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Stefan Bachmanns „Die Seltsamen“ : Wenn du sechzehn bist, schreibe einen Bestseller!

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Jungstar der internationalen Literatur: Stefan Bachmann, geboren 1993 in Boulder, Colorado, lebt seit seinem elften Lebensjahr in Zürich und studiert heute Orgel. Bild: AFP

Harry Potter lässt grüßen: Mit „Die Seltsamen“ ist dem Schüler Stefan Bachmann ein griffiger Fantasyroman gelungen. Der Jungspund wurde in Zürich zu Hause unterrichtet. Geschadet hat das offenbar nicht.

          Geht das? Eine Grünhexe, die, wenn man ihr zu nahe kommt, deutlich nach „Blumen und Rauch und saurer Milch“ riecht? Was für ein Geruchscocktail! In der düsteren Welt, in der wir schon seit geraumer Zeit mit einem sehr traurigen Jungen namens Bartholomew umherirren, ist das nicht weiter verwunderlich. Es surrten schon mechanisch angetriebene Vögel über London und transportierten in ihren metallenen Herzen Todesurteile. In viktorianischen Häusern erstickt man an grünen Dämpfen. Steampunk, die Begeisterung für Retrotechnik, ist mittlerweile ein eigenes Genre, das in Stefan Bachmanns phantastischer Welt akustische und visuelle Akzente setzt und die Lektüre in einen Film verwandelt.

          Stefan Bachmann, heute 21 Jahre alt, hat diesen Roman mit dem Titel „Die Seltsamen“ schon mit sechzehn geschrieben. Seitdem er elf ist, studiert er am Zürcher Konservatorium Orgel und Komposition. Er will Filmkomponist werden, zum Buchtrailer im Netz läuft seine eigene Musik zu fallenden schwarzen Federn. Denn so fängt alles an: Die englische Stadt Bath wird von fremdartigen Wesen heimgesucht. „Gebrannt hatte nichts. Auch geschrien hatte niemand. Im Umkreis von fünf Wegstunden war alles wie ausgestorben, so dass niemand mit dem Gerichtsdiener sprechen konnte, der am nächsten Morgen auf seinem krummbeinigen Pferd angeritten kam. Jedenfalls kein Mensch.“

          Wölfe ziehen Kutschen, Gnome steuern sie

          Ein Riss teilte damals die Welt, in der Bartholomew aufwachsen muss - als Mischling mit Feen- und Menschenblut nicht gern gesehen. Was für bizarre Bilder, die Bachmann uns in knappen Sätzen hinwirft: Wölfe ziehen Kutschen, Gnome steuern sie. „Hagere alte Häuser“ neigen sich über die Straßen und verdecken den Himmel. Man wohnt in der Krähengasse und geht, wenn man Glück hat, arbeiten in der Heilkundlerstraße. Die Elendsviertel sind wie überall schlammig. Bachmann hat auf dem griffigen Tableau der Fantasyliteratur, durchaus mit Harry-Potter-Elementen, eine Geschichte über Ausgrenzung und Verfolgung geschrieben.

          Und es sind Sätze wie diese, die auch Erwachsene aufschrecken in dieser strotzend verfugten kalten, anorganischen Welt: „Ich fürchte, du wirst dich noch eine Weile mit Freunden zufriedengeben müssen, die du dir ausdenkst.“ Rums. Das sagt die Mutter zu Bartholomew, als sie ihn böse zugerichtet auffindet, mit Kratzern auf den Armen wie Schriftzeichen. Sie werden anschwellen und brennen. Bartholomew ist fortan ein Gezeichneter. Nachdem seine kleine Schwester Hettie verschwindet, ist es nur eine Frage der Zeit, wann man ihn holt.

