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Stefan Niggemeier Eine Lüge zuviel

25.07.2004 ·  Um einen größeren Effekt zu erzielen, erzählt Moore eine Lüge. Einen größeren Schaden könnte er sich, seinem Film, seiner Mission nicht zufügen.

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Kinder spielen, Männer lachen, Frauen hängen Wäsche auf. Es sind glückliche Menschen in einem glücklichen Land. Bis die Amerikaner mit ihren Bomben kommen und alles kaputtmachen. Dieses ganze kleine private Paradies, das der Irak einmal war.

Das ist die schlimmste Szene in diesem Film. Sie ist fast schwerer zu ertragen als all die Aufnahmen von offenen Wunden, abgerissenen Gliedmaßen, toten Kindern. Michael Moore wollte den größtmöglichen Kontrast zwischen dem Irak vor und nach dem Krieg zeigen. Es reichte ihm nicht, das Land vor dem Angriff als eines zu zeigen, in dem Menschen natürlich einem halbwegs normalen Alltag nachgehen, das aber von einem Massenmörder und einem verachtenswerten Regime beherrscht wird. Die ausführlichen Szenen glücklicher Iraker mögen echt sein, die Wahrheit zeigen sie nicht. Um einen größeren Effekt zu erzielen, erzählt Moore eine Lüge. Einen größeren Schaden könnte er sich, seinem Film, seiner Mission nicht zufügen.

Dabei ist die Fälschung unnötig. Kein einziger seiner Vorwürfe gegen Bush und seine Hintermänner, gegen den Krieg und sein Kalkül würde dadurch entkräftet, daß er den Irak als das Unrechtsregime zeigte, das er war, oder ihn, wenn dies nicht sein Thema ist, zumindest nicht zu etwas verklärte, das er nicht war. Mit der Szene des paradiesischen Vorkriegsirak überschreitet der Film an einer einzigen, entscheidenden Stelle die Grenze von der legitimen Gegenpropaganda zur kalkulierten Unwahrheit. Man muß Michael Moore dafür prügeln. Es geht hier schließlich nicht um einen Film. Es geht darum, daß die Vereinigten Staaten Anfang 2005 einen anderen Präsidenten bekommen.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 25.07.2004, Nr. 30
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