06.09.2004 · Aber er ist der Chefredakteur des "Spiegels". Stefan Aust im Gespräch: Warum er lieber Blatt macht als schreibt, seine Ideen für das Nachrichtenmagazin und die Fernsehsparte.
Von Michael HanfeldStefan Aust hat eine erstaunliche Karriere absolviert. Örtlich gesehen, hat er sich nicht viel verändert. Von der Zeitschrift "Konkret", wo er 1966 als Redakteur begann, zum NDR, wo er 1970 bis 1986 unter anderem für das Magazin "Panorama" arbeitete, bis zum "Spiegel", dessen Chefredakteur er 1994 wurde, sind es in Hamburg nur wenige Meter. Und doch hat der Chefredakteur des "Spiegels" einen langen Marsch durch journalistische Institutionen hinter sich.
Einem Eklat gleich hatte ihn der "Spiegel"-Gründer Rudolf Augstein 1994 gegen den massiven Widerstand der Mitarbeiter-KG eingesetzt. Seither führt Aust das einzige deutsche Nachrichtenmagazin, das diesen Namen verdient. Unumstritten ist er nicht, aber sehr erfolgreich - im Print wie im Fernsehen - und also von Neidern verfolgt, die darauf warten, daß er strauchelt. Doch er strauchelt nicht.
Die Fußstapfen Augsteins
Das hat den Grund, daß Stefan Aust nicht den Fehler begangen hat, in die Fußstapfen Rudolf Augsteins treten zu wollen. Wer das versuche, schrieb Aust in der inzwischen berühmten "Hausmitteilung" zum Tode Augsteins, der werde zwangsläufig scheitern. Indem er sich scheinbar kleiner machte, trat Aust genau damit jedoch die Nachfolge an - und verwehrte sie anderen, die sich schon als Herausgeber sahen.
Austs Erfolg hat auch damit zu tun, daß er als organisierender Chefredakteur dem "Spiegel" viel deutlicher seinen Stempel aufdrücken kann, als er dies als Schreiber je vermöchte. Und mit "Spiegel TV" hat er im Fernsehen eine Marke für Qualitätsjournalismus geprägt, die fleißig expandiert - aus seinem Reporterreich ist mit "XXP" ein Programm geworden, das in Wahrheit der private Nachrichtensender ist, als den sich N 24 und n-tv nur ausgeben. Stefan Aust ist - auch wegen seiner Verflechtung mit Alexander Kluges Firma DCTP - einflußreicher, als dies ein "Spiegel"-Chefredakteur ohnehin wäre.
Gemütszustand der wachsam-spöttischen Belustigung
Nur mit den Nachkommen von Rudolf Augstein findet Aust keinen Modus vivendi, ist er doch, wo sie gerne wären, zumindest gerne mitredeten. Sie aber müssen nach dem Tod des Vaters laut Vertrag eines von ihren fünfundzwanzig Anteilsprozenten am "Spiegel" abgeben, was dazu führt, daß sie entscheidend an Einfluß verlieren. Die Spiegel Mitarbeiter-KG, die jetzt fünfzig Prozent der Anteile hält, und der Konzern Gruner + Jahr mit zur Zeit 25 Prozent könnten künftig entscheidende Fragen unter sich ausmachen, wenn - ihnen die Augstein-Erben jeweils ein halbes Prozent Anteile abgegeben haben. Das ist der Konflikt, mit dem sich jetzt das Bundeskartellamt auseinandersetzen muß.
Derlei widrige Umstände auf seiten der Gesellschafter trüben die Laune des "Spiegel"-Chefredakteurs zumindest nicht ersichtlich. Sein allgemeiner Gemütszustand scheint vielmehr der wachsam-spöttischer Belustigung zu sein. Er wartet nur darauf, daß ihm sein Gegenüber das richtige Stichwort für eine schöne Gegenrede gibt.
Sie stellen mir eine Frage? Dann erklären Sie mir bitte, was sie damit meinen: etwa mit der Erkundigung, ob der "Spiegel" noch "links" sei. Also: Was ist links? Montagsdemos, Lafontaine? Links, könnte man sagen, ist heute die einfache Antwort, die der "Spiegel" nicht gelten läßt und die nur noch eine Rolle spielt, wenn es klar parteipolitisch fixierte Linien in der Debatte gibt. Doch wo gibt es die schon?
