Unser Körper hält einiges aus, der Geist nicht. Das ist, über den therapeutischen Daumen gepeilt, die Geschäftsgrundlage der medizinischen Ratgeberliteratur. Der Mensch hört erst auf, nach Tipps zur Lebensbewältigung zu suchen, wenn er eins achtzig tiefer liegt. Aber selbst dahin wird er mittlerweile auf den Händen einer vollkommen enttabuisierten Buchindustrie getragen.
Kontemplatives Siechtum
Das Sterbehilfe-Buch eines Marburger Neurobiologen und eines holländischen Psychiaters etwa, in dem das organisierte Verrecken durch Verdursten und Verhungern propagiert wird, ist jetzt in zweiter Auflage erschienen. „Selbstbestimmtes Sterben durch freiwilligen Verzicht auf Essen und Trinken“ steht im Untertitel, es beschreibt ein Verfahren, das sich als Handlungsempfehlung für eine Gesellschaft versteht, in der die demographische Selbstreinigung durch „Sterbefasten“ gerechtfertigt werden soll.
Man könnte es auch Heilsterben nennen, was der Düsseldorfer Philosoph Dieter Birnbacher als praktische Vollendung des Schopenhauerschen Diktums im Geleitwort formuliert: Die „Selbstverneinung des Willens“ sei nur in der Form des „aus dem höchsten Grade der Askese freiwillig gewählten Hungertods“ umzusetzen. Magersüchtige und Hungerstreikende sind ausdrücklich ausgenommen; für junge Menschen bedeute es „unerträgliche Qualen“.
Von Todessehnsüchten getriebenen Alten hingegen wird ein kontemplatives Siechtum versprochen, wenn auch „nicht ganz frei von Leiden“. Der Tod tritt demnach, je nachdem ob der Sterbewillige im Endstadium einer Krankheit ist oder physisch noch einigermaßen auf der Höhe, in drei Vierteln der Fälle innerhalb von sechzehn Tagen ein; ein Fünftel stirbt nach einem Monat. Mundhygiene ist das Wichtigste in dieser Zeit. Eiswürfel gegen Blasen und Geschwüre, wahlweise auch zuckerfreie „Eis-Lollys“, Wattestäbchen mit Chlorhexidinlösung gegen Pilze, schließlich Schmerz- und Sedierungsmittel, und - für alle, die zu Hause das Zeitliche segnen wollen - ein „Berichtsheft“ anlegen, in dem alle „Maßnahmen und Vorkommnisse“ festgehalten werden. Auf die Möglichkeit, ein Sterbeprotokoll mit HD-videofähigem Smartphone anzufertigen und den Verlauf jedes „gelungenen“ Suizidversuchs exakt zu dokumentieren, wird nicht weiter eingegangen.
Dafür kommt ein sechsundachtzigjähriger, rüstiger Jurist namens E. zu Wort, für den das Leben ein Jahr nach dem Krebstod seiner Frau im Seniorenheim „eine Wüste geworden“ sei. Elf Tage hat es gedauert, dann war er verdurstet.
Das ist doch einfach furchtbar
Gerhart Hase (LetzterHase)
- 20.07.2012, 23:21 Uhr