Home
http://www.faz.net/-gqz-otl1
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Stilfragen Der Krawattenpräsident

14.04.2004 ·  Die flimmernde Krawatte, die George W. Bush während seiner Pressekonferenz am Dienstag trug, widerlegte jedes seiner Argumente. Der Garderobenfehler geriet zur Medienkatastrophe.

Artikel Bilder (7) Lesermeinungen (0)

Die Musikwelt kennt den Krawattentenor. Die weite Welt der Politik hat nun den Krawattenpräsidenten kennengelernt.

Der Krawattentenor ist ein Geschöpf, das seine Mission nur mit größtmöglichem Kraftaufwand erfüllen kann, weil ein feindlich gesinntes Kleidungsstück ihn scheinbar an der wahren Entfaltung seiner stimmlichen Gaben hindert. In Wirklichkeit ist es er selbst, der Töne abwürgt und Kantilenen zerhackt. Der Krawattentenor führt Krieg gegen den Klang.

Der Krawattenpräsident, wie George W. Bush ihn in seiner so raren wie denkwürdigen Pressekonferenz verkörperte, muß an der Krawatte anders und doch auch wieder ähnlich leiden. Weit davon entfernt, ihm auch nur scheinbar die Kehle zuzuschnüren, hat sie sich gleichwohl unheilbringend verselbständigt. Statt in dezentem Blau oder markantem Rot die präsidialen Argumente abzufedern beziehungsweise zu unterstreichen, beging Bushs Dienstagabendkrawatte den Fauxpas, seine Rede unaufhörlich zu kontrapunktieren.

Irgendwie silbrig

Sie flimmerte. Das war auf keine Leuchtdiodentechnik zurückzuführen, die ein avantgardistischer und natürlich amerikanischer Modedesigner dem männlichen Halsschmuck angedeihen ließ. Bushs irgendwie silbrige Krawatte flimmerte ihres Musters wegen, mit dem das immer noch übliche Zeilenraster des gewöhnlichen Fernsehmonitors nicht zurechtkam. Es war ein Garderobefehler, der einem Talkshowdebütanten unterlaufen mag. Aber dem durchgestylten, bis in die rollenden Schultern durchchoreographierten Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika?

Die Medienkatastrophe kommt jetzt allerdings nicht allein. Das Weiße Haus, bisher berühmt und bewundert für seine unfehlbaren Fernsehinszenierungen, wurde in den letzten Tagen und Wochen immer häufiger das Opfer einer unmanierlichen Wirklichkeit. Bilder aus dem Irak und einem Washingtoner Sitzungssaal, in dem das Vorspiel zum 11. September dissonanzenreich rekonstruiert wird, wollen nicht mit den rosigen Zukunftsvisionen des Präsidenten übereinstimmen. Er kam darum nicht umhin, der versammelten, diesmal bisweilen zähnefletschenden Presse ein paar chloroformierende Brocken vorzuwerfen.

Kein Hoffnungsschimmer

Während dessen aber flimmerte unablässig die Krawatte. Als hätten auch die Garderobiers des Weißen Hauses ihren medialen Touch verloren. Als liefen sogar im Ankleidungszimmer die Dinge aus dem Ruder. Als legte sich dem Präsidenten die Kritik schon als flimmernder Krawattenstrick um den Hals. Denn wie anders wäre das permanente Geflimmer zu deuten? Es war kein Glanz aus Innen, kein Hoffnungsschimmer.

Bush hatte sich eine flimmernde Notblinkanlage umgebunden, die immer zur unrechten Zeit unsere Aufmerksamkeit beanspruchte. Zu seinem seltsam verhauchten Anfangsstakkato der Reuelosigkeit flimmerte sie: Vorsicht, Präsidentenrede! Zu seinem traditionell ungelenken, dazu ausweichenden Beitrag zum journalistischen Frage- und Antwortspiel: Nur nicht zur Sitcom nebenan umschalten! Zu seinem Endspurt in vollem Wahlkampfkaracho: Achtung, Politikerhülsen! Die Frau, die das alles viel besser hinbekommen hätte, saß derweil versteinert in der ersten Reihe links. Sicherheitsberaterin Condoleezza Rice trug ein feuerrotes Kostüm. Sie und es strahlte Entschlossenheit und Stärke aus. Und nichts flimmerte.

Quelle: J.M. / Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 15. April 2004
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Ab in die eTonne

Von Ursula Scheer

Der „eTown-Index“ rechnet aus, in welcher Stadt Deutschlands es die meisten wirtschaftlichen Internetseiten gibt. Googles System dahinter ist ebenso durchschaubar wie verworren. Mehr