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Straßennamen in Berlin Entkolonisierung der Lebenswelt

08.01.2010 ·  Die Mohrenstraße heißt noch Mohrenstraße, aber den Afrika-Reisenden Major von der Groeben ersetzt die Dichterin May Ayim. Auf den Häuserkampf folgt in Kreuzberg der Straßenkampf.

Von Martin Otto
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Die Biographie von May Ayim ist wohl außergewöhnlich zu nennen. 1960 wurde sie als Tochter eines Arztes aus Ghana und einer Deutschen in Hamburg geboren. Sie wuchs nicht bei ihren leiblichen Eltern, sondern bei Pflegefamilien als Gertrud Opitz auf, machte in Münster Abitur und studierte in Regensburg Pädagogik. 1986 machte sie mit einer Arbeit über „Afro-Deutsche“ ihr Diplom und wurde Logopädin. Seit 1984 lebte sie im Berliner Bezirk Kreuzberg. Wiederholt reiste sie nach Afrika. Daneben aber betätigte sie sich als Autorin; ihre Werke befassen sich mit Rassismus, der „deutschen (sch)einheit“ und Frauen in der Dritten Welt. Ein immer wiederkehrendes Thema war ihre persönliche Situation als Deutsche mit schwarzer Hautfarbe. In vielen ihrer Texte kann man eine Suche nach Identität sehen. „Ich werde trotzdem afrikanisch sein, auch wenn ihr mich gerne deutsch haben wollt“, heißt es in einem Gedicht. Ein anderes über den früheren Bundeskanzler Kohl, der als „oberstes Wahlroß“ bezeichnet wird, kommt freilich über „Birne“-Blödeleien nicht hinaus und wirkt gerade in seiner übellaunigen Plumpheit erschreckend deutsch. Auch im Ausland fand sie Resonanz, etwa bei dem britischen Reggae-Musiker Linton Kwesi Johnson. Sich selbst bezeichnete Frau Ayim, so der Titel eines anderen Buches, als „grenzenlos und unverschämt“. An multipler Sklerose erkrankt, setzte sie ihrem Leben 1996 selbst ein Ende.

Diesen Februar wird ein Teil des Spreeufers im Bezirk Kreuzberg nach May Ayim benannt werden. Den Beschluss dazu hatten SPD, Grüne und Linkspartei in der Bezirksverordnetenversammlung von Friedrichshain-Kreuzberg im Mai 2009 gefasst, nach zwei Jahren aktiver Lobbyarbeit verschiedener Gruppierungen. Tatsächlich passt der neue Straßenname recht gut zum Kreuzberg der Frauenbuchläden und Selbsthilfegruppen; ein Spötter könnte hier ein Stück linkes Biedermeier sehen, vergleichbar der Rudi-Dutschke-Straße im selben Bezirk. Bei May Ayim geht es jedoch keinesfalls nur um die Würdigung der netten Schriftstellerin von nebenan, die, so das Zeugnis einer ihrer Freundinnen, laut lachend auf die hungernden Kinder in Afrika verwies, wenn ihre Kochkünste kritisiert wurden. Den Initiatoren der Benennung geht es auch um den laut Armin Massing vom federführenden „Berliner entwicklungspolitischen Ratschlag“ ersten Fall der Umbenennung einer „Straße mit kolonialem Bezug“ in Berlin.

Bislang hieß die kurze Straße an der Spree „Gröbenufer“. Seit 1895 ist sie nach dem brandenburgischen Major Otto Friedrich von der Groeben (1657 bis 1728) benannt. Auf den Internetseiten der Linkspartei und der in Friedrichshain-Kreuzberg besonders starken Grünen kann man lesen, dass das Gröbenufer seinen Namen von Kaiser Wilhelm II. erhalten habe. Der Einfluss des letzten Kaisers auf Straßennamen dürfte aber, gerade im chronisch linksliberal regierten Berlin, das dem Bismarck-Gegner Rudolf Virchow die Ehrenbürgerwürde verlieh, höchst begrenzt gewesen sein. Der Anlass der Benennung war die Kolonialschau, die 1896 anlässlich der Gewerbeausstellung im nahen Treptower Park stattfand. In einer Erklärung der Kreuzberger Grünen heißt es: „125 Jahre nach der Afrika-Konferenz in Berlin muss das Kolonialisten-Verehren endlich ein Ende haben und die Erinnerungsperspektive umgekehrt werden.“ Künftig soll am May-Ayim-Ufer eine Gedenkstätte an den deutschen Kolonialismus erinnern.