"Ich bin extrem realistisch"
Er habe schon während der Zeit des Kalten Krieges Schwierigkeiten mit einer solchen Zuordnung gehabt, sagt Aust. Manche hätten ihn für DKP-nah gehalten, weil er über die Berufsverbote oder die Haftbedingungen der RAF-Leute schrieb. "Aus bestimmten Positionen zu bestimmten Themen wurde ein ideologischer Zusammenhang gezimmert, doch traf der nie zu", sagt Aust.
Später habe man ihn als Neoliberalen gescholten. "Ich habe mich der Einordnung in bestimmte politische Grundmuster immer entzogen, bin nie in eine Partei eingetreten, nie auf einem Ticket gefahren und habe es deshalb auch damals beim NDR zu nichts gebracht, nicht einmal zum Leiter des Politmagazins ,Panorama'."
Wenn der "Spiegel" und Aust also nicht links sind, was ist er dann? Nach Ansicht des israelischen Journalisten Dan Setton, der letzthin für die Reihe "Spiegel TV" mit einer aufsehenerregenden Reportage über die Haß-Erziehung islamistischer Terroristen hervortrat, ist Aust - "straight". Geradeheraus, sachlich, was auch bedeutet, daß er dem "Spiegel" den alten Hang zur Häme ausgetrieben hat. ("Ich kann Häme nicht leiden. Ich bin einverstanden mit einem gewissen Grundsarkasmus und habe nichts gegen witzige, überspitzte, ironische Bemerkungen, aber nicht mit Häme.")
"Ich bin extrem realistisch", sagt Aust selbst. "Wenn ich zu irgend etwas aufgrund bestimmter Informationen eine bestimmte Position habe und feststelle, daß sich die Dinge geändert haben, bin ich jederzeit bereit, meine Position zu revidieren." So war es auch in der Frage der Rechtschreibung, bei welcher "Spiegel" und Springer zur alten Schriftlehre zurückgekehrt sind.
"Mein Berufsziel war nicht, schreibender Journalist zu werden"
Versuchen wir es beim Thema Schreiben mit einer anderen Frage: Trifft es Stefan Aust, der große Recherchebücher über die RAF und den Verfassungsschutz verfaßt hat, nicht, daß er ein Chefredakteur ist, in dessen Arbeitsvertrag vermerkt ist, daß er nicht schreiben soll?
"Mein Berufsziel war nicht, schreibender Journalist zu werden", sagt Aust und grinst. "Ich bin als Verlagsvolontär zu ,Konkret' gegangen mit gerade zwanzig. Was ich gut konnte, ist, einen solchen Laden zu managen und das Blatt zu machen. Als ich beim NDR anfing, habe ich zu schreiben begonnen, bei ,Spiegel TV' habe ich die Texte sehr vieler Sendungen geschrieben. Als ich zum ,Spiegel' kam, war es jedoch nicht meine Aufgabe, Artikel zu schreiben, sie bestand vielmehr darin, diese Redaktion zu organisieren und zu sehen, daß die richtigen Leute an den richtigen Stellen sitzen. Ich muß auch nicht schreiben, um mich selbst darzustellen. Ich bin nicht Rudolf Augstein. Jeder der sich die Schuhe anziehen würde, würde merken, daß sie zu groß sind. Sobald ich anfinge, Kommentare zu schreiben, würde alle denken, er wird sich überheben. Ich finde allein die Aufgabe gewaltig, die mir Rudolf Augstein übertragen hat."
Redakteure zusammenkoppeln
Diese Aufgabe ist Aust Schritt für Schritt angegangen. Es kamen Farbe, Erklärgraphiken und Meldungsseiten zu Beginn der einzelnen Ressorts. Doch sind, wie Aust selbst betont, die Kardinaltugenden geblieben: "Recherche, Hintergrundgeschichten und Zusammenhänge herstellen, das ist unser Programm. Unsere großen Geschichten sind heute noch größer. Wir haben den ,Spiegel' modernisiert, ohne seinen Kern anzutasten."
Dabei habe sich bewährt, daß sämtliche Reporter, die für die zwischenzeitlich eingestellte Monatsbeilage "Spiegel-Reporter" arbeiteten, vom Mutterblatt übernommen worden seien. "Was früher schon ein Markenzeichen des ,Spiegels' war, daß mehrere eine Geschichte schreiben, das haben wir jetzt perfektioniert. Es geht darum, richtig gut schreibende Redakteure zusammenzukoppeln. Wenn das klappt, können sie mit schriftstellerischer Kompetenz aktuelle Themen bearbeiten, und das kann kaum jemand so gut wie wir."
