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Strandurlaub in Italien Addio, Adria!

18.08.2005 ·  In Italien bricht die Kultur des Strandurlaubs weg: Etwa fünfzehn Prozent der gewohnten Besucher aus dem Ausland und um die fünf Prozent der Italiener treten nicht mehr die hergebrachte Reise an die Strände von Adria, Riviera und Sardinien an. Lautes Krisengeschrei ertönt. Was ist passiert?

Von Dirk Schümer, Rimini
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Daß mitten im August die rote Sturmflagge (“Baden gefährlich!“) über dem Adriastrand weht, weil Regen und Wind ein ungemütliches Nordseeklima an die Badewanne Mitteleuropas gezaubert haben, erscheint vielen Italienern als Zeichen der Klimakatastrophe - obgleich die doch eigentlich mit Erwärmung, Sahara-Winden und Versteppung einhergehen müßte.

Egal, irgend etwas ist eben faul mit der Erfolgsformel des Massentourismus in Italien, und um dies zu begreifen, muß man gar nicht den Blick über die endlosen, auch an Sonnentagen nur wenig ausgenutzten Reihen von Liegestühlen am Lungomare schweifen lassen. Ein Blick auf die Preise für Beherbergung und Pizza tut's auch. In den Medien ebbt darob seit Monaten die Aufregung nicht ab: „Bye, bye Italia“ ist nach dem Ausbleiben von etwa fünfzehn Prozent der gewohnten Besucher aus dem Ausland noch eine der netteren Schlagzeilen.

Wo sind die Deutschen?

Und weil auch um die fünf Prozent der Italiener nicht mehr die hergebrachte Reise der Lemminge an die Strände von Adria, Riviera und Sardinien antritt, tönt lautes Krisengeschrei in einem Land, das dank der Schätze von Kultur und Natur lange weltweit als Reiseziel Nummer eins galt. Was ist passiert? Die einfachste Antwort ist wie immer die ökonomische. Die Wirtschaftskrise in Deutschland wie in Italien selbst hat den Urlaub wieder zu einem Luxusgut werden lassen. Während im Paradies der Berlusconis die Zahl der Luxusyachten mit Hubschrauberlandeplatz und Leibwächterbeiboot abenteuerlich zunimmt, können sich Arbeiterfamilien unter dem Druck des Euro plötzlich nicht einmal mehr zwei Wochen in einer einfachen Strandpension vom Munde absparen. Spontan gebuchte Kurzurlaube oder gar nur Tagestrips mit mitgebrachtem Essen verhageln der erfolgsgewohnten Branche daher die Bilanzen.

Nun droht - vor allem an den tausend Kilometern Adriaküste zwischen Triest und dem Stiefelabsatz - das Wegbrechen einer ganzen Kultur. Denn Italiens Lebensrhythmus ist seit Jahrzehnten merklich vom Strandritual geprägt: mit Frauen, Omas, Kindern, welche die drei endlosen Monate der Schulferien komplett in Miet- oder Eigentumswohnungen verbringen, während sich der geplagte Vater zum Wochenende durch den Stau hinzukämpft. Zudem ist das ganze Zeichensystem des Sozialen vom Körperkult mit Bräunung, Muskeln und Schlankheit bis zur Bikinimode und den Badelatschen Jahr für Jahr auf die „spiaggia“ ausgerichtet. Eine soziologische Studie hat jüngst ergeben, daß die Mädchen in Strandmetropolen wie Rimini oder Cesenatico ihre Unschuld um Jahre früher verlieren als in Städten des Binnenlands. Es handelte sich offenbar bei der sommerlichen Auszeit um ein veritables Adoleszenzritual - vom Ausagieren mit Sand und Matsch bis zu unkatholischen Doktorspielen vor dem offenen Horizont des Meeres und des eigenen Lebens.

Das soll nun alles vorbei sein?

Und weil das alles - die Strandmusik, das abendliche Karaoke nach dem Pizzaessen, das kollektive Abdösen mit möglichst turbulentem und lautem Begleitprogramm der fliegenden Händler, das schiere Geborgensein in der nach Millionen zählenden italienischen Strandfamilie über Jahrzehnte des Wirtschaftswunders -, weil das alles nicht nur den Einheimischen, sondern auch den sonnenhungrigen und italophilen Gästen bisher so ungemein behagte, hat das Urlaubsgeld halb Europas vergessene Landstriche wie die Romagna, Sardinien, die Marken und sogar das südliche Apulien wohlhabend gemacht. Der unbeholfene Komiker Fantozzi, der trotz der Unverschämtheiten seiner Strandnachbarn behaglich auf seinem winzigen, kaputten Liegestuhl vor sich hin brutzelt, ist dabei ebenso zum Wappenträger der Italianita geworden wie der sprichwörtliche „bagnino romagnolo“, der muskulöse und gebräunte Bademeister, dem die sprießenden Erotikphantasien der kleinen Ausländerinnen gelten.

Das soll nun alles vorbei sein? Grund für den Kollaps, welcher der italienischen Staatskasse nun schon im dritten Jahr Milliardenverluste beschert, ist weniger ein Wechsel der Gewohnheiten als mangelnde Konkurrenzfähigkeit. Innerhab weniger Jahre hat Italien auf dem boomenden Weltmarkt des Tourismus drei Prozentpunkte verloren, ist von knapp acht auf gerade einmal fünf Prozent Anteil abgesackt. Die einstige Zauberformel ist unter dem Druck eines skandinavischen Steuersystems und hoher Gehälter schlicht zu teuer geworden. Die derzeitige Lage mit Hotelpreisen von 100 Euro an im kargen Dreisternehotel, mit astronomischen Kosten für Liegestuhl, Sonnenschirm, Speiseeis und Parkplatz, können nicht einmal mehr deutsche Proleten, einst Inbilder der Bedürfnislosigkeit, überzeugen. Die fliegen nämlich mit Billiglinien längst auf die Antillen, nach Nordafrika oder in die Türkei, wo sie das Tagesprogramm genausoviel kostet wie in Italien das durchgelegene Doppelbett.

