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Stefan Effenberg Hat er Hitlers Tagebuch?

08.05.2003 ·  Wie die Vorstellung eines Buches, das schon vor Erscheinen ein Bestseller ist, zur Entlarvung seines Autors wurde: Stefan Effenberg, seine Autobiographie und die Stilblüten des Bösen.

Von Volker Weidermann
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Es war keine Ironie. Auch wenn sich der Verleger Bernd Lunkewitz später noch so viel Mühe gab, diesen Satz als einen versteckten Heiterkeitsausbruch seines Autors zu interpretieren.

Stefan Effenberg war in diesem Moment sehr ernst geworden. Ein Journalist, einer von über hundert, die sich gestern nachmittag im Keller des Berliner Kulturkaufhauses Dussmann zur Präsentation von Stefan Effenbergs Autobiografie "Ich hab es allen gezeigt" versammelt hatten, hatte gefragt, welches Werk der Weltliteratur ihn besonders geprägt habe. "Struwwelpeter" antwortete Effenberg zunächst. Und lachte. Dann flüsterte ihm jemand die repräsentative Antwort "Don Quichotte" zu. Doch Effenberg verwarf die Vorlage, wurde ernst und sagte: "Hitlers Tagebuch. Das hat mich dann doch interessiert." Völlige Stille im überfüllten Saal. Dann fragt der Moderator Oliver Welke leicht betroffen und Ironie-suchend nach: "Ähem, die Stern-Version der Tagebücher?" Effenberg blickt entschlossen vor sich hin und erwidert: "Nein, die niedergeschrieben wurde in dem Buch." Dann wenden sich die Frager wieder neuen Themen zu.

Tu Buße, Stefan

Die Journalisten hatten zu diesem Zeitpunkt schon alles erlebt, was sie von der Vorstellung eines Buches, das in einer wochenlangen Kampagne an jeder deutschen Litfaßsäule beworben wurde, nur erhoffen konnten: Kurz nachdem Effenberg auf dem Podium zwischen dem stets ironiebereiten ran-Moderator und Comedy-Mann Oliver Welke und dem grimmig entschlossenen Aufbau-Verleger Bernd Lunkewitz Platz genommen hatte und jedem sein strahlend weißes T-Shirt mit der golden-gotischen Aufschrift "Sei Lieb" präsentiert hatte, brach auf der Balustrade ein Tumult los: "Tu Buße, Stefan!" brüllte ein bärtiger Herr von oben herab. "Lies die Bibel, Stefan! Was tust Du unseren Kindern an, Stefan! Du bist Vorbild und hast Ehebruch begangen! Tu Buße!" und warf kleine Büßer-Zettel hinab und rief und klagte bis das Ordnungsteam des Kulturkaufhauses ihn gewaltsam entfernte.

Das Dreigestirn auf dem Podium blieb ruhig. Oliver Welke fragt, ob Herr Effenberg eine Bibel im Bücherregal habe. Er antwortet, er habe im Moment gar kein Bücherregal, er ziehe gerade um. Bernd Lunkewitz, der sich alle Mühe gab, dem massenhaften Medienauftrieb zur eigenen Imagekorrektur hin zum Rudi Assauer des Literaturbetriebs zu nutzen, blickte grimmig entschlossen vor sich hin, sog angestrengt an seiner Zigarre, die er pünktlich zu Beginn der Pressekonferenz entzündet hatte und nahm sich die deutsche Literaturkritik vor: "Was in den letzten Wochen im deutschen Feuilleton geschrieben wurde, das war Gesinnungskritik, keine Buchkritik." Bei einem Benjamin Lebert, so Lunkewitz, würde man ganz andere Maßstäbe ansetzen. Und die ganze Popliteratur, die sei auch nicht viel besser geschrieben. Und hier, bei Effenberg, fange man plötzlich an, an der Sprache herumzunörgeln.

Das ist ein freies Land

Wer Stefan Effenberg mit Kritik konfrontiert, bekommt an diesem Tag nichts anderes zu hören als: "Wenn der Herr das meint, dann soll er das so schreiben. Das ist ein freies Land." Und daß er jetzt plötzlich als der große Gegner des deutschen Bildungsbürgertums dastehe? "Ja, wer das meint, der soll das schreiben." Und daß es heißt, man müsse "Typen wie Sie bekämpfen?" Auch das ist dem Fußballer heute nur ein Achselzucken wert. Lunkewitz ist da aggressiver. Er will sich das herrliche Geschäft nicht mit moralischem Dreingerede kaputt machen lassen. Auf 250.000 Exemplare habe man die erste Auflage erhöht. Das Buch verspricht für den Verleger der größte Erfolg seiner Karriere zu werden. Da stören Gerüchte, Bertelsmann habe das Manuskript abgelehnt, weil es zu schlecht geschrieben sei und nicht zum Image des Konzerns passe.

Doch die Versuche des Verlegers, seinen Neu-Autor als guten Menschen zu präsentieren sind der peinlichste Moment des Tages. "Lesen Sie es. Und jeder, der es gelesen hat, wird sehen, in diesem Mann steckt ein weicher Kern." Es ist ein etwas lächerlicher, etwas hilfloser Moment. Natürlich weiß auch Lunkewitz, daß das Buch ein Erfolg ist, weil es verspricht, eine Art Bibel des Bösen zu sein. Eine rücksichtslose Abrechnung mit allem und jedem. Ohne Respekt. Ohne Angst. Doch wer einerseits mit dem mitleidlos Bösen Geld machen möchte und auf der anderen Seite noch auf der moralisch richtigen Seite stehen will und seinen Autor als "guten Menschen" präsentiert, der bekommt früher oder später ein Problem.

Und so mußte es wohl zu diesem einen entlarvenden Moment kommen, als Stefan Effenberg angab, als einziges Buch der Weltliteratur das Tagebuch Adolf Hitlers gelesen zu haben. Der Moment, in dem das Bündnis aus dem Willen zur Provokation und geistiger Schlichtheit sich offenbart. Bernd Lunkewitz saugt da immer nervöser an seiner Zigarre, kommt später ganz von selbst auf das Thema zurück, wohl wissend, daß da eigentlich nichts mehr zu retten ist und erklärt: Ich habe Stefan vorher extra noch gesagt, er soll nicht ironisch sein. Bitte keine Ironie, das verstehen die Leute hier nicht." Doch die Leute hatten es schon verstanden. Besser als dem Verleger in diesem Augenblick lieb war.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 09.05.2003, Nr. 107 / Seite 35
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Jahrgang 1969, verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

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