Wetten, daß auch einem Saal voller Filmkritiker, die alle Spielberg-Filme gesehen haben, kein einziger Film einfallen wird, in dem sich eine große, strahlende, erotische Frauenrolle findet? Als der erfolgreichste Regisseur der Welt sein Erscheinen in Gottschalks Couchecke zusagte, da kündigte er als Begleitung auch nicht etwa seine Ehefrau, sondern Leonardo DiCaprio und Tom Hanks an, die beiden größten männlichen Kassenmagneten Hollywoods. Und wer sich ab Donnerstag "Catch me if you can" ansieht, muß weitersuchen.
Auch in der so elegant wie leichthändig inszenierten Geschichte vom unwiderstehlichen Charme eines Hochstaplers gibt es viel Geld, schnelle Autos und reichlich Playboy-Bunnies - aber keine verführerischen Frauen mit großen Gefühlen.
Das Kino als Experimentierbaukasten
Nicht einmal Feministinnen und Gender-Jünger scheinen ernsthaft registriert zu haben, daß in Spielbergs Universum vor lauter Sauriern, Robotern und Außerirdischen etwas fehlt: Erotik und die große Liebe. Klar, Julia Roberts hat in "Hook" (1991) mitgespielt, und aus Drew Barrymore, dem kleinen Mädchen in "E.T.", ist eine Schönheit geworden. Goldie Hawn verströmte vor vielen Jahren in "The Sugarland Express" (1974) eine leicht vulgäre Erotik, und nach "Indiana Jones und der Tempel des Todes" (1984) konnte man immerhin ahnen, warum Spielberg Kate Capshaw bald nach den Dreharbeiten heiratete. Doch was ist mit Julianne Moore oder Laura Dern, die eher fürchten als flirten und dabei in suppenschüsselgroße T-Rex-Augen schauen mußten?
Daß Filmemachen vor allem heißt, mit schönen Frauen schöne Dinge zu tun, hat ausgerechnet François Truffaut gesagt, der das Hollywood-Kino liebte und in "Unheimliche Begegnung der dritten Art" (1977) einen Sprachforscher spielte. Bei Spielberg ist das Kino dagegen der größte Experimentierbaukasten, den je ein Junge hatte, und deshalb sind seine Helden Kinder oder Männer, die nicht erwachsen werden wollen wie Peter Pan.
Kein Knistern für DiCaprio
Die Frauen sind zumeist Mütter oder entrückte, geschlechtslose Wesen, und wo Sexualität auftaucht, ist sie eher bedrohlich. Diese weiblichen Wesen leben, wie zuletzt in "Minority Report" (2002), in einem idyllischen Haus am See, wo das Licht heller und sanfter ist, während die Männer eine bläulich-kalte, technoide Welt bewohnen.
Deshalb läßt sich über Steven Spielberg sagen: Er kann im Kino alles bis auf eines. Er kann im selben Jahr, 1993, "Jurassic Park" und "Schindlers Liste" drehen, er kann innerhalb der letzten achtzehn Monate mit "A.I. - Künstliche Intelligenz", "Minority Report" und "Catch me if you can" drei sehr erfolgreiche Filme ins Kino bringen. Doch er scheitert daran, dem größten Mädchenschwarm der Welt, Leonardo DiCaprio, in 140 Minuten eine einzige, knisternde erotische Szene zu verschaffen. Keiner jener magischen Blicke, die im Kino zugleich die Augen des Zuschauers treffen wie die des Gegenübers auf der Leinwand, kein Moment höchster Entflammbarkeit.
Als nur Fliegen noch schöner war
Auch Frank Abagnale, dessen wahre Geschichte der Film erzählt, kann alles bis auf das Eine. Zwischen seinem 16. und 21. Lebensjahr fälschte er Schecks im Wert von zweieinhalb Millionen Dollar, er narrte die Polizei in zahlreichen Ländern, indem er mit unglaublicher Chuzpe einen Flugkapitän, einen Arzt und einen Anwalt verkörperte, aber auch einen Secret-Service-Agenten oder einen College-Lehrer improvisierte. Frank ist ein nostalgischer Held, dessen Karriere 1964 beginnt, im selben Jahr, als Blake Edwards erstmals seinen "Pink Panther" losließ, dem der Vorspann von "Catch me if you can" eine schöne Hommage erweist. Flugreisen galten noch als Sex in der Luft, Flugbegleiterinnen hießen noch Stewardessen, und James Bond war ein amtliches Rollenmodell.
Alles dreht sich in dieser Welt ums Make-believe. Wenn DiCaprio in dunkelblauer Uniform, im weißen Kittel oder hellen Sommeranzug seine Umwelt etwas glauben macht, was er nicht ist, macht er es zugleich uns glauben. Ein professioneller Schauspieler, der ein Naturtalent spielt, das zwischen seinen Rollen im Alltag virtuoser wechselt als jeder Profi. DiCaprio fühlt sich dabei sichtbar wohler als in Scorseses "Gangs of New York". Doch was seine Figur quält, das macht all die Leichtigkeit und den Charme, die Luftschlösser und Hochstapeleien zum Deckbild eines Traumas. Denn Frank ist, wie so viele Spielberg-Kinder, ein Scheidungskind. Als sich die Eltern trennen, haut er ab.