          Bereits der vierte Roman

          Seitdem Stefan Bachmanns Roman, den er auf Englisch schrieb, in Amerika erfolgreich ist, hat man sich vor allem für die Geschichte hinter dem Buch interessiert. Sie ist tatsächlich ungewöhnlich: Bachmanns Mutter, eine Amerikanerin, hat den 1993 in Colorado geborenen Stefan wie seine vier Geschwister in Zürich selbst unterrichtet. Nicht in einem Schulzimmer, wie Bachmann im Schweizer Fernsehen erzählte: Sie ging von Kind zu Kind, von Schreibtisch zu Schreibtisch. Und ja, sie sei schon eine ganz Gescheite, versicherte Bachmann fast ein bisschen eingeschüchtert. Was sie nicht kann, bringe sie sich bei, Chemie zum Beispiel. Für ihn sei das normal. Warum sollte man das erklären?

          Der Steampunk-Roman „Die Seltsamen“ ist im Diogenes Verlag erschienen Bilderstrecke
          Der Steampunk-Roman „Die Seltsamen“ ist im Diogenes Verlag erschienen :

          Geschadet hat diese Art des Hausunterrichts offenbar nicht. Das Selbstbewusstsein, das man fürs Entwerfen und Ausformulieren einer ganzen Welt braucht, ist jedenfalls da. Ebenso Bescheidenheit. Vier Romane habe er vorher bereits geschrieben. Der erste sei schrecklich, der zweite etwas besser und so weiter. Man müsse halt üben. Wie bei Musikinstrumenten. „The Peculiar“, in sieben Sprachen verkauft, bestand dann. Bachmann googelte sich eine Agentin, die Dinge nahmen ihren Lauf wie bei Christopher Paolini, der mit fünfzehn Jahren den Fantasy-Bestseller „Eragon“ begann. Auch er hat nie eine öffentliche Schule besucht.

          Aber es griffe zu kurz, von dieser Biographie auf das Romanthema, das Anderssein, zu schließen. Ein Satz in diesem Interview mit dem damals Neunzehnjährigen lässt aufhorchen: „Alle sind eigentlich sonderbar“, sagt er da. Das ist eine ausgesprochen reife Position: Was „sonderbar“ heißt, relativiert sich, sobald man die Hintergründe kennt. Genau das erzählt sein Roman, allerdings etwas zu handlungsgetrieben, was Fantasyfans natürlich nicht abschrecken wird. Der Urmythos trägt ihn, wie „Der Herr der Ringe“, die „Narnia“-Chroniken oder, eine Nummer kleiner, die tollen „Gregor“-Bände von Suzanne Collins.

          Phantastische Bilderflut

          Auch der Roman „Die Seltsamen“ erwächst aus der Vorstellung, dass es jenseits der sichtbaren eine unsichtbare Welt gibt. Sie ist schon da, mit viel Magie, aber niemand ist dafür bereit. Selbst die Feen wissen nicht mehr, wer sie sind, weil „die Straße nach Hause verschwunden“ ist. Das Drama mangelnder Integration entfaltet sich am jugendlichen Helden, der am Ende mutterseelenallein in einem moralischen Konflikt erster Güte steckt. Die Fortsetzung folgt im Herbst.

          Im Eiltempo von Verfolgungsjagden und schnell wechselnden Szenen geht aber auch manches starke Bild verloren. Denn der Rausch der Bilder brauchte Vorstellungszeit und ruhig mehr von den liebevollen Details jener altmodischen Welt, in der abends bei Dämmerung Laternenanzünder damit beschäftigt sind, „die kleinen Flammenfeen, die hinter Glas in den Straßenlaternen kauern, mit Wespen und Libellen zu füttern“, wenn auch ohne viel Erfolg. „Bis zum Einbruch der Dunkelheit verbreiteten die mürrischen Geschöpfe jedoch nur mattes Licht.“ Stefan Bachmann kann originell und atmosphärisch ansprechend schreiben, jenseits seiner grenzenlosen Phantasie, die ein Glas voll Milch erfindet, das beim Umkippen zum Homunculus wird, mit Augen aus Apfelkernen. Jetzt darf er seinen Text atmen lassen.

          Stefan Bachmann: „Die Seltsamen“. Roman. Aus dem Englischen von Hannes Riffel. Diogenes Verlag, Zürich 2014. 367 S., geb., 16,90 €.

          Quelle: F.A.Z.

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