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Mittwoch, 19. Juni 2013
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Stéphane Hessel Verbot in Paris

 ·  Auf ministerielle Anordnung und auf Antrag des französischen Zentralrats der Juden ist eine Pariser Veranstaltung mit Stéphane Hessel, von dessen Pamphlet „Empört euch!“ mittlerweile mehr als eine Million Exemplare verkauft wurden, abgesagt worden. Eine Bankrotterklärung der Menschenrechtspolitik.

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Der 93 Jahre alte Stéphane Hessel, dessen Pamphlet „Empört euch!“ die Millionengrenze passiert hat, ist ein vielgefragter Mann. Täglich tritt er in den französischen Medien auf. Doch eine öffentliche Diskussion, die an diesem Dienstagabend in der Pariser Ecole Normale Supérieure hätte stattfinden sollen, wurde abgesagt. Von höchster Stelle: auf Anordnung der Ministerin Valérie Pécresse, der die Universitäten unterstehen. Und auf Antrag des Zentralrats der französischen Juden (Crif).

Das Verbot der Veranstaltung zeugt vom giftigen Klima in Frankreich. Einerseits hat der wohltuende Aufschrei der kleinen Streitschrift eine kollektive Gesinnungsdemonstration ausgelöst, die von der französischen Öffentlichkeit in den Dimensionen eines gesellschaftlichen Massenphänomens zelebriert wird. Andererseits ist diese Öffentlichkeit zu einer rationalen Debatte kaum noch fähig.

Die Panik im Regierungslager hat mit Hessels Popularität und Parteinahme für die Sozialistin Martine Aubry und gegen Sarkozy zu tun. Die erste Kritik an der neuen Lichtgestalt formulierte der inoffizielle intellektuelle Sprecher des Präsidenten, der Philosoph und frühere Bildungsminister Luc Ferry im „Figaro“: „Gefährlich“ sei es, mit den Emotionen Politik zu machen. Aber ein anderes Programm scheint die Politik gar nicht mehr zu kennen.

Der Zentralrat feiert das Verbot als Sieg und nimmt ihn für sich in Anspruch. In seiner Erklärung zitiert er die Philosophen Bernard-Henri Lévy und Alain Finkielkraut. Die bekannten Advokaten eines kämpferischen Universalismus hatten sich darüber empört, dass der Autor des Empörungsaufrufs für einen Boykott Israels eintritt.

Den Sohn des zum Protestantismus konvertierten Schriftstellers Franz Hessel hält der Zentralrat nicht nur unterschwellig für einen Verräter. Wer seine Meinung teilt, wird des „intellektuellen Terrorismus“ bezichtigt. Ihn wiederum macht die Jüdin Esther Benbassa, die den Boykott ablehnt, beim Zentralrat selbst aus. Er wolle die Franzosen auf die „nationalistische Wende“, die „rechtsextreme“ Politik Israels einschwören: „Der Crif terrorisiert die Juden und schüchtert die Nichtjuden ein. Mit Antisemitismusvorwürfen, Ausschließungen, Prozessen.“

Die Befürchtung möglicher Ausschreitungen kommt im Kommuniqué des Zentralrats nicht vor. Mit dieser Sorge begründet die Ministerin das Veranstaltungsverbot. Der von der Regierung angeordnete Eingriff in die Redefreiheit ist eine moralische Bankrotterklärung der Menschenrechtspolitik. Und ein neuer Anlass zur Empörung.

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Jahrgang 1951, Kulturkorrespondent mit Sitz in Genf.

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