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Ein Gespräch mit Steven Soderbergh : Wer ins Hospital kam, hatte gute Chancen zu sterben

  • -Aktualisiert am

Steven Soderbergh am Set von „The Knick“ Bild: Getty Images

Erst wollte Soderbergh sich aus der Filmbranche zurückziehen, nun hat er die Krankenhausserie „The Knick“ gedreht. Sie spielt im Jahr 1900 und spart nicht mit Drastik. Ein Gespräch über falsche Nostalgie, Amazon als Produzent und miese Charaktere.

          Mr.Soderbergh, es ist überraschend, zu hören, dass Sie ein Mediziner-Drama fürs Fernsehen drehen.

          Warum? An diesem Punkt sollte eigentlich nichts mehr von dem, was ich mache, irgendjemanden schockieren.

          Sie haben vor nicht allzu langer Zeit verkündet, sich völlig von der Filmemacherei zurückziehen zu wollen.

          Ja, stimmt. Vor elf Monaten hätte ich mir kaum vorstellen können, jetzt hier zu sitzen und über eine Fernsehserie zu sprechen. Mich hat es mein ganzes Leben lang immer dahin gezogen, wo es etwas Aufregendes gab, etwas, das mich reizte. Nun muss ich unglücklicherweise allen erklären, warum ich wieder an der Arbeit bin. Aber ich bin froh, dass das so ist.

          Was reizt Sie an „The Knick“? Die Geschichte handelt von Ärzten in einem New Yorker Hospital im Jahr 1900.

          So etwas hatte ich einfach noch nicht gesehen. Krankenhaus-Dramen kennt man, Kostümfilme sind nichts Neues, aber dieser Zugang, das war mal was ganz anderes. Ich fand es aufregend, dass dies ein Genrestück ist – in einem Genre, das vielleicht zum erfolgreichsten im Fernsehen zählt. Aber hier betrachtet man das Thema durch eine andere Linse. Und als Filmemacher reizte mich, dem eine Ästhetik zu geben, die es vom typischen Krankenhaus-Drama absetzt.

          Sie unterlegen das Jahr 1900 zum Beispiel mit elektronischer Musik.

          Es existiert keine Stelle, an der ich mir ein Saiteninstrument in dieser Serie wünsche – dieser Gedanke war mein Ausgangspunkt. In der Eröffnungssequenz erwacht Clive in einer Opiumhöhle, nimmt die Kutsche zur Arbeit und setzt sich erst mal einen Druck. Ich dachte: Was nimmt der Mann auf dem Weg wahr, und wie bringe ich ein zeitgenössisches Publikum dazu, sich so zu fühlen wie er? Alles – die Filmarbeit, der Schnittrhythmus, die Musik – soll dem Zuschauer zu verstehen geben, dass die Erfahrungen dieser Figur im New York von 1900 genauso sind wie unsere heute: Wow, was für eine irre Zeit!

          Schon der Auftakt ist so blutig, dass sich Zuschauer bei der Pressevorführung abwandten. Was beabsichtigen Sie damit?

          Für mich gibt es eine Trennlinie zwischen anschaulich und zweckfrei. Ich wollte diese Serie visuell drastisch gestalten. Das war damals die Realität, man kann ja nicht so tun, als wäre es nicht so. Ich habe kein Problem damit, dass manche Leute in manchen Szenen wegschauen müssen. Kostümfilme tragen oft diese Nostalgie vor sich her: Ach, die gute alte Zeit! Nein, diese Serie soll man mit dem Gedanken gucken: Gott sei Dank lebe ich nicht in dieser Zeit! Wer damals krank genug war, um in die Klinik zu müssen, hatte gute Chancen zu sterben. Das Leben war brutal, der Tod war allgegenwärtig, so ging es eben.

          Mit Dr.Stanley Burns stand Ihnen ein Berater zur Seite, der Ihnen sein umfangreiches Archiv medizinischer Fotografien zur Verfügung stellte. Wie stark haben Sie sich daran orientiert?

          Diese Serie ist ohne Stanleys Archiv undenkbar. Allein die Aufnahmen der Ärzte im Operationssaal, die da ohne Mundschutz herumstehen – großartig für einen Regisseur, man kann die Gesichter sehen! Wir konnten einfach Stanley anrufen und fragen: Woran haben die sich damals die Zähne ausgebissen? Er machte verschiedene Vorschläge und schickte uns Fotos. Eines zeigte eine Darmvernähung. Er sagte, das sei damals sehr schwierig gewesen. Er zeigte uns das Instrument, das jemand erfand, um die beiden Enden des Darms festzuhalten, während sie vernäht wurden. Großartig.

          Sie haben mal gesagt, Kunst sei eigentlich Problemlösung. Ist das ein Aspekt, der Sie an der Medizin der vorletzten Jahrhundertwende interessierte?

          Vor allem, dass diese Leute versuchten, eine Methodologie der Problemlösung zu erschaffen. Sie befinden sich in den frühen Stadien dessen, was heute Standardprozeduren der Diagnostik sind. Gott sei Dank hatten sie ein Anästhetikum. Äther war ziemlich gefährlich, aber zumindest konnte man die armen Menschen betäuben.

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