Der Kampf ums digitale Buch ist spannend wie ein Thriller. In dieser Story gibt es Haupt- und Nebenfiguren, dazu Wiederholungen, retardierende Momente sowie, natürlich, ein allseits beliebtes Opfer und viele, die als Täter in Frage kommen. Richtig spannend aber wird es, wenn sich Stephen King einschaltet. Denn als King im Jahr 2000 als erster bekannter Autor mit „Riding the Bullet“ ein eigenes Werk ausschließlich im Internet veröffentlichte, löste er einen beispiellosen Hype aus, der die Server zusammenbrechen ließ. Jetzt geht der Meister des atemraubenden Romans, der zudem ein Freund elektronischer Spielereien ist, den umgekehrten Weg. Seinen nächsten Roman will King, wie er auf seiner Website verkündet, allein auf Papier herausbringen.
„Joyland“ ist die Geschichte eines Collegestudenten, der sich 1973 auf den Jahrmarkt einer amerikanischen Kleinstadt verirrt, wo sich die Wege eines Mörders und eines sterbenden Kindes verhängnisvoll kreuzen. Es sei eine klassische Werwar’s-Geschichte, erläutert Kings Verleger Charles Ardai, die im Schausteller-Milieu spielt, vom Groß- und Altwerden erzählt und davon, dass einige das nicht schaffen, weil sie zu früh sterben. Seine überraschende Offline-Offensive begründet Stephen King mit seiner Liebe zu den alten, schmuddeligen Krimi-Taschenbüchern, die er als Kind verschlungen habe. Als King an jenem denkwürdigen Märztag 2000 zum Erscheinen von „Riding the Bullet“ im Internet befragt wurde, erklärte er noch sorglos, er sei gespannt auf die Reaktionen und darauf, ob das die Zukunft sei.
Zwei Tage später hatten eine halbe Million Menschen den Roman heruntergeladen, und es mag sein, dass der Pionier des digitalen Publizierens inzwischen selbst Angst vor den Geistern hat, die er damals rief. Ganz bestimmt will er mit seinen mehr als vierhundert Millionen verkauften Büchern als größter Thrillerautor seiner Zeit in die Annalen eingehen und nicht als Totengräber des gedruckten Buchs. Weil aber Geschichte sich manchmal wiederholt, könnte es sein, dass es im Juni 2013, wenn „Joyland“ erscheint, zum Sturm auf die Buchhandlungen kommt, was ja nicht das schlechteste Getöse wäre. Und in einem muss man Stephen King unbedingt zustimmen: Die Erinnerung an Kindheitslektüre ist zweifellos eindringlicher, wenn sie an bunte Bilder geknüpft ist, an den Geruch von Papier und schlechtem Leim. Wer denkt schon gern an das Gefühl von Plastik in der Hand?