Der Lernschwester erlegen
Natürlich folgt er unbewußt den Spuren des Vaters, eines erfolglosen Geschäftsmannes, der aus Verzweiflung seiner Familie etwas vorschwindelte. Man muß nur sehen, mit welcher Sorgfalt und Großzügigkeit Spielberg das späte Wiedersehen von Sohn und Vater (ein grandioser Christopher Walken) inszeniert. Aber man muß noch genauer hinsehen, wie DiCaprio auf dem hier abgedruckten Bild schaut. Der Blick geht in eine unbestimmte Ferne, wo doch die Verführung so nah ist und Brenda (Amy Adams) sich alle Mühe gibt. Daß er ausgerechnet diese kindliche Lernschwester mit der Zahnspange heiraten will, die ihn beim ersten Mal mit ihrer erotischen Offensive verstört hat, ist im DreamWorks-Reich konsequent - und kaum zu glauben angesichts der Möglichkeiten, die ihm offenstehen.
Wenn Frank gefaßt und in die Vereinigten Staaten überführt wird, entwischt er, um an Weihnachten seine Mutter aufzusuchen, die wieder geheiratet hat - ein Bild hinter einer beschlagenen Scheibe, eine unerreichbare Ferne, die um so exotischer wirkt, als Nathalie Baye, die Französin, seine Mutter spielt. Das Bild bleibt stumm wie die blaue Fee in "A.I.", die dem kleinen Androiden, der zuviel von Pinocchio gehört hat, den Wunsch verwehrt, ein wirklicher Junge zu sein. Erfüllen werden ihm seine Sehnsucht erst Außerirdische.
Spielberg und die Zeichen der Zeit
So bleibt die Frau nicht bloß in Spielbergs letzten drei Filmen ein, wenn nicht dunkler, dann doch sehr ferner Kontinent, den kein Abenteurer je erreicht. Sie ist ein verwischtes, weichgezeichnetes Bild wie die Mutter in "Der Soldat James Ryan" (1998), oder sie ist eine ätherische Erscheinung aus dem Jenseits wie Audrey Hepburn in "Always" (1989). Man muß gar nicht erst ödipale Dreiecke und libidinöse Besetzungen beschwören, um in Spielbergs globalisiertem Kino immer wieder auf diesen unentdeckten Kontinent zu stoßen. Die Geschichten fallen einem zu, die Anekdoten aus den siebziger Jahren, als Spielberg ins New Hollywood der Drogen und der Libertinage kam. Da setzte sich eines Tages, lange vor den "Dallas"-Zeiten, das unbekannte Starlet Victoria Principal in der Studiokantine zu Spielberg an den Tisch.
"Ich würde Sie gerne näher kennenlernen", sagte ihre Stimme, und ihr Körper sprach: "Ich geh' mit dir ins Bett, wenn ich eine Rolle bekomme." So recht wußte Spielberg damals diese Zeichen nicht zu deuten, wenn man Peter Biskinds Buch "Easy Riders, Raging Bulls" glaubt. Wie ein spätes Echo dieser semiotischen Verwirrung wirkt jene Szene in "Catch me if you can", in der Frank auf dem Hotelflur ein Edel-Callgirl trifft. Sie macht ihm ein verlockendes Angebot, das ihn in den unsicheren Teenager zurückverwandelt, der er ist - und er zieht sich aus der Affäre, indem er auch sie mit einem gefälschten Scheck bezahlt.
Das ausgedünnte Laster
Man kann in "Catch me if you can" mühelos ein kleines Gleichnis auf Steven Spielbergs Kino erkennen. Auch hier will Peter Pan nicht recht erwachsen werden und versucht, sich im Neverland der Adoleszenz einzurichten. Doch am Ende hat die väterliche Ordnung ihn eingeholt. Niemand hat Frank besser verstanden als sein langjähriger Verfolger, den Tom Hanks als humorlos-integren Mann des Gesetzes spielt. Er stellt ihn, und er holt ihn wieder aus dem Gefängnis, damit Frank künftig als Experte für Dokumentenschutz und Scheckbetrug beim FBI arbeiten kann. Doch wenn man nur ein wenig in der Lebensgeschichte des realen Frank Abagnale blättert (Heyne Verlag, 7,95 Euro), dann fällt einem schon auf den ersten Seiten auf, wo die Vorlage ausgedünnt wurde.
"Frauen wurden mein einziges Laster. Ich genoß sie in vollen Zügen und konnte nicht genug von ihnen bekommen", heißt es da, "Don Juans Triebe waren im Vergleich zu meinen nur schwach ausgeprägt." Im Film kehrt diese symptomatische Auslassung in einem Umkehrbild wieder: Da flaniert DiCaprio im Pilotenoutfit durch einen Flughafen, und als Sichtschutz vor seinen Verfolgern dienen ihm zehn Stewardessen in hellblauer Uniform. Er ist mittendrin, doch nie dabei.