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Stephen Kings Musical „Ghost Brothers“ Blut an Gitarristenhänden

 ·  Stephen King hat ein Musical geschrieben, John Mellencamp hat es komponiert, T-Bone Burnett hat es eingespielt. Das Ergebnis ist Allan Poe, Nathaniel Hawthorne, vor allem aber: „windschiefe Hütte im Wald“.

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© Hear Music Vergrößern Patina und Aura sind zwei Jungs: Cover des „Ghost Brothers“-Albums.

Wer die Kulturgeschichte ländlicher nordamerikanischer Jugendrenitenz - wie immer man das Ding nennen will: Countrypunk? Rock ’n’ Rage? Wrathabilly? - schreiben will, muss nicht bei Adam und Eva anfangen. Sondern bei Kain und Abel: Bruder Farmer schlägt Bruder Cowboy tot - und findet seitdem keine Ruhe mehr. Der Rest ist Western, Motorradoper, steiniger Weg zu Gott oder sonst eine fesselnde Moritat.

Von Brudermord handelt auch das gruselarchäologische Opus „Ghost Brothers of Darkland County“, uraufgeführt letztes Jahr im Alliance Theatre in Atlanta, Georgia, demnächst auf Tour, als flexible Songfolge komponiert von John Mellencamp, als „Southern Gothic Supernatural Musical Libretto“ gedichtet von Stephen King, fürs Plattenarchiv auf Haltbarkeit veredelt vom Gitarristen, Sänger und Produzenten T-Bone Burnett.

Dieser Satan ist eigentlich zu intelligent

„Gothic“ bedeutet im Wortschatz dieser drei knorrigen, aber kunstkompetenten Alten nicht „Kathedrale“, sondern Edgar Allan Poe, Nathaniel Hawthorne, vor allem aber: „windschiefe Hütte im Wald“. Mellencamp besaß vor Zeiten tatsächlich so einen Schuppen, wie er in „Ghost Brothers of Darkland County“ irgendwo in Mississippi steht. Ganz wie in „Ghost Brothers“ hatten sich auch in Mellencamps Bretterbude, bevor er sie erwarb, zwei Brüder um eine Frau gestritten, bis der eine den anderen umbrachte, woraufhin das flüchtige Pärchen bei einem Autounfall ums Leben kam.

Hinter so was steckt natürlich der Teufel, genauer: seine nordamerikanische, von Ureinwohnerfolklore inspirierte Version als fintenreiche, quecksilbrige Trickster-Gottheit, auf der „Ghost Brothers“-Platte von Elvis Costello ohne Pech-und-Schwefel-Brimborium, eben deshalb aber mit großer Bannkraft dargeboten - dieser Satan ist eigentlich zu intelligent, dauernd Unfrieden unter den Menschen stiften zu sollen, und hat den Job sogar ein bisschen satt - der Leibhaftige, ja, „that’s me“, schnauf, ächz, „Baby, that’s me“.

Gespenstererzählungen handeln von Erbschaften, die niemand haben will, vom Zwang, damit zurechtkommen zu müssen, dass die Welt nicht erst seit heute Morgen besteht. Stephen Kings Auskünfte zu „Ghost Brothers“ sind vor diesem Hintergrund von faustdicker Bescheidenheit: „Die Handlung ist einfach. Der überlebende dritte Bruder kommt mit seinen Söhnen in die Hütte. Sie haben Probleme, die sie klären müssen, und die Gespenster wollen ihnen helfen.“

Nun ja, „helfen“, so kann man das auch sagen - das Karma des Südens: Ob ihr wollt oder nicht, wir, die Geister, zwingen euch, Verantwortung zu übernehmen für Gewalt, White Trash, schwarze Seele, Sumpf, Holz und die großartige Musik, die aus alledem zusammengekocht werden kann: „Das Ding spielt im Nebel“, sagt T-Bone Burnett, „also wollte ich einen Sound, der tief ist, aber eben auch“ - und dann kommt ein Wort, das man nicht übersetzen soll -: „groovin’“.

Es hat geklappt, die musikalischen und schauspielerischen Fachkräfte, die man fürs „Ghost Brothers“-Album ins Studio gepfercht hat - von der erdigen Stimme des schwarzen Blues- und Bußpredigers Taj Mahal bis zur versierten Unschuldsdarstellerin Meg Ryan -, mussten sich Produktionsbedingungen anpassen, die zuletzt in der Ära der legendären Sun Records (Elvis! Johnny Cash! Jesus Christ!) unangefochten herrschten: ein Mikrofon, gearbeitet wird live, was nicht sitzt, muss man eben wiederholen. Burnetts Gitarre klingt in solcher Klangregie, wie Dylans Gitarre klang, als er sich eben entschlossen hatte, sie zu elektrisieren.

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