Wer soll das bezahlen?

Dennoch verzeichnet auch in diesem Sommer die staatliche Statistik für Italien abenteuerliche Preisaufschläge von zwanzig, manchmal dreißig Prozent. Will man die wegbleibende Masse etwa durch das Schröpfen der wenigen Verbliebenen kompensieren? Zugleich mit den Meldungen über den Kollaps ihres Massentourismus müssen die frisch im Wohlstand angekommenen Italiener entgeistert zusehen, daß Urlaub kaum irgendwo so teuer ist wie im Bel Paese. Ein Doppelzimmer kostet hier ein Drittel mehr als in Spanien, ein Viertel mehr als in Frankreich, von Zielen wie Kroatien, Tunesien, der Türkei zu schweigen.

Zur Abzocke hinzu kommt aber ein anderes Laster, das gewöhnlich mit verwöhnten Anbietern einhergeht: Es fehlt oft die einfachste Nettigkeit im Umgang mit den Gästen. Italiens Medien füllen ihr Sommerloch mit Berichten von abweisenden Hoteliers an der Adria, von halbvergifteten Essensgästen in Venedig, von vernachlässigter Infrastruktur zwischen Parkplatz und Kursaal. Daß China und Indien Millionen für die Schulung des Reisepersonals im Umgang mit ausländischen Gästen investieren, in Italien aber zunehmend die naturwüchsige Herzlichkeit gegenüber Gästen verlorengeht, haben sogar die Einheimischen bemerkt. Offenbar hatte man den sommerlichen Zustrom von Touristen an die Adria für ein Naturphänomen nach dem Vorbild des Vogelflugs gehalten, Werbemaßnahmen auf ein Minimum eingeschränkt und sich an ein Räuber-Beute-Verhältnis gewöhnt. Nun wirken die Hoteliers von Rimini wie Löwen, denen plötzlich die leckeren Gnus ausbleiben.

Fast verzweifelt sind manche Kommunen dazu übergegangen, dem aus der Mode kommenden Strandtourismus einen neuen, weniger gewöhnlichen Anstrich zu geben. Und die Italiener wären nicht sie selbst, bewegte sich nicht auch dieser Fortschritt in ähnlich kollektiven und turbulenten Bahnen wie immer: In Rimini ist Morgengymnastik zu esoterischen Klängen der letzte Schrei, man bietet Feldenkrais, Qi Gong und Yoga zwischen den Liegestühlen oder setzt gar komplette Streichquartette in den Sand - nur damit endlich wieder eine sanfte Stimmung aufkommt.

Was wird aus der Badewanne?

Die rigiden Strandordnungen, die in den vergangenen Tagen deutsche Touristen verschreckten, sind die paradoxe Bestätigiung für eine verbreitete Sehnsucht nach gehobener Gastlichkeit: Doch Oben-ohne-Verbote, Alkoholkontrollen, die Absage an Ballspiele und Grölereien drohen in Wahrheit auch noch die letzten der verbliebenen „Teutonici“ zu verprellen. Nachdem von den sechs Millionen Deutschen zur Jahrtausendwende bereits fast zwei Millionen wegbleiben, ändert sich auch deren Verhalten: Schon allein die endlose Reihe von Hochhäusern entlang dem badewannenlauen Meer, das erbärmliche kulinarische Angebot und der von den Italienern so geschätzte Musik- und Mopedkrach in der Nacht stehen in keinem Verhältnis zu den oft paradiesischen Verhältnissen im Hinterland, wo umgebaute Bauernhöfe, feine Osterien und viel Grün entspannenderen Urlaub versprechen.

Der Kultur- und Naturtourismus in der Toskana, in den Alpen, an den Seen Oberitaliens oder in Umbrien fängt immerhin etwas vom Kulturschock der entvölkerten Strände wieder auf. Wenigstens diese Genüsse, die Italien kaum eine Kultur streitig machen kann, verzeichnen noch gelinde Zuwächse - trotz gepfefferter Preisanstiege auch hier. Doch fällt diese Art Kurzurlaub in Frühling oder Herbst und kann die Ausfälle in der Monokultur der Küsten sowieso nicht kompensieren. Dort stehen bereits die ersten Hotelkomplexe der sechziger Jahre leer und zum Abriß, doch wie die nötigen Investitionen für großzügige Neubauten gerade in Zeiten des Abschwungs und mit einer kurzen Auslastung von gut zwei Monaten gestemmt werden sollen, weiß hier niemand. Es könnte also durchaus sein, daß die endlose Betonzeile entlang der Adria in einigen Jahren zumindest stellenweise von der Natur zurückerobert wird. Ruinen von Hotels und Wohnanlagen böten Möwen, Fledermäusen und Schwalben, die hier vom Urbanismus längst ausgerottet wurden, ohnehin einen besseren Lebensraum als den Menschen.

Quelle: F.A.Z., 18.08.2005, Nr. 191 / Seite 31
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Jahrgang 1962, Feuilletonkorrespondent mit Sitz in Wien.

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