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Sterbedebatte : Gefüttert und abgeputzt

Nicht selbstbestimmt, sondern fremdbestimmt verbringen wir meist den letzten Lebensabschnitt. Bild: dpa

Selbstbestimmung ist häufig das letzte Argument in der Sterbedebatte. Das restlos autonome Leben ist aber eine Fiktion. Der Wille zum selbst verfügten Tod zeigt ein fatales Misstrauen in die Gesellschaft.

          Jeder will es: das selbstbestimmte Leben. Autonomie und Aufklärung scheinen derart eng miteinander verbunden, dass das eine ohne das andere nicht zu denken ist. Davon unberührt sind die Abstriche, die wir täglich am Ideal der Selbstbestimmung machen. Welche Eltern, die ein Kleinkind versorgen, würden sich ohne weiteres als selbstbestimmt bezeichnen? Im günstigsten Fall sagen sie: Wir haben es so gewollt. Gegenseitige Angewiesenheit, wie sie in jeder Partnerschaft, in jedem Arbeitsverhältnis spürbar ist, macht das Leben aus. Leben ist, angefangen bei den kleinsten Gesten der Dankbarkeit und Anerkennung, nur in Abhängigkeiten überhaupt erfahrbar. Das ist die Pointe der Sozialisation.

          Christian Geyer-Hindemith

          Redakteur im Feuilleton.

          Umso mehr erstaunt der propagandistische Ton, in dem das Sterben an die Semantik der unbedingten Selbstbestimmung angeschlossen wird. Hier, beim Ausstieg aus dem Leben, soll nun also plötzlich ohne jede Einschränkung der Autonomie verfahren werden, als wären ausgerechnet an das Sterben völlig andere, eben absolute Maßstäbe der Autonomie anzulegen als die eingeschränkten, die man vom Leben her kennt. Ist Sterben nicht gerade der Verlust jeder Stärke, das ultimative Schwinden der Kräfte, die Erfahrung des Angewiesenseins in ihrer radikalen Form? Wann würde sich die Selbstbestimmungsrede zuverlässiger desavouieren als im Kontext des Todes? Ist die Forderung nach absoluter Autonomie möglicherweise viel zu abstrakt für diese Lage extremer Not, in der sich Menschen befinden, die lieber nicht mehr sein wollen?

          Immanuel Kant wird für ein solches, völlig losgelöstes Autonomieverständnis übrigens zu Unrecht beansprucht. Sein Begriff von der Autonomie des Willens lehnt sich konsequent an die ursprüngliche, politisch-rechtliche Bedeutung an: Selbstbestimmung im Rahmen von übergeordneten Abhängigkeiten. Als Kronzeuge einer Lesart, die Autonomie als generelle, absolute Selbstgesetzgebung begreift, steht Kant nicht zur Verfügung.

          Fiktion der Autonomie

          In der Öffentlichkeit wird der Suizid prominenter Persönlichkeiten oft so geschildert, als wäre damit der entscheidende Test auf die Autonomie bestanden worden - von der Tragik des Geschehens keine Spur. Muss man da nicht stutzig werden? „Ein selbstbestimmtes Leben bis zum Schluss“, teilte etwa der Nachrichtensprecher mit, als neulich der Freitod des Feuilletonisten Fritz Raddatz zu vermelden war. Ähnliches vernahm man beim Tod von Udo Reiter oder Brittany Maynard.

          Sie starben, wie sie es für richtig hielten. Aber welchem Außenstehenden stünde es zu, für die Auslöschung eines anderen Selbst die Selbstbestimmung zu bemühen? Wer kann wissen, was einen Menschen in den Tod treibt, was hinter dem erklärten Beweggrund steckt? Sich dieses Wissen anzumaßen und das Geschehen dann kurzerhand mit der Autonomiefloskel abzufertigen ist ein leichtfertiges Sprechen, egal, was der Tote selbst zu Lebzeiten über sein Sterben gesagt haben mag.

          „Die Fiktion eines bis zuletzt aufrechterhaltenen Lebens in totaler Unabhängigkeit scheint mir eher eine Gefährdung des guten Lebens zu sein“, schreibt der Philosoph und Arzt Giovanni Maio. „Denn man verdrängt hierbei die schlichte Tatsache, dass der Mensch von Anfang an und durch sein ganzes Existieren hindurch ein angewiesenes Wesen ist.“ Die Tendenz, das Angewiesensein auf die Hilfe Dritter als Ende der Autonomie zu deuten, ist ein Phantasma zum Tode. Warum sollte es der Selbstbestimmung zuwiderlaufen, den Tod abwarten zu wollen, statt ihn mit Patrone oder Pille herbeizuführen? Die ars moriendi, die Kunst des Sterbens, richtet sich gerade darauf, mit dem Kontrollverlust umzugehen, statt sich umzubringen, wenn man nicht mehr alles im Griff hat. Ist der Wille, seine Schwäche zu ertragen, etwa kein Ausdruck von Autonomie? Will man religiösen Naturen die Selbstbestimmung absprechen, wenn sie bei allen lebenserhaltenden Maßnahmen, die sie beanspruchen oder deren Einstellung sie verlangen, ihr Sterben in die Hände Gottes legen?

          Labilität als menschliche Existenzform

          Er möchte „nicht als Pflegefall enden, der von anderen Leuten gefüttert und abgeputzt werden muss“, erklärte Udo Reiter mit geschlossenen Augen auf Plakaten, die Werbung für den Suizid machen. Welch ein Affront, nicht nur gegen die Pflegedienste und die Angehörigen, die sich kümmern, sondern auch gegen die conditio humana, die in ihrer Schwäche aufs Füttern und Abputzen schlicht angewiesen ist. Natürlich kann man sich über seine Bedingtheiten hinwegsetzen, indem man sich rechtzeitig wegspritzt oder über den Haufen schießt. Aber eine Gesellschaft, für die Selbstbestimmung nur heißt, alles im Griff zu haben, hat als Kontrollgesellschaft schon verloren, im Leben wie im Sterben.

          Die Diagnose der Schwäche ist eben nicht nur eine Tatsache. Sie geht mit einer Bedeutungszuschreibung einher. Gefüttert und abgeputzt zu werden, depressiv und dement zu sein - alles kommt darauf an, in solchen Labilitäten menschliche Existenzformen zu sehen und nicht deren Degeneration. Man kann sich der beunruhigenden Frage nicht entziehen: Was bedeutet es für den Lebensimpuls einer Gesellschaft, wenn sich Selbstbestimmung in der Vernichtung des Selbst erfüllt? Hat sich da ein Autonomie-Ideal nicht ad absurdum geführt?

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