Die „Verehrung“ des vermeintlichen Kolonialisten Groeben hielt sich freilich in überschaubaren Grenzen. Groeben war ein Forschungsreisender, der zunächst in polnischen, später in venezianischen Diensten Afrika bereiste. Seine „guineische Reisebeschreibung“ von 1683 wurde 1981 nachgedruckt, von einem nicht als kolonialnostalgisch bekannten Kreuzberger Verlag. Bei dieser Reise im Auftrag des Großen Kurfürsten gründete er im heutigen Ghana 1683 die einzige brandenburgische Kolonie Groß-Friedrichsburg. Es war mehr eine Festung oder ein befestigter Handelsplatz, deren Reste heute als Unesco-Welterbe geschützt werden. Lange dauerte das brandenburgische Kolonialabenteuer nicht; der nüchterne Soldatenkönig verkaufte die Festung 1712, für ihn bloß eine „Chimäre“, an die Holländer. Von Groß-Friedrichsburg wurde auch mit Sklaven gehandelt, Tausende wurden von dort auf die dänische Kolonie St. Thomas in der Karibik verschifft. Für die rührigen Initiativgruppen reichte das, um aus Groeben einen gegen UN-Konventionen verstoßenden Sklavenhändler zu machen. Er war freilich überhaupt kein Händler, sondern ein Söldner und Offizier, der auf seinem Gut im westpreußischen Marienwerder starb. Sein Grab im heute polnischen Kwidzyn wird noch heute gepflegt.

Seit den achtziger Jahren wird, die Initiative ging von der „Berliner Geschichtswerkstatt“ aus, die Umbenennung kolonial belasteter Straßen gefordert. Im „Afrikanischen Viertel“ im Wedding erinnern die meisten Straßen an afrikanische Territorien. Wegen der zahlreichen Anwohner wäre eine Umbenennung hier aber kaum durchsetzbar. Auch bei der Wissmannstraße, die im Neuköllner Problemkiez an Hermann von Wissmann (1853 bis 1905), einen deutschen Kommissar in Deutsch-Ostafrika, erinnert, dürfte es Probleme geben.

Am Gröbenufer dagegen gibt es kaum Anwohner; auch wenn sich einige basisdemokratische Proteste tatsächlich regten. Die politischen Verhältnisse hier sind aber eindeutig; in einigen Wahllokalen in der Nähe schaffte die CDU bei der letzten Wahl noch nicht einmal die Fünfprozenthürde. Die Ersetzung Groebens durch May Ayim blieb im linken Milieu nicht gänzlich unwidersprochen. Einen „gröblichen Rufmord“ an Groeben diagnostizierte der Kolonialhistoriker Ulrich van der Heyden ausgerechnet im „Neuen Deutschland“. Van der Heyden, der ein von Andreas Eckert hochgelobtes Buch über das koloniale Erbe in Berlin veröffentlicht hatte, hat sich wiederholt für Straßenumtaufen eingesetzt. Den Aktivisten ist er suspekt, weil er sich 2004 in einem Gutachten für die Beibehaltung der „Mohrenstraße“ ausgesprochen hat. Auch diese Querstraße der Friedrichstraße erinnert an Groß-Friedrichsburg, genauer: an den Aufenthalt einer Gruppe Afrikaner aus der Kolonie in Berlin. Mit Sklaverei oder Rassismus hatte das aber nichts zu tun.

Tatsächlich ist die Benennung des Gröbenufers nach May Ayim in erster Linie eine Ersatzhandlung. Doch in einer gewissen Weise bleibt das linksliberale Berliner Bürgertum sich bei seinen Straßennamen treu. Otto von der Groeben wurde als deutscher Kolonialpionier, der er nie war, geehrt und als Sklavenhändler, der er ebenso wenig war, entehrt. Ersetzt wird er durch eine Dichterin, über deren Gedichte auch die Wohlmeinenden bislang taktvoll geschwiegen haben. Dass ein Otto von der Groeben auch für eine friedliche Zusammenarbeit von Deutschen und Polen steht, darüber sah einst der wilhelminische und sieht heute der Kreuzberger Pfahlbürger gern hinweg.

Welche Straße wird aber die nächste sein? In Kreuzberg stammen fast alle Straßennamen aus dem kolonialpolitisch fragwürdigen Kaiserreich. Wie sieht es etwa ein paar Ecken weiter mit der Oranienstraße aus? Ermöglichte das Haus Oranien nicht Brandenburg erst seine kurzlebige Kolonialpolitik, und steht dieses fragwürdige Herrscherhaus nicht für die gesamte Kolonialpolitik der Niederlande? Aber der Kampf darf nicht bei Straßenschildern haltmachen. Auf den Prüfstein gehört auch eine Gedenktafel in der Kreuzberger Urbanstraße für den osmanischen Gesandten Ali Aziz Effendi (1749 bis 1798). Der lebte und starb zwar in Berlin und erreichte als türkischer Dichter eine gewisse Prominenz. Sein Standpunkt zum Sklavenhandel des Osmanischen Reichs, das er in Preußen vertrat, bedarf aber einer dringenden Klärung. An einen der schärfsten und mutigsten Kritiker der wilhelminischen Kolonialpolitik, den von Rechtsradikalen ermordeten Matthias Erzberger, erinnert in ganz Berlin keine Straße.

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