22.06.2008 · Aus Amerika kommt die Nachricht, dass Tom Cruise' Filmfirma United Artists ein Foto Stauffenbergs so manipuliert habe, dass er seinem Darsteller Cruise ähnlicher werde: Der Mund ist voller, die Nase nicht so gerade, der Gesamteindruck viel dunkler.
Von Claudius SeidlMan muss in diesem Zusammenhang nicht schon wieder mit Hitler kommen - der Mann, wie man im Kino lernen kann, war eine Hülle, eine Maske, eine Travestie. Weshalb ihn, mit Oberlippenbart, Seitenscheitel und gepresster Stimme, eigentlich jeder Schauspieler spielen kann. Und keiner bleibt im Gedächtnis.
Mark Anton dagegen sieht, seit wir „Julius Caesar“ gesehen haben, wie Marlon Brando aus, Moses seit jeher wie Charlton Heston, und Ihre Majestät, Elisabeth II. von England, muss heftig kämpfen ums eigene Bild, seit Helen Mirren im Kino so eindrucksvoll Elisabeth war, wie das Elisabeth nur in ihren besten Momenten gelingt. Das ist die Macht der Schauspielerei und das Risiko des Kinos: Filmbilder haben eine Evidenz, Filmstorys meistens eine Plausibilität, womit die Wirklichkeit nur selten konkurrieren kann. Und insofern läuft naturgemäß das Filmprojekt „Walküre“, seit die Hauptrolle vergeben wurde, auf den Effekt hinaus, dass in den Köpfen der Kinogänger das Bild des Grafen Stauffenberg mit dem des Filmstars Tom Cruise verschmelzen wird, wenn der Film im nächsten Frühjahr in die Kinos kommt.
Aus Amerika kommt jetzt die Nachricht, dass Cruise' Filmfirma United Artists diesen Effekt schon vorweggenommen hat - das Internetmagazin slate.com hat das Doppelporträt Stauffenberg/Cruise, welches United Artists zu Werbezwecken verbreitet, genau untersucht und schwer widerlegbare Hinweise darauf gefunden, dass Stauffenbergs Foto so manipuliert wurde, dass die beiden einander ähnlicher werden. Der Mund ist voller, die Nase nicht so gerade, der Gesamteindruck viel dunkler; es ist, als läge Cruise' Schatten auf dem Bild. Das erinnert, einerseits, an Stalins Retuscheure, die nach jeder Säuberung wieder die soeben entlarvten Konterrevolutionäre aus den Gruppenfotos entfernen mussten.
Und es weist doch, andererseits, auf den Umstand, dass wir, in unseren deutschen Köpfen, ein zu helles Bild von Stauffenberg haben, ein Heldenbild, aus dem wir selber alle Schatten und dunklen Stellen entfernt haben.
Claudius Seidl Jahrgang 1959, verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
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