Home
http://www.faz.net/-gqz-112yc
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Sterbehilfe Letzte Station für Lebensmüde

17.11.2008 ·  Die gelockerten Regeln der Schweizer Sterhilfe-Organisation „Exit“ führen dazu, dass auch Menschen ohne tödliche Krankheit Suizidbeihilfe suchen. Lebensmüdigkeit und ein allgemein schlechter Gesundheitszustand tauchen immer häufiger als Motiv für den begleiteten Suizid aus.

Von Ludger Fittkau
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (2)

Immer mehr alte Menschen ohne gefährlichen Krankheitszustand nehmen in Zürich die Dienste von Sterbehilfeorganisationen in Anspruch. Zu diesem Ergebnis kommt eine neue Studie von Wissenschaftlern der Universität Zürich und der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW). Die vom Schweizerischen Nationalfonds finanzierte Studie untersucht Züricher Sterbehilfefälle in den Jahren zwischen 2001 und 2004. Dabei geht es um 274 Menschen, bei denen die Organisation „Dignitas“ Suizidbeihilfe geleistet hat und um 147 Personen, die von dem Sterbehilfeteam der Konkurrenzorganisation „Exit“ in den Tod begleitet wurden.

„Lebensmüdigkeit und ein allgemein schlechter Gesundheitszustand haben bei älteren Menschen aus der Schweiz an Bedeutung gewonnen als Motiv dafür, Suizidbeihilfe zu suchen“, so das Fazit der Soziologin Susanne Fischer. Bei den Patienten, die Sterbehilfedienste in Anspruch nehmen, obwohl sie nicht an einer tödlichen Krankheit leiden, handele es sich meist um alte Menschen mit mehreren diagnostizierten Krankheiten, rheumatischen Beschwerden oder Schmerzsyndromen.

Gelockerte Sterbehilfepraxis

Susanne Fischer verweist zur Erklärung auf die gelockerte Sterbehilfepraxis der Organisation „Exit“. Diese habe sich „aufgrund der großen Nachfrage“ in den neunziger Jahren für alte, lebensmüde Schweizer geöffnet. Von 1990 bis 2000 verzeichnete „Exit“ 22 Prozent Sterbewillige, die nicht an einer tödlichen Krankheit litten. Zwischen 2001 und 2004 machten diese ein Drittel aller Fälle aus. Im gleichen Zeitraum stieg bei „Exit“ auch das Durchschnittsalter von 69 auf 77 Jahre.

Dass es immer wieder über achtzigjährige, nicht todkranke Menschen gäbe, die den Wunsch nach Suizidbeihilfe äußern, wisse man aus Studien in den Niederlanden, so Fischer. Dort sei die Suizidbeihilfe allerdings völlig in Ärztehand - und die holländischen Ärzte kämen solchen Sterbewünschen kaum je nach, weil es ihrer Berufsethik widerspräche, jemandem sterben zu helfen, der keine tödliche Krankheit hat. „Im Unterschied dazu scheint man in unserem System, wo Sterbehilfeorganisationen eine wichtige Rolle spielen, eher bereit, Suizidbeihilfe auch für nicht todkranke alte Menschen zuzulassen“, so die Züricher Soziologin.

Mehr Frauen als Männer nehmen Sterbehilfe in Anspruch

Die Ergebnisse der Studie bestätigen den schon früher festgestellten deutlichen Geschlechterunterschied bei der aktiven Sterbehilfe: Deutlich mehr Frauen als Männer nahmen in der Stadt Zürich die Suizidbeihilfe in Anspruch (Dignitas: 64 Prozent; Exit: 65 Prozent). In den neunziger Jahren sei die Verteilung bei Exit mit einem Frauenanteil von 52 Prozent noch ausgeglichen gewesen. „Die Analyse der Gründe ist noch nicht abgeschlossen“, erläutert der Pflegewissenschaftler Lorenz Imhof. Die Forschenden vermuten, dass ein Faktor die höhere Lebenserwartung von Frauen ist. Aus Suizidstatistiken ist seit langem bekannt, dass sich Männer häufiger selber umbringen.

Die Schweizer Sterbehilfeorganisation „Exit“ kritisiert, dass die Zahlen der Studie sich ausschließlich auf die Stadt Zürich beziehen. „Die sind nicht repräsentativ für die Schweiz“, erklärte Exit-Vorstandsmitglied Bernhard Sutter. Im langjährigen Schweizer Schnitt beträfen Sterbebegleitungen zu 55 Prozent Frauen und zu 45 Prozent Männer.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Ab in die eTonne

Von Ursula Scheer

Der „eTown-Index“ rechnet aus, in welcher Stadt Deutschlands es die meisten wirtschaftlichen Internetseiten gibt. Googles System dahinter ist ebenso durchschaubar wie verworren. Mehr