„Das war der Tag, an dem der Zweite Weltkrieg zu Ende ging."
Aust ist jedoch nicht nur ein kluger Manager und angeblich nicht allzu bequemer Chef, sondern auch ein Schatzgräber mit historischem Bewußtsein, der nicht rastet, bevor er gefunden hat, was er sucht. Er will die Geschichte, mit allen Details, vor allen anderen, exklusiv und mit Hintergrund. Dafür schickt er Reporter aus und sammelt, bis er den Erzählroman der Gegenwart beisammen hat.
Das ist das Erfolgsrezept von "Spiegel" und "Spiegel TV", und das hat dazu geführt, daß Aust am 9. Oktober 1989 an der Bornholmer Straße in Berlin einen Reporter postiert hatte, als die Mauer fiel. Während die ARD ein aufgezeichnetes Fußballspiel zeigte, sprach Aust für RTL - was er vorher nicht getan hatte und anschließend nicht wiederholte - einen Kommentar, den er mit dem ziemlich weitsichtigen Satz eröffnete: "Meine sehr geehrten Damen und Herren, das war der Tag, an dem der Zweite Weltkrieg zu Ende ging."
Den Sprechzettel zu diesem Kommentar verwahrt Stefan Aust bis heute. Doch ist er jetzt noch etwas schlauer als damals. Ihm sei klar gewesen, daß die Mauer "Ausdruck des zementierten Systems der DDR" war "und damit des gesamten Ostblocks, Ausdruck der Nachkriegsordnung, die durch die Ergebnisse des Zweiten Weltkriegs bestimmt war". Doch sei er "nicht auf die Wiedervereinigung gestoßen. Ich bin nicht auf den Gedanken gekommen, daß sich die Nachkriegsordnung so stark verändert. Und ich konnte auch nicht damit rechnen, daß die ganze Sowjetunion baden geht."
Der "Spiegel" als Meinungsführer unumstrittener denn je
Daß er mit dem "Spiegel" baden ginge, das erwarteten manche, als Aust seinen Chefredakteursposten von Hans-Werner Kilz übernahm, unter dem der "Spiegel" seine größten Erfolge als Skandalaufklärer feierte. Doch da Aust inhaltlich das Gegenteil dessen bewirkte, was geunkt wurde, auf den vermeintlichen "Häppchen-Journalismus" des "Focus" mit "gedrucktem Fernsehen" zu reagieren, wurden die Kritiker leiser.
Dazu trug auch bei, daß Aust Redakteure wie Michael Kloft, Armin Mahler, Gabor Steingart, Cassian von Salomon, und Georg Mascolo förderte, die als Rechercheure wie als Schreiber herausragen. Schmerzen mußte ihn derweil der Abgang des Recherchepapstes Hans Leyendecker zur "Süddeutschen Zeitung", der aus Protest ging, als Aust kam. Mit Matthias Müller von Blumencron fand der "Spiegel"-Chef derweil für den Internetauftritt "Spiegel.de" jemanden, der ihm in seinem Gestaltungswillen als Blattmacher gleicht.
Das Ergebnis ist, daß der "Spiegel" heute als Meinungsführer unumstrittener ist denn je. Das Thema der Woche findet sich eher dort als bei anderen, die exklusiven Geschichten, die am Wochenende die Agenturen beschäftigen, sind ebenfalls hier, wo Aust mit exaktem Gespür für die Halbwertszeit von Geschichten und für die richtige Dramaturgie der Leserführung Blatt macht. Heute muß man, was nicht immer so war, tatsächlich den "Spiegel" lesen, um etwas von jenen Hintergründen mitzubekommen, die sich im Tagesgeschäft nicht immer beleuchten lassen.
"Ich fand das extrem daneben.“
Weshalb sich Aust auch über eine Bemerkung rasend ärgert, die der Bundeskanzler in einem Dokumentarfilm von Thomas Schadt über ihn gemacht hat. Da sagte Gerhard Schröder, den Aust aus alten Tagen duzt, vor laufender Kamera in etwa wörtlich: "Damit gehe ich in den ,Spiegel'." Darüber habe er ein ernstes Gespräch mit dem Kanzler geführt, sagt Aust.
"Ich fand das extrem daneben. Und das habe ich mir sehr gut gemerkt." Er habe sich nicht nur über den Satz geärgert und die darin verborgene Einstellung des Kanzlers, den er sehr lange persönlich kennt. Er habe sich auch darin bestätigt gefunden, "daß wohl kaum eine Gruppe derart versucht, Menschen zu instrumentalisieren wie Berufspolitiker".
Problematische Beteiligungsstruktur
Wirkliche Gefahr droht dem "Spiegel"-Imperium des Stefan Aust aber nicht aufgrund inhaltlicher Anfechtungen, sondern wegen struktureller Gegebenheiten. So haben die Konkurrenten von "Focus" vor einiger Zeit erkannt, daß die Beteiligung von Gruner + Jahr an "Spiegel TV" insofern problematisch ist, als daß Gruner + Jahr ebenfalls eine Tochtergesellschaft des Bertelsmann-Konzerns darstellt, dem wiederum der Sender RTL gehört, bei dem "Spiegel TV" als sogenannter "unabhängiger Dritter" eine gesetzlich bestimmte Sendezulieferung übernimmt.
Das ist kartellrechtlich gesehen eine Eins-a-Verflechtung, bei der es für Aust nur einen Ausweg gibt: Gruner + Jahr muß sich weitgehend aus "Spiegel TV" zurückziehen. Am besten wäre es seiner Ansicht nach, die Mitarbeiter von "Spiegel TV" könnten Anteile übernehmen. Im Gegensatz zu den "Spiegel"-Mitarbeitern, die über die Mitarbeiter-KG fünfzig Prozent der Anteile am Verlag halten, sind die Mitarbeiter von "Spiegel TV" weder am "Spiegel" noch an "Spiegel TV" beteiligt. Schon allein das hält Aust für extrem ungerecht.
Daß "Focus TV" in einer Art Kuhhandel - um die Klage in dieser Sache zurückzuziehen - von Alexander Kluge die halbe Sendezeit von "Spiegel TV" zugesprochen bekam, das sei "sehr bitter: "Wir haben das schließlich auf eigenes Risiko aufgebaut. Daß Burda sich ins gemachte Bett einklagt, finde ich nicht in Ordnung. Mir wäre so etwas peinlich." Bei dieser Geschichte kann Aust richtig wütend werden, schließlich vertrete er mit "Spiegel TV" und mit Alexander Kluge bei XXP "einen Qualitätsanspruch, den sie im Privatfernsehen sonst kaum noch finden".
Doch gibt es auch beim "Spiegel" selbst ein Problem, bei dem abermals der Gruner + Jahr-Konzern eine Schlüsselrolle spielt. Dieser nämlich werde, so argumentiert namens seiner Geschwister Jakob Augstein, wenn die Erben ein Prozent ihrer Anteile abgäben, einen zu großen Einfluß auf den "Spiegel" haben, was angesichts der Tatsache, daß dort auch der "Stern" verlegt wird, bedenklich sei. Der Konzern wiederum kann allzu laut in eigener Sache nicht auftreten, weil er sich mit dem Bundeskartellamt zugleich um die Übernahme der deutschen Lizenz des Magazins "National Geographic" streitet, welche das Amt nach fünfjährigem Bestehen des Blattes widerrufen hat.
Vertrags läuft aus
Ein Privileg von Gruner + Jahr beim "Spiegel" bestünde künftig darin, allein mit der Mitarbeiter-KG über die Fortsetzung des Vertrags des Chefredakteurs zu befinden. Ende 2005 läuft dieser aus, und es ist nicht ersichtlich, daß Stefan Aust auf eine natürliche Konstellation zu seinen Gunsten rechnen kann. Daß Rudolf Augsteins Kinder in ihm einen Erbschleicher und keinen Sachwalter sehen, ist verschiedentlich offenbar geworden, ohne daß sich der 1946 in Stade als Sohn eines Landwirts Geborene davon etwas anmerken läßt.
Wenn der Erfolg zählt, dürfte es schwer sein, ihm eine Fortsetzung seiner Karriere in Hamburg zu verwehren. Mit dem Fernsehsender XXP hat er für diesen Fall gewissermaßen vorgesorgt. Doch wird niemandem verborgen bleiben, daß es dem Realisten Stefan Aust mit seinen Mitteln gelungen ist, das Erbe desjenigen anzutreten, dem angeblich niemand folgen kann. Sein Satz zum Streit um die "Spiegel"-Anteile lautet: "Aus Gesellschafterangelegenheiten halte ich mich generell raus."