenkrieg

„Schrippen“ oder „Wecken“?„Pflaumenkuchen“ oder „Pflaumendatschi“? In der Hauptstadt wird um die Namen von Backwaren gestritten. Für dieses weiche Problem gibt es eine harte Lösung.

          Während anderswo Taifune wüten und Flugzeuge zerschellen, während Russland friert und Amerika fast über die Fiskalklippe gestürzt wäre, streitet man in Berlin darüber, ob ein Brötchen „Schrippe“ oder „Wecken“ heißen muss. Ausgelöst hat den Kulturkampf der alte SPD-Fahrensmann Wolfgang Thierse mit einem Interview in der „Berliner Morgenpost“, in dem er sich über die zunehmende Fremdbesiedelung seines Kiezes am Prenzlauer Berg beschwerte - nicht durch Ausländer, sondern durch Schwaben. Er ärgere sich, so Thierse, wenn ihm beim Bäcker „Wecken“ und „Pflaumendatschi“ angeboten würden; in Berlin sage man nämlich „Schrippen“ und „Pflaumenkuchen“, woran sich „selbst Schwaben“ gewöhnen sollten. Inzwischen ist die Sache Tagesthema in allen Regionalzeitungen, die „Morgenpost“ reicht ständig Diskussionsbeiträge nach, und man kann kaum noch über die Friedrichstraße gehen, ohne auf den Schrippenkrieg angesprochen zu werden.

          Selbst in der hohen Politik hat Thierses Tirade Kreise gezogen: Dirk Niebel, Entwicklungsminister und FDP-Spitzenkandidat in Baden-Württemberg, nannte den Katholiken Thierse einen „pietistischen Zickenbart“, und der Brüsseler Energiekommissar Günther Oettinger stellte fest, ohne den schwäbischen Beitrag zum Länderfinanzausgleich gäbe es gar keine Berliner Dolce Vita. Am tiefsten hat wohl Achim Ruppel, der Gründer des Berliner Kulturfestivals „Schwabiennale“, den Fall durchdacht, indem er darauf hinwies, dass die alten Sueben schon um 500 nach Christus auf der „Berliner Platte“ gewohnt hätten.

          Darauf könnte man antworten, dass sich die Sueben ungefähr zur selben Zeit auch im Gebiet des heutigen Portugal herumtrieben, bevor sie mit den Vandalen nach Karthago zogen, um dort ihre Wecken zu backen. Aber das hieße die Debatte zu weit treiben. Am besten, man löste das Problem gleich gesamtdeutsch und setzte statt der geplanten Bürgerwippe eine granitharte Einheitsschrippe auf den leeren Denkmalssockel am Berliner Schlossplatz. Wer dann noch „Wecken“ sagt, muss reinbeißen